Unterstützungen für Kunst- und Kulturschaffende

Landsberg: Künstler, die durchs Förder-Raster fallen

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Kulturschaffende leiden massiv unter den momentanen Einschränkungen. Förderprogramme greifen oft nicht.

Landkreis – Künstler und Kulturschaffende sind seit dem ersten Tag massiv von den Einschränkungen in der Krise betroffen. Und bisher haben Bund und Länder noch keine Ideen für die Wiederbelebung von Theatern, Kinos oder auch Veranstaltungen wie Konzerte oder Ausstellungen vorgebracht. Fördermaßnahmen gibt es allerdings.Und dennoch fallen viele der Kunst- und Kulturschaffenden durchs Raster. Was bleibt, ist der Gang zum Jobcenter oder zum Sozialamt.

Gleich am Anfang der Krise startete die „Soforthilfe Corona“ (siehe Infokasten). Einige Künstler im Landkreis hatten sie gleich nach Bekanntwerden beantragt und die Gelder auch erhalten. Es mussten zu diesem Zeitpunkt noch keine Ausgaben belegt werden, geschweige denn, dass Kriterien konkret formuliert waren. Inzwischen ist das anders. Und das Kriterium „Verbindlichkeiten des Betriebs können nicht gezahlt werden“ ist problematisch: Viele Künstler haben keine Betriebskosten, die sie als fortlaufende Einnahmen geltend machen könnten. Oft ist das Zuhause des Künstlers zugleich das Atelier. Auch ‚Kunstvermittler‘ im Einmann-Betrieb, die auf Vernissagen Einführungen halten oder auch Ausstellungen kuratieren, haben selten ein aus der privaten Wohnung ausgelagertes Unternehmen.

Ein Beispiel dafür ist Kunsthistorikerin Urte Ehlers aus Landsberg. „Ich habe als Soloselbstständige kaum Betriebskosten.“ Momentan sei es auch nicht absehbar, wann sie ihre Arbeit wieder aufnehmen könne. „Zudem habe ich unwiederbringliche Honorarausfälle, die nicht mehr nachträglich wirtschaftlich hereingeholt werden können“, gibt sie zu bedenken.

‚Solokünstlern‘ wie Ehlers, die durch das Corona-Soforthilfe-Raster fallen, will der Freistaat 3.000 Euro zahlen. Wie die Kriterien dafür aussehen, ist aber noch nicht bekannt. Die zu Fördernden müssen jedoch in der Künstlersozialkasse (KSK) Mitglied sein – was nicht alle Kulturschaffenden sind. Auch, weil die KSK – die entsprechend einem Arbeitgeber die Hälfte der Sozialversicherungskosten der Selbstständigen übernimmt – nicht alle Berufe versichert, die mit Kultur zu tun haben. Auch dieses Schicksal teilt Ehlers.

Kulturschaffende, die jetzt ihre Privatausgaben wie beispielsweise die Miete nicht mehr zahlen können, haben nur noch eine Möglichkeit: Sie müssen ALG II beantragen – also Hartz IV. Wer die Anträge kennt, schreckt zurück: Vermögenswerte, Einnahmen und Ausgaben werden detailliert abgefragt. Zwar hat der Bund nach eigener Auskunft „den Zugang vereinfacht“, vor allem durch eine „wesentlich vereinfachte Vermögensprüfung“. Zudem werde man die realen Ausgaben für Miete und Heizkosten anrechnen, nicht die bei Hartz IV üblichen Grenzwerte setzen. Aber eine Voraussetzung ist nicht gekappt: Wer Besitz im Wert von über 60.000 Euro hat, bekommt keine Unterstützung. „Da wir aber im Alter als Selbständige keine Rente beziehen und nicht berechtigt sind, in die KSK einzutreten, müssen wir Rücklagen für das Alter bilden können, die wir jetzt nicht ausgeben dürfen“, erläutert Ehlers. Wer also zum Beispiel eine Wohnung zur Altersvorsorge besitzt, müsste die erst verkaufen, um dann Anspruch auf 432 Euro monatlich zuzüglich Miete und Heizkosten zu haben.

„Ich stoppe jetzt auf jeden Fall erst mal sämtliche Beiträge zu meiner privaten Altersvorsorge“, sagt auch der ‚Landsberger Barde‘, der Musiker Erik Müller. „Mir fehlen jetzt schon deutlich vierstellige Beträge“, rechnet der Vater zweier Kinder, der mit seiner Arbeit das Leben der Familie finanziert. Nicht nur fallen bei ihm sämtliche Konzerte aus: „Ich hätte zum Beispiel demnächst einen Auftritt mit dem Landsberger Vocalensemble als Lautenspieler gehabt.“ Auch seine Arbeit als Gitarrenlehrer kann er nur noch stark eingeschränkt ausüben. „Meine älteren Schülern kann ich via Skype unterrichten.“ Aber bei den jüngeren oder den Schülern, die noch nicht so lange spielten, sei das äußerst schwierig. Zudem sei oft das Netz überlastet und die Übertragung schlecht: „Dann kann ich stundenlang nicht unterrichten.“ Abgesehen davon, das Unterricht ohne Präsenz „stets zweite Wahl ist“. Müller hofft aber, dass das aktive Musizieren weiterhin geschätzt wird und „dass der Unterricht weitergeht“.

Vor drei Wochen hat Müller die Soforthilfe des Freistaats beantragt. Er habe nur Angaben über seine Verdienstausfälle machen müssen, Ausgaben seien nicht abgefragt worden. 5.000 Euro hat er beantragt. Gekommen ist bisher nichts.

Für manche sind die Soforthilfen nur ein Tropfen auf den heißen Stein. So berichtet Rebelz-Sound-Chef Bastian Georgi, Eventmanager und DJ aus Landsberg: „Aus vollen Auftragsbüchern ist eine verwaiste Zentrale geworden. Wir haben bis zum Ende des Jahres 100 Prozent Ausfall.“ Zudem gehe er nicht davon aus, dass er vor April nächsten Jahres wieder einen regulären Betrieb haben werde. Weshalb er sich, wie mehr als 350 andere bayerische Kulturschaffende – darunter Konstantin Wecker oder auch Willy Astor – für einen Kultur-Rettungsschirm für die bayerische Kulturszene ausspricht: der solange unterstützt, bis das Publikum wieder Veranstaltungen besuchen kann.

Unterstützung für Künstler

• „Soforthilfe Corona“ des Freistaats: Die Unterstützung des Freistaats für Betriebe bis 500 Personen kann bis zu 50.000 Euro betragen. Dafür muss laut Staatsministerium der Antragsteller „glaubhaft versichern, dass die Einnahmen aus dem Geschäftsbetrieb voraussichtlich nicht ausreichen, um die Verbindlichkeiten – zum Beispiel Mieten – zu zahlen.“ Dabei bleibt das Privatvermögen unangetastet.

• Um die ‚Solokünstler‘ ohne eigenen Betrieb abzufangen, sollen laut Kabinettssitzung vom 21. April jedem Künstler, der in der Künstlersozialkasse versichert ist (in Bayern rund 30.000), über drei Monate lang monatlich 1.000 Euro ausgezahlt werden, „wenn ihre Einnahmen aufgrund der Corona-Pandemie zur Sicherstellung des Lebensunterhalts nicht ausreichen“. Wie genau die Fördervoraussetzungen aussehen, hat das Wissenschaftsministerium bisher noch nicht festgelegt.

• Hilfe gibt es auch vom Bund mit einer Corona-Soforthilfe für Soloselbstständige und kleine Unternehmen bis zu zehn Angestellten. Die Zuschüsse liegen bei einmalig bis zu 15.000 Euro, je nach Zahl der Angestellten. Belege für die Ausgaben werden nicht gefordert, die Antragsteller müssen aber erläutern, „inwiefern ihre wirtschaftliche Tätigkeit durch die Corona-Pandemie wesentlich beeinträchtigt und ihre wirtschaftliche Existenz dadurch bedroht ist“. Sollte jemand bereits die ‚regionale‘ Soforthilfe beantragt und die Summe erhalten haben, wird sie mit der Bund-Förderung verrechnet. Der Antrag läuft in Bayern über das Wirtschaftsministerium. Auch hier gilt: „Kosten des privaten Lebensunterhalts wie die Miete der Privatwohnung oder Krankenversicherungsbeiträge können nicht durch die Soforthilfe abgedeckt werden.“

• Der Bund unterstützt auch freie Orchester. Die Kriterien: Das Orchester muss professionell sein und seinen Sitz in Deutschland haben. Zudem darf es nicht überwiegend öffentlich finanziert werden.

• GEMA-Mitglieder können von dem „Schutzschirm Live“ und einem „Corona-Hilfsfond für Härtefälle“ profitieren.

• Filmschaffende und Kinobetreiber werden von der Filmförderungsanstalt und dem FilmFernsehFonds Bayern unterstützt.

Mehr Informationen, auch zu Kreditaufnahme, gibt es unter www.bayern-kreativ.de.
Susanne Greiner



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