JaS - Jugendsozialarbeit an Schulen

Landkreis Landsberg: Wie Schüler mit der Coronakrise umgehen

Kleiner Junge von hinten deprimiert
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Angst vor Berührungen: Infektionsschutz-Maßahmen wirken sich auch auf die Psyche von Schulkindern aus.

Landkreis – Die Einschränkungen aufgrund der Pandemie haben massive Auswirkungen auf den Schulalltag. Neue Konzepte ersetzen bisherige Bestimmungen im Schnelltakt, Beständigkeit ist Mangelware. Auch das Leben nach der Schule hat sich für Kinder und Jugendliche geändert. Freunde treffen geht nicht, zusammen spielen auch nicht. Und wer in Quarantäne ist, darf sowieso nicht raus. Bei Jugendlichen zeige sich das in einem verstärkten Medienkonsum, sagt edie Gruppenleiterin vom Bereich Jugendsozialarbeit an Schulen (JaS) Sarah Jäger im Jugendhilfeausschuss. Und auch in Form von Ängsten: um die eigene Zukunft, aber auch um die Familie. JaS setzt hier an. Wie die Lage momentan ist und wie JaS helfen kann, haben JaSler mehrerer Schulen dem KREISBOTEN erzählt.

„Selbstverständlich lässt sich seitens JaS ein Zusammenhang zwischen den Auflagen zur Infektionsbekämpfung und zunehmenden Ängsten sowie einer gesteigerten Mediennutzung feststellen.“ Ähnliches wie dieser JaS-Mitarbeiter aus dem Bereich Mittel-/Realschule berichten auch die Sozialarbeiter der Bereiche Gymnasium und Grundschule.

Die Jugendlichen an den Beruflichen Schulen und auch den höheren Klassen der Real- und Mittelschulen hätten vor allem Zukunftsängste, melden die dortigen JaSler: „Erstmal allgemein, was passiert nächste Woche, aber auch spezifisch mit meiner Ausbildung.“ Einigen Azubis sei bereits gekündigt worden. Ebenso schwierig sei es gerade, einen Praktikumsplatz zu finden. Da der aber im Berufsintegrationsjahr notwendig ist, fürchteten Schüler ohne Praktikumsplatz ebenfalls um ihren Abschluss.

Lähmende Situation

Psychisch zeigten sich bei den Jugendlichen Versagensängste und Selbstzweifel, vor allem, da die Treffen mit Freunden kaum noch möglich seien – und damit das private „Unterstützernetzwerk nicht mehr funktioniert“. Insgesamt wirkten die Schüler unsicher, ängstlich und „durch die Situation gelähmt“, da sie ihr ausgeliefert seien, selbst nicht eingreifen könnten. In Beratungsgesprächen zeigten sich mehr depressive Verstimmungen. Die Jugendlichen „fühlen sich ständig niedergeschlagen und lustlos. Es gibt bei uns einen deutlich erhöhten Gesprächsbedarf.“

In der JaS an den Beruflichen Schulen Landsberg besprechen die Sozialarbeiter die schulische Situation individuell und entwickeln gemeinsam Alternativen für den Ausbildungsweg. Da aber viele Schüler auch psychisch belastet seien, versuche man diese auch an externe Beratungsstellen weiterzuleiten. „Aber auch unsere Schulpsychologin wird momentan viel angefragt“, sagt ein JaSler der Beruflichen Schulen.

An den Grundschulen sowie den unteren Klassen der Real- und Mittelschulen bemerken die Sozialarbeiter Ängste vor Kontakten oder auch die Angst, die Krankheit an die Eltern weitertragen zu können. Die Kinder hätten auch Angst um ihre Familie, wenn ein Elternteil beispielsweise eine leichte Erkältung habe. Grundschüler fürchteten sich vor zufälligen Berührungen, einige litten sogar unter Waschzwang, was sich auch in „panischer Handdesinfektion vor dem Betreten der Schule“ zeige.

Die Ängste manifestierten sich in Schulverweigerung und Rückzugsverhalten, aber auch in der Suche nach Nähe: Die Schüler hätten eine „erhöhtes Erzählbedürfnis“, sagt ein JaSler aus dem Bereich Grundschule.

Man versuche vor allem, „da zu sein und zuzuhören“, fassen die Mitarbeiter im Bereich JaS zusammen. Es gehe darum, die Ängste und Gefahrenpotentiale zu besprechen und einzuordnen, um den Schülern wieder eine „Grundsicherheit“ zu vermitteln. Und natürlich suche man auch den Kontakt zu den Eltern, vor allem, wenn man das Gefühl habe, „dass Kinder ‚aus dem Blickfeld der Eltern‘ geraten sind.“

Mediennutzung

Bei den Medien nehme das ‚Gaming‘ zu, aber auch die Zeit, die die Jugendlichen in Social-Media-Portalen zubringen, berichten die JaSler der höheren Klassen. Damit steige die Gefahr, „die Zeit aus den Augen und somit sich selbst darin zu verlieren“. JaSler der Grundschule sagen, dass schon im Lockdown der Medienkonsum angestiegen sei. Auch, da Eltern oft weiter arbeiten mussten, während Kinder zuhause ‚Schule online‘ bekamen. Beim Übergang in den Präsenzunterricht hätten sich diese Gewohnheiten bereits gefestigt gehabt. Da auch weiterhin schulische Aufgaben digital zu erledigen seien, könnten Eltern kaum herausfinden, wo der Übergang zwischen schulischer und privater Mediennutzung liege: Wann ist es Recherche, wann Surfen ‚just for Fun‘?

Die Folgen der verstärkten Mediennutzung: Unkonzentriertheit und Müdigkeit im Unterricht. Bei Grundschülern entwickle sich eine nicht altersgerechte Sprache, da sich viele durch vermehrten Videokonsum Jugendsprache aneigneten. Auch einen erhöhten Bewegungsdrang bemerken die JaSler der Grundschulen.

Die stärkere Mediennutzung sei logisch, da Eltern oft weniger Zeit für die Kinder und Jugendlichen hätten, sie auch von schulischer Seite zur Mediennutzung verpflichtet seien und zudem mangels sozialer Kontakte einfach mehr alleine sind – oder eben über Medien mit den Kumpels digital chatten.

In der Grundschule versuche man deshalb, mit den Kindern ein alternatives Freizeitverhalten zu besprechen: „Was kann ich auch zu Coronazeiten machen?“ Und man biete an, mit Eltern das Thema zu besprechen, Handyregeln zu erarbeiten oder auch Kindersicherungs-Apps zu installieren. Zudem biete JaS Projekte zur Medienerziehung: zum Beispiel das Projekt „fairnetzen“, in dem es neben Mediennutzung und -kritik auch um Rechtliches wie beispielsweise den Datenschutz geht.

„Wir können eher weniger auf die veränderte Mediennutzung einwirken“, sagt ein JaS-Mitarbeiter an den Beruflichen Schulen. Die Jugendlichen seien dafür einfach schon zu alt.

Die Jugendlichen aufgrund des steigenden Medienkonsums zu verurteilen, liegt allen JaSlern aber komplett fern: „Wir wollen eine Lanze für die Kinder und Jugendlichen brechen, die die letzten Monate so tapfer durchgehalten haben.“
Susanne Greiner

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