»Endlich wieder am Anschlag sein«

Landkreis Landsberg: Wenn Künstler arbeitslos werden

Leeres Stadttheater Landsberg
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Bis sich die Sitze des Stadttheaters wieder füllen dürfen, wird noch etwas Zeit vergehen. Künstler und Kulturschaffende sind momentan stillgelegt.

Landkreis – „Ohne Kunst und Kultur wird‘s still.“ Oder eben auch: Um Kunst und Kultur wird‘s still. Vor allem um die, die sie machen. Im zweiten Lockdown wurde Künstlern und Kulturschaffenden gleich am Anfang die Möglichkeit geraubt, ihren Beruf auszuüben. Keine Ausstellungen mehr, keine Theateraufführungen oder Konzerte. Wie sieht die Situation der Künstler momentan im Landkreis aus? Kommen die Corona-Hilfen des Staats an? Und wie ist das, wenn einem ein Großteil des Alltags wegbricht?

Wenn Veranstaltungen wegfallen, gibt es keine Auftrittsmöglichkeiten. Weshalb Musiker und Schauspieler keine Gagen erhalten – Einnahmen momentan (und das ist nun schon ein sehr langes ‚momentan‘) also gleich Null. Bildende Künstler sind nicht auf Veranstaltungen angewiesen. Sie haben gerade aber keine Möglichkeit, ihre Arbeiten zu präsentieren – Ausstellungen sind ebenfalls nicht möglich. Zwar haben alle drei Bereiche die Möglichkeit, aufs Digitale auszuweichen. Aber wer schon einmal versucht hat, ein Theaterstück oder auch ein längeres Konzert am Laptop anzuschauen, weiß, was fehlt: das Publikum. Die Stimmung. Die Resonanz. Live eben. Nun könnte man denken, Maler oder Bildhauer hätten weniger Probleme mit dem Transfer ins Digitale. Haben sie wohl auch. Aber selbst die bildende Kunst braucht Raum – und letztendlich die Interaktion mit dem Betrachter.

Mehrere Künstler aus dem Bereich Malerei/Bildhauerei haben dem berichtet, wie es ihnen momentan geht. Die einheitliche Aussage: Finanziell kommen sie über die Runden. So hat einer die Möglichkeit bekommen, einen bisherigen Aushilfsjob zur Haupterwerbsquelle zu machen – ein Zufall. Ein anderer erhält ein Stipendium und ist auch mit seiner Kunst erfolgreich. Der Dritte ist finanziell nicht auf die Einkünfte aus seiner künstlerischen Arbeit angewiesen. Informationen über Künstler, die Hartz VI beantragt haben, gab es leider nur ‚über Eck‘. Allen gemein ist aber, dass sie die Interaktion mit dem Gegenüber vermissen.

Die folgenden Beschreibungen sind sicher nicht repräsentativ. Sie sind eher Porträts einzelner Kulturschaffender. Und zeigen gerade deshalb, wie unterschiedlich diese Branche ist.

Die Musikerin

„Jetzt nervt es langsam“, fasst Annette Rießner zusammen. Die Dießener Musikerin hat einiges versucht, um trotz Lockdown Konzerte ‚analog‘ und im Angesicht ihrer Zuhörer zu geben. Sie installierte eine Art Jukebox: Passanten vor ihrem Haus konnten ein Stück auswählen, vier Euro in eine Box einwerfen – und Rießner spielte auf ihrem Akkordeon das Gewünschte im vorgeschriebenen Abstand hinterm Gartenzaun. „Aber jetzt gibt es nur noch Live-Streams.“

Sie sei immer guter Dinge gewesen, trotz allem. Aber „da ist eben einfach der Beruf plötzlich weg.“ Eigentlich hätte sie letzten Sonntag bei einer Andacht spielen sollen. „Ich hab lange geübt. Jetzt heißt es wieder: ‚Verschoben auf 2022.‘“ Der Organist Johannes Skudlik habe den Musikern im Landkreis angeboten, gegen ein kleines Honorar zumindest bei Messen einen kurzen Auftritt realisieren zu können. „Nur wenige Minuten. Aber das fand ich total nett.“

Finanziell ist die Musikerin auf der relativ sicheren Seite: Sie hat dank einer vermieteten Ferienwohnung ein monatliches Einkommen und musste keine staatlichen Hilfen beantragen. „Und im Sommer und auch noch im Herbst konnte ich bei den Dießener Münsterkonzerten ab und zu spielen.“ Das Münster sei eben groß genug gewesen, so eine Möglichkeit habe aber natürlich nicht jeder. „Meine Hauskonzertreihe kann ich vielleicht in zehn Jahren wieder mal machen“, mutmaßt Rießner mit einer guten Portion Zynismus. Bis dahin nimmt sie eine CD auf. „Aber ich würde einfach mal gerne wieder richtig rumrödeln müssen, um alles am Tag zu schaffen. Endlich mal wieder am Anschlag sein – weil so viel los ist.“ Eine Zeit lang habe ihr die Ruhe gefallen. „Aber jetzt mutet es eher wie ein Fake-Leben an.“

Bildende Künstler

Fast alle von uns befragten Künstler berichten, dass die Situation einigermaßen in Ordnung ist. Namentlich möchte keiner erwähnt werden. Die meisten leben dabei nicht von ihrer Kunst. Viele haben andere Jobs, die mehr oder weniger mit ihrer eigentlichen künstlerischen Arbeit zu tun haben. Das spricht nicht gegen ihre Arbeit, sondern eher dafür, welche Wertschätzung der Kunst in der Gesellschaft gezollt wird.

Der erste Lockdown im Frühjahr scheint für viele schwieriger gewesen zu sein als die momentane Situation. Was auch daran lag, dass die damalige Coronahilfe für Soloselbstständige plötzlich nur noch zur Deckung der Betriebskosten beantragt werden durfte – nicht mehr für Lebenshaltungskosten wie Miete. Teilweise habe er nur noch von trocken Brot mit Butter gelebt, erzählt ein Künstler. Natürlich sei die Politik für das Nicht-Funktionieren der Hilfen mit verantwortlich, sagt er. Aber eben auch dafür, wie Steuergelder verwendet werden. Dass die Politik die Corona-Hilfe eingeschränkt habe, könne er deshalb verstehen. Er kenne auch einige aus der Kreativbranche, die die Hilfen beantragt hätten – obwohl sie auch ohne die Zuschüsse gut über die Runden gekommen wären.

Der Bildhauer Bert Praxen­thaler aus Epfenhausen berichtet aus seinem Bekanntenkreis von unterschiedlichsten Künstler-Situationen. So habe einer seiner Bekannten vor Kurzem ein hochpreisiges Bild verkaufen können – aufgrund eines Atelierbesuches. Auch zu ihm kämen Interessierte direkt ins Atelier, sagt Praxenthaler. Er habe aber auch Bekannte, die keinerlei Einnahmen mehr hätten. Zeitweise hätten sie Jobs beispielsweise als Kellner übernommen – solange das noch möglich war. Jetzt sei aber Hartz IV angesagt. Die Beantragung der Hilfe habe seines Wissens bei allen problemlos und auch zügig funktioniert.

Praxenthaler selbst gehört zu den Künstlern, die einen weiteren Beruf haben: Er arbeitet als Restaurator. Momentan sei er auch für Restaurations-Arbeiten viel in seinem Atelier. Aber das sei zu dieser Jahreszeit normal. „Für mich sind die Einschränkungen deshalb absolut akzeptabel.“ Das Jahr über sei im Bereich Restauration „ganz gut“ gewesen. Ein paar Abnahmen und infolgedessen auch die Bezahlung dafür hätten sich verzögert. „Aber das ist in Unternehmen ja nichts Ungewöhnliches.“

Neben seiner künstlerischen und restauratorischen Arbeit ist Praxenthaler auch 2. Vorsitzender des Galerievereins Landsberg. Und hofft, dass die Zedergalerie im späten Frühjahr wieder öffnen darf. „Bis dahin planen wir eine Übergangsausstellung, ‚Flowers‘, mit der Gilde, dem Kunstverein und dem RBK. Die Bilder kann man ja anschauen – obwohl die Scheiben zu sind.“

Die Kunstvermittlerin

Die Museen sind zu, die vhs ist geschlossen, Ausstellungen sind nicht möglich: Wer wie Urte Ehlers als Kunsthistorikerin vor allem in der Kunstvermittlung arbeitet, steht momentan auch auf dem Trockenen. Ein bisschen Licht am Horizont kann Ehlers jetzt erkennen: „Wir bekommen inzwischen Anfragen für digitale Führungen in Museen.“ Sie habe jetzt fest einmal pro Woche einen Kurs für Familien innerhalb des Pinakothekenprogramms. Dazu kämen unter anderem digitale Workshops im Rahmen des Museumsangebotes. „Sonst ist aber leider alles abgesagt.“

Sie sei dank ihres Netzwerkes aber in Ausstellungsplanungen eingebunden, beispielsweise für Marktoberdorf. Und zudem finanziell durch ihren Partner relativ abgesichert, „insofern kann ich mich wirklich glücklich schätzen. Aber es gibt auch einige in meinem Beruf, die depressiv geworden sind. Die finanziell wirklich am Ende sind.“

Im ersten Lockdown habe sie versucht, ein Unternehmergehalt zu beantragen. Aber „die können mit unserem Beruf nichts anfangen“, sagt sie in Bezug auf die vom Staat geforderten Voraussetzungen. Denn kaum einer von ihnen habe Betriebskosten. „Ich habe zuhause zwar ein Arbeitszimmer, in dem ich Führungen oder Ausstellungen vorbereite. Das setze ich von der Steuer ab. Aber das sind eben keine Betriebskosten.“ Inzwischen habe sich hier der Berufsverband Kunstvermittlung als Sprachrohr zu den Abgeordneten eingeschaltet. Fahrt- und Telefonkosten seien entschädigt worden. Und sie habe auch die Novemberhilfe bekommen, die Ehlers auch für Dezember noch erwartet. „Insofern geht es mir gut, da fühle ich mich privilegiert. Aber mir fehlen die sozialen Kontakte. Die spontanen Gespräch, der Austausch mit den mit Kollegen.“

Der Schauspieler

Bis einschließlich Oktober stand der in Dießen lebende Konstantin Moreth in Kehlmanns „Die Reise der Verlorenen“ auf der Bühne des Altonaer Theaters. Jetzt wäre er damit auf Tournee. Aber die fällt natürlich aus, „da geht es wohl frühestens im Mai weiter“. Dafür gab‘s im November vom Altonaer Theater immerhin Kurzarbeitergeld. „Aber seit November bin ich zuhause.“ Zwar habe er noch ein paar Proben zu ‚Sarajevo‘ gemacht, ein Stück der Moreth Company. Das sollte eigentlich, nach dem ersten abgesagten Versuch im Frühjahr, im Dezember Premiere haben.Geplant sei es jetzt für Anfang Juni, so Moreth. „Es ist alles ein einziger Verschiebebahnhof.“ Finanziell sei seine Situation aber, dank Kurzarbeitergeld und Überbrückungshilfe, die er mit Bezug auf sein Einkommen im Jahr 2019 beantragen konnte, „entspannt“.

Momentan kann der Schauspieler den ‚Ruhemodus‘ noch genießen. Er habe Zeit mit der Familie, mache lange Spaziergänge. „Ich bin nicht am Durchdrehen, weil ich jetzt nicht auf der Bühne stehen kann.“ Er schreibt neue Bühnenfassungen, spielt viel Gitarre. „Ich muss mir aber auch Aufgaben geben. Sonst verlottert man schon ein bisschen.“ Die Rückkehr nach dem ersten Lockdown in den Alltag sei tatsächlich nicht so einfach gewesen wie gedacht. „Aber ich freue mich sehr auf den Neustart – und darauf, wieder mit richtigen Menschen richtigen Kontakt zu haben.“

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