»Ich brauche einen Widerstand«

Landkreis Landsberg: Kulturförderpreisträger Louis Panizza aus Utting

Louis Panizza in seinem Arbeitszimmer in Utting.
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Louis Panizza in seinem Arbeitszimmer in Utting.

Utting – „Ich steh eigentlich nicht gerne auf der Bühne.“ Und wenn, dann macht Louis Panizza das lieber nur im Ganzkörper-Kostüm. So zum Beispiel als „Erleuchthund“ im Theaterstück des ELLE-Kollektivs „Der Prolog“, das im September über den Ammersee strahlte. Der knapp 29-Jährige entwirft und baut aber lieber das, was die Schauspieler umgibt und einhüllt: die Kostüme und das Bühnenbild. Für seine künstlerischen Arbeiten erhält der in Dießen Aufgewachsene jetzt den Kulturförderpreis des Landkreises Landsberg in Höhe von 1.500 Euro.

Wer Louis Panizza in Utting besucht, findet ihn in einer kleinen Oase: ein Haus mit großem Garten, wo er mit seiner Lebensgefährtin und der gemeinsamen, fast zweijährigen Tochter lebt. Schon in der Einfahrt grüßt den Besucher der weiße, ehrlich gealterte Pickup des ELLE KOLLEKTIVs, die Projektgruppe, in der Panizza ein Drittel ausmacht. Zuletzt zu sehen war das Vehikel im „Prolog“, wo es drei fantastische Figuren – den Erleuchthund, die blonde Stierin und das Meditier – ans Seeufer transportierte.

Momentan studiert Panizza noch Bühnenbild und Kostüm bei Katrin Brack an der Akademie der Bildenden Künste München. Bis Februar. Dann hat er, wenn alles klappt, sein Diplom. Ein bisschen später als andere, aber er hat schon als Bühnentechniker Theaterluft gerochen. Zum Beispiel an der Staatsoper in München oder dem Prinzregententheater. „Und vor dem Studium habe ich viel querbeet handwerklich gearbeitet.“ Sein erster ‚Mentor‘ war der Schondorfer Bühnenbildner Erwin Kloker. „Dass ich zu ihm gegangen bin, war eher Zufall. Es lag nahe“, sagt Panizza. Er ist eben familiär am Ammersee verankert. Mit ein Grund dafür, dass er nicht an der Hochschule in Hamburg studiert, obwohl er dort auch angenommen worden wäre.

Als freischaffender Künstler mit Familie könnte Panizza Sorgen haben. „Aber ich habe Glück in dieser Zeit, in der alles wankt.“ Denn gerade hat das ELLE KOLLEKTIV eine Förderung durch den Fonds Darstellende Künste bekommen. Das Trio kann jetzt über den Winter ohne finanzielle Nöte am Pathos-Theater forschen, experimentieren, Ideen auseinandernehmen und wieder zusammenfügen – auch für das 2021 anstehende „Meditier“, der letzte Teil der Trilogie „Die schlafende Vernunft“. Dessen Thema sei ursprünglich das Unbekannte, Mythische im „Wasser“ gewesen. Schon im Winter sei aber „Wahrheit“ dazugekommen. Im„Meditier“ wird es um das ‚Etwas‘ gehen, das im „Prolog“ im Ammersee versenkt wurde und jetzt wieder aus dem See geborgen wird. Die Frage dahinter: „Was ist Wahrheit?“ Denn was dieses graue, unförmige ‚Etwas‘ ist, darüber werden sich Wissenschaftler, Künstler und auch Sekten streiten. Äußerst aktuell. „Dass uns das Weltgeschehen so einholt, war nicht geplant“, sagt Panizza.

Panizzas Bühnen lassen staunen: ungewohnte Bilder, Traumhaftes voll eigener Ästhetik. Wenn er ein Bühnenbild entwickle, gehe das oft von der Bildidee aus, ohne einen Text. „Für das ELLE KOLLEKTIV hatte ich die Idee, ein Stück ohne Licht zu machen, nur mit dem Licht der Stirnlampen, die die Zuschauer tragen.“ So sei „Der Erleuchthund“ entstanden. Die „Blondierte Stierin“ wurde zum Stationentheater, der Zuschauer mittendrin. Und im „Prolog“ wanderte das Theater kurzerhand aufs Wasser, mit dem von Panizza entwickelten Floß. Die Kostüme für die drei Protagonisten hat er selbst genäht. Suchte Stoffe in Secondhandläden, „was könnte ein Ohr sein, aus was mache ich eine Lippe?“ Er habe dafür einen ganzen Monat gebraucht. Das entstandene Bühnenbild begeisterte. Dass dann auch noch der pralle Vollmond über dem See hing, sei aber reiner Zufall gewesen, lacht Panizza“.

„Ich will keine perfekte Illusion schaffen“, sagt der Uttinger. Pragmatismus bestimme das Entstehende. die Technik dahinter immer sichtbar. „Ich will nicht tricksen. Wenn man die Wirklichkeit sieht, dann weiß man, es ist ein Spiel. Und dann habe ich auch Lust, mich darauf einzulassen.“

Panizza kann auch ganz schlicht. In einer Arbeit für „Die Leiden des Jungen Werther“ im Nationaltheater Mannheim habe es nur ein kleines Budget gegeben. Letztendlich arbeitete Panizza ausschließlich mit weißen Umzugskartons. Die Ideen zu seinen Bühnenbildern findet der 29-Jährige alleine. Bevor er aber das Modell baut – „bucklig, wenn ich über dem Schreibtisch kleine Teile bastele“ – führt er Gespräche mit den anderen Beteiligten, als eine Art ‚Prüfstelle‘. Diese Zusammenarbeit gefalle im besonders gut. „Ich brauche einen Widerstand, jemanden, der mir sagt: ‚scheiß Idee.‘“

Neben dem Theater macht der Bühnenbildner auch Ausflüge zum Medium Film: zuletzt das Szenenbild für den Trailer zum „Kino der Kunst 2020“-Festival in München“. Aber seine Liebe gilt dem Bühnenbild. Der Traumjob? Gerade sei er im ELLE KOLLEKTIV glücklich. Auch weil die freie Szene im Gegensatz zum subventionierten Theater momentan nicht stillstehe, „wir können die Zwischenräume nutzen“. Dennoch, ganz frei in einem großen Schauspielhaus „mit dem Maximum an verfügbaren Mitteln“ ein Bühnenbild entwickeln zu dürfen, das sei schon ein Traum.

Fehler kommen trotz akribischer Arbeit vor. Aber Improvisation bereichert. Dass das Publikum beim „Prolog“ lange auf den Start warten musste, war keine Absicht, sondern tatsächlich ein ‚technischer Defekt‘: „Die Nebelmaschine wollte nicht, wir haben einen Zaun gerammt und uns, im Auto eingequetscht, angefaucht“, erinnert Panizza. Die durch den Fehler entstandene Stille – wusste doch keiner, ob sie zum Stück gehörte – habe ihnen aber so gut gefallen, „da ist der ‚technische Defekt‘ eben geblieben.“
Susanne Greiner

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