Befreiung der KZ-Außenlager vor 75 Jahren

Landkreis Landsberg: Gedenkfeiern in Krisenzeiten 

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MIt Abstand und Maske folgten die Geladenen der Gedenkfeier im Landratsamt.

Landkreis – Die Stimmung auf Gedenkfeiern in Verbindung mit den Verbrechen in der NS-Zeit ist bedrückend. Immer. Wenn zudem keine Versammlungen möglich sind, wenn die Überlebenden und deren Nachfahren aus Israel per Stream zugeschaltet werden, wenn die Anwesenden Abstand wahren müssen, wenn die Gesichter von Masken verdeckt sind, dann wird die Stimmung noch bedrückender. Und damit eindrücklicher. Empfinden konnten das die rund 20 Anwesenden bei der Gedenkfeier zur Befreiung der fünf KZ-Außenlager Kaufering-Landsberg vor 75 Jahren durch die US-Armee im Landratsamt, die der Verein „Gedenken in Kaufering“ am Jahrestag, dem 27. April, organisiert hatte. Ebenfalls in kleinster Runde legten die Bürgermeister von Landsberg und Kaufering in der Welfenkaserne Kränze nieder.

„Aufgrund der Corona-Situation ist es uns ein großes Anliegen, den 75. Jahrestag der Befreiung der fünf KZ-Außenlager Kaufering-Landsberg nicht ohne eine würdige Gedenkveranstaltung vergehen zu lassen“, betonte Vereinsvorsitzender Tyll-Patrick Albrecht. Insbesondere, da die Gedenkveranstaltung die Stadt Landsberg, der Markt Kaufering und auch die Bundeswehr im Bunker Ende März komplett abgesagt wurde. Drei Kameras, Videokonferenzen nach Israel, Zuschaltungen von zuvor aufgenommenen Videobotschaften und Ansprachen sowie Musik und Gebete gestalteten die Gedenkfeier.

Anwesend waren drei Vertreter der Religionen, dabei Stadtpfarrer Michael Zeitler und Pfarrer Jürgen Nitz aus Kaufering. Aus der Politik Grünen-Landtagsabgeordnete Gabriele Triebel und Grünen-Kreisrat Moritz Hartmann. Landrat Thomas Eichinger, Landtagsabgeordneter Alex Dorow und die zweite Bürgermeisterin Doris Baumgartl grüßten per Videobotschaft. Vertreter anderer Gendenkorganisationen, wie Gedenken im Würmtal oder Bürgervereinigung Landsberg im 20. Jahrhundert, waren geladen, ebenso Hauptmann Gerhard Bechtold als Vertreter der Bundeswehr.

Drei Holocaustüberlebende und ihre Familien aus Israel sprachen via Livestream zu den Gästen. Normalerweise wären sie eine Woche lang zu Besuch in Kaufering gewesen, berichtete Albrecht. Besuche in Schulen waren geplant, um jungen Menschen die Begegnung mit Überlebenden, den Augenzeugen zu ermöglichen. Doch wegen der Corona-Pandemie musste all das abgesagt werden. Aber deshalb dürfe man das Gedenken nicht absagen, so Albrecht: „Gedenken kann man nicht verschieben.“

Wichtig sei das Tradieren der Erinnerung an die nächsten Generationen, das gerade durch die gegenseitigen Besuche ermöglicht werde. Denn nur so könne man aus der Geschichte lernen und verhindern, dass sich der Holocaust wiederhole.

Einer der zugeschalteten Überlebenden war Yosip Kleinmann. Kleinmann, der auch im Eichmann-Prozess aussagte, wurde mit 14 Jahren in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert, bevor er nach Kaufering kam. Er erzählt von zwei Selektionen, die er überlebt hat, schließt mit „Du musst Hoffnung haben.“ Kleinmann hatte nach dem Krieg ein Plakat der US-Truppen mit nach Israel genommen, das die Bürger Landsbergs mit den Taten der Nationalsozialisten im Landkreis konfrontieren sollte. Seit November ist das Plakat in der Gedenkstätte „Yad Vashem“ zu sehen.

„Alle Schrecken der Nazis sahen wir bestätigt“, wird ein US-Soldat schreiben, der bei der Befreiung der KZ-Außenlager Kaufering-Landsberg am 27. April 1945 dabei war.

Ebenso per Videobotschaft oder live zugeschaltet wurden Max Volpert, Jehuda Beilis und auch Avigdor Neumann. Der 1931 Geborene berichtet vom Transport in Zugwaggons nach Birkenau, „80 bis 100 Leute in einem Waggon“, von der anschließenden Selektion, von den Kindern, die direkt in die Gaskammern geschickt wurden, vom Geruch verbrannten Fleisches. Neumanns Vater wurde ins Lager Kaufering VII gebracht, wo er starb. „Überlebt haben nur ich und meine Schwester.“ Für den Vater stellte der Sohn zusammen mit dem Kauferinger Verein in Kaufering einen Gedenkstein aufgestellt.

Live im Saal bezeichnete Michael Imhof von „Gedenken in Kaufering“ die trotz großer Schwierigkeiten und vieler Einschränkungen stattfindende Gedenkfeier als „deutliches Zeichen gegen Rassismus und Antisemitismus“. Zudem betonte er die Wichtigkeit des gemeinsame Erinnerns von Jung und Alt.

Pfarrer Nitz dankte der Gedenkarbeit der verschiedenen Landsberger und Kauferinger Organsiationen. Und auch den Besuchen der Überlebenden in Kaufering. „Sie haben einen Teil meiner Familiengeschichte, der mir gefehlt hat, gefüllt.“ Nitz las den Text eines Liedes vor, das anlässlich des Buß- und Bettags gesungen wird, danach wurde es ins Hebräische übersetzt verlesen. Zeitler betete mit den Anwesenden auf Wunsch des Kauferinger Vereins das Vaterunser. Abschließend erklang das Gedenkgebet mit den Namen der Konzentrationslager.

Gedenken im Bunker

Die Gedenkfeier in der Welfenkaserne

Am Morgen des 27. April wehten die israelische, bayerische und bundesdeutsche Flagge an der Wache der Welfenkaserne. In der Untertageanlage fand ebenfalls anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung der KZ-Außenlager Kaufering-Landsberg eine Gedenkveranstaltung statt.

„Alle Vorbereitungen hierzu liefen bereits seit vergangenem Jahr auf Hochtouren. Nur im Inneren der Kaserne bleibt es ruhig“, erzählt Hauptmann Bechtold. Denn auch hier habe die Corona-Pandemie Einfluss aufs Geschehen genommen. Die eigentlich geplante Veranstaltung wurde bereits im März abgesagt.

Statt großem Publikum, das anlässlich des 75. Gedenktages zu erwarten gewesen wäre, legten Landsbergs Oberbürgermeister Mathias Neuner, zweite Bürgermeisterin Doris Baumgartl, Bürgermeister der Marktgemeinde Kaufering, Thomas Salzberger, und der Standortälteste, Oberstleutnant Thomas Sandlein, im Beisein der Vertreter der Militärgeschichtlichen Sammlung „Erinnerungsort Weingut II“ am Gedenkstein Kränze nieder. In einer Schweigeminute wurde der Opfer der Verbrechen gedacht.
Susanne Greiner /PM

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