"Wir wollen niemanden nerven"

Landkreis Landsberg: Tuner distanzieren sich von Posern und Rasern

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Das Objekt der Leidenschaft: Uwe Karsts getunter BMW E92 erstrahlt seit Kurzem in ‘Gatsby Cream’. Und lässt sich mittels Airride komplett absenken. Karst wehrt sich dagegen, mit Posern und Rasern in einen Topf geworfen zu werfen.

Landkreis – Mit 240 Sachen über die Autobahn, mit 160 über die Bundesstraße – und das im Wettkampf gegeneinander. Meldungen über illegale Autorennen häufen sich. Erst vor Kurzem konnte die Polizei Landsberg ein Rennen bei Hurlach vereiteln. Sie nennt als Übeltäter die ‚Tunerszene‘ – eine Kategorisierung, die Tunern gar nicht passen will. Zum Beispiel Uwe Karst: Der Buchloer ist leidenschaftlicher Tuner und hat schon einen sechsstelligen Betrag in seinen BMW E92 gesteckt – der übrigens ‚nur‘ 170 PS hat. Karst distanziert sich: „Wir sind weder Poser noch Raser. Wir wollen nur unsere Autos zeigen, chillen, unseren Müll aufräumen und niemanden nerven.“

Der Buchloer bezeichnet sich und die seinen als „Autonarren“. Menschen, die ein „Glücksgefühl“ empfinden, wenn sie ihr Auto durch Tunen verändern, in ihren Augen verschönern können und dann das Objekt ihrer Leidenschaft anderen präsentieren. Als er einmal in Imola am Bahnhof angekommen sei und die Motorengeräusche von der drei Kilometer entfernten Rennstrecke gehört habe, „da habe ich Gänsehaut bekommen“, erzählt der 59-Jährige. „Das Geräusch der Formel 1 macht uns Autonarren verrückt.“

Ja, auch sie würden den Auspuff ihres Autos lauter machen. Aber nicht für illegale Rennen oder um im Angebermodus à la „The Fast and the Furious“ mit knallendem Auspuff durch die Straßen zu rasen. Vielmehr treffe er sich mit Gleichgesinnten in ganz Europa. Zum Beispiel am Wörthersee oder auch in Prag und Rotterdam, erzählt Karst. Sein schönstes Treffen sei mitten im Kurort Bad Ems gewesen. Wo „ganz normale Leute“ die Autos angeschaut hätten. „Ein 70-Jähriger hat mich gefragt, warum ich das mache“, erinnert sich Karst. Und genau das sei es, was er wolle: anderen Leuten verständlich machen, was an seinem Auto bemerkenswert ist. Bei dem Treffen an der OMV-Tankstelle in Hurlach seien von den 80 sicher die meisten keine Raser gewesen, ist Karst überzeugt. „Aber es gibt immer schwarze Schafe.“

Zu den Tuner-Treffen fahre er immer zwei Stunden früher: um nicht in die Polizeikontrollen, die es bei diesen Treffen immer gebe, zu kommen. „Die Polizei hat ja auch recht, wenn sie das kontrolliert“, findet Karst. Allerdings sei das ein Kampf, den man nicht gewinnen könne. „Die Leute werden erwischt, zahlen eine Geldstrafe, bauen die illegalen Teile aus, gehen zum TÜV und bauen sie dann wieder ein.“

Farbe? Gatsby Cream

Seinen BMW hat Karst 2008 gekauft, als er noch keine Ahnung vom Tuning hatte. Dann ging er online in ein BMW-Forum – und bestellte am nächsten Tag die erste neue Felge. Mittlerweile hat Karst einen sechsstelliger Betrag investiert. Sein Auto kann er jetzt mittels Airride, also Luftfederungssystem auf den Boden absenken. Und erst seit drei Wochen hat er es nach der Umlackierung von Rot in ‚Gatsby Cream‘ wieder bei sich zuhause. Andere gehen noch weiter: Beledern den Innenraum der Kotflügel und verchromen den Unterboden – Autos, die nur noch auf Anhängern transportiert würden, schon gar keine Zulassung mehr hätten, sagt Karst. Auch sein BMW wird nur am Wochenende und bei schönem Wetter freigelassen – und danach sofort wieder bis auf den letzten Millimeter geputzt. „Wir sind bekloppt“, gibt der Tuner lachend zu. „Wir sind süchtig.“

Zu viel PS ab Werk

Einen Grund für die illegalen Rennen sieht Karst darin, dass die Autos heute schon ab Werk mit viel zu viel PS ausgestattet seien. Manch klassischer Tuner habe hingegen vor 20 Jahren mit einem Polo und 45 PS angefangen. Viele der zumeist jugendlichen Raser würden sich aber auch ältere Modelle kaufen, Golf GTI oder fünf Jahre alte BMW oder Mercedes – die größeren Autos für die ‚Poser‘, die kleineren für die ‚Raser‘.

Das entspricht auch den Informationen der Polizei Landsberg in Bezug auf das kürzlich vereitelte Rennen in Hurlach. Die fünf beanstandeten Fahrzeuge seien laut Pressesprecher Michael Strohmeier „unter anderem Audi S3 (schon die erste Baureihe 1999 hat eine Höchstgeschwindigkeit von rund 240 km/h), Mercedes-Benz AMG 43 (rund 370 PS), BMW 335i (rund 330 PS)“ gewesen. Aber eben auch kleinere wie Honda Civic oder VW Golf. Zum Tunen der Autos steckt nicht nur Karst viel Geld: „Viele der Jugendlichen verschulden sich für so ein getuntes Auto komplett“, weiß der 59-Jährige.

Ein anderes Problem sieht Karst immer noch in der fehlenden Geschwindigkeitsbegrenzung auf Deutschlands Autobahnen: „Auf der A96 doch vor allem am Wochenende viele Autos aus der Schweiz. Die kommen doch zum Rasen.“ Und auch diese Aussage kann Polizeipressesprecher Strohmeier bestätigen: Eine Auskunft über die Baujahre der beim Hurlacher Rennen vorgefundenen Autos könne er nicht geben, „da es sich um Fahrzeuge handelte, welche im Ausland (Österreich/Schweiz) zugelassen sind“.

Karst empfiehlt den Rasern, auf den Nürburgring zu gehen: „Einmal die 24-Kilometer-Schleife fahren kostet 30 Euro.“ Oder gleich zum Hockenheim-Ring – für 40 Euro am Tag.
Susanne Greiner

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