»Jeder muss bei sich selbst anfangen«

Interview: Landrat Thomas Eichinger zur Corona-Situation im Landkreis Landsberg

Landrat Thomas Eichinger in seinem Büro.
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Landrat Thomas Eichinger in seinem Büro. Er erhält viele Beschwerden wegen der Maßnahmen in Bezug auf die Coronapandemie.

Landkreis – Der Job von Landrat Thomas Eichinger (CSU) ist gerade alles andere als entspannt. Die Umsetzung der notwendigen Maßnahmen im Rahmen der Coronapandemie erfordern fast täglich neue Regelungen, Personaleinstellungen und neue Strukturen. Wie sieht er die momentane Lage? Und wie schätzt er die Stimmung in der Bevölkerung ein? Der KREISBOTE hat nachgefragt.

Vor Kurzem hörte ich in der Stadt einen Passanten sagen, in der Klinik würden nur zwei Patienten wegen einer Infektion mit dem Coronavirus behandelt. Und beide seien vollkommen symptomlos. Spiegelt diese doch eher absurde Aussage die Stimmung in der Bevölkerung wider?

Thomas Eichinger: „Ich glaube nicht, dass das die Mehrheit ist. Die Gesellschaft ist jetzt gespaltener als im Frühjahr, wo noch das gemeinschaftliche Durchstehen der Situation überwog.Die Gruppe, die die Maßnahmen im Rahmen der Pandemie als eine Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit kritisieren, wird größer. Und lauter. Und die Leugner und Verschwörungstheoretiker scheinen auf Mitgliederfang zu gehen.

Ich finde die Maßnahmen auch nicht schön, aber sie sind besser, als unter einer echten Seuche leiden zu müssen. Wir sind da noch auf der Sonnenseite. Im Moment gilt es, sich im Griff zu haben, vernünftig zu sein. Das erfordert eine hohe Disziplin. Emotion ist hier kein Freund.“

Erhalten Sie kritische Anschreiben oder Beschwerden?

Eichinger: „Ja, auf jeden Fall. Egal was ich mache. Auch wenn wir Maßnahmen lockern, wie beispielsweise das Aussetzten der Maskenpflicht für Grundschüler, gab es Kritik. Am Freitag haben wir das Thema erneut besprochen, weil seit Montag auch die für Grundschüler bisher geltende Allgemeinverfügung des Landkreises Landsberg nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte. Jetzt gilt auch hier wieder die Maskenpflicht für Grundschüler, aufgrund der achten Infektionsschutzmaßnahmenverordnung, ohne regionale Ausnahmen. Das staatliche Programm ist rigider geworden. Auch das gibt Diskussionen. Auch, weil die Regeln teilweise sehr starr, unflexibel sind. Das führt bei der Kinderbetreuung zu Schwierigkeiten und zu einer zeitlichen Verringerung der Betreuungsangebote.

Das ist sehr schade, dass wir da nicht mehr individuell reagieren können. Momentan war nur noch eine Klasse bis Montag in Quarantäne, in den Kindergärten sind es nur eine Handvoll Infektionen. Da könnte man eigentlich lockern.“

Was würden Sie tun, wenn Sie merken, dass bei Ihren Nachbarn eine private Feier mit 50 Personen stattfindet? Angeblich habe Söder ja zum Denunzieren aufgerufen, was inzwischen aber als Ente enttarnt wurde.

Eichinger: „Wir sind ja alle erwachsen, keiner will da ein Denunziant sein. Aber es geht ja momentan auch um Leib und Leben, vor allem der Älteren. Ich würde meinen Nachbarn einfach direkt ansprechen.

Insgesamt denke ich, dass wir uns im Umgang mit dem Virus etwas zu sehr loben. Wir vergleichen uns immer mit Italien oder Spanien. Aber andere Länder, zum Beispiel China oder Südkorea, haben das viel besser in den Griff bekommen als wir. Das hat mit unserer fast pubertären Haltung ‚Meine Freiheit darf nicht begrenzt werden‘ zu tun. Jeder muss jetzt bei sich selbst anfangen und für sich Verantwortung übernehmen.“

Wie ist die personelle Situation bei den Contact Tracing Teams (CTT), und generell im Gesundheitsamt?

Eichinger: „Da ist noch alles unter Kontrolle, aber die Menschen dort stehen enorm unter Druck Am Anfang dachten wir: ‚24 CTT-Leute, das ist viel‘. Aber schon nach zwei Wochen mussten wir noch mehr anfragen. Die Stimmung ist angespannt. Inzwischen haben wir dort auch Personal von den jetzt geschlossenen Bädern bekommen, dazu auch von der Polizei und der Bundeswehr. Wir haben uns auch nochmal zwei Ärzte gesichert. Aber wenn diese Situation mit dem Anstieg der positiv Getesteten noch eine Woche so weitergehen würde, schafft es das CTT-Team nicht mehr.

Dass wir so viel testen, hängt ganz einfach damit zusammen, dass wir auch so viele positive Fälle haben, deren Kontakte getestet werden müssen. Wir sind da im Moment in einer Tsunami-Situation. Aber jetzt (Stand: Dienstag) sinkt die 7-Tage-Inzidenz ja. Vielleicht greifen ja schon die Maßnahmen.“

Wie sieht es im Klinikum aus?

Eichinger: „Aktuell (Anm. d. Red.: Montag) sind dort zehn Patienten mit COVID-19 auf der normalen, vier auf der Intensivstation, aber keiner muss beatmet werden. Aber das Haus ist insgesamt gut ausgelastet, nicht mehr so leer wie im März, als alle nicht notwendigen Behandlungen ausgesetzt wurden. Das wird eventuell der nächste Schritt im Klinikum sein müssen, nicht dringende Eingriffe zu verschieben. Da haben wir noch einen Puffer.

Eine neue Info-Politik?

Die ‚verschlossene‘ Informationspolitik des Landratsamtes wird öfter kritisiert. Warum haben Sie die Presse über die Infektionsfälle in Vilgertshofen und Landsberg jetzt informiert?

Eichinger: „Weil wir bisher noch nie eine so hohe Zahl an Infektionen in einer Senioreneinrichtung oder einem Pflegeheim hatten. Zuvor haben wir alle Betreiber der Senioren- und Pflegeeinrichtungen zusammengerufen und die Info-Politik besprochen. Wir wollen weiterhin nicht mit dem Finger auf jemanden zeigen, niemanden stigmatisieren. Aber die Bevölkerung soll nicht denken, dass wir etwas ‚verschweigen‘ aber wir wollen der Bevölkerung mitteilen, wo die Infektionen stattgefunden haben, also in welchem Ort. Landsberg hat dadurch einen Puffer, weil es mehrere Einrichtungen hat.“

Gibt es Infektionen auch in anderen Unterkünften, zum Beispiel bei Asylunterkünften oder Firmenangestellte, die zusammen untergebracht sind?

Eichinger: „Ja, die gibt es. Und das Virus scheint jetzt wegen der niedrigeren Temperaturen ansteckender zu sein. Im Sommer hat ein Infizierter selten seine Mitbewohner angesteckt. Jetzt haben wir immer gleich sehr viele positiv Getestete in solchen Sammelunterkünften.“

Haben Sie Einrichtungen, in denen Sie die infizierten Personen isolieren können?

Eichinger: „Momentan sind alle Senioreneinrichtungen noch isolationsfähig, aber wir könnten auch da einzelne Personen herausnehmen. In Asylunterkünften machen wir das ja bereits, diese Personen werden auf dem Fliegerhorst-Gelände bei Penzing untergebracht. Das ist allerdings leichter, als zu pflegende Menschen zu isolieren. Dafür ist ja auch das Personal wichtig. Der Vertrag für die Unterbringung in der ehemaligen Senioreneinrichtung in Riederau ist fertig, da könnten wir rein. Sobald das notwendig wird, machen wir das.

Ein Problem sind auch die Rückkehrer aus dem Klinikum. Die Heime sind da sehr vorsichtig. Auch die könnte man in Riederau unterbringen, bis ein negativer Test vorliegt. Oder auch in anderen Einrichtung wie der psychosomatischen Klinik in Windach.“

Was halten Sie von den von der KVB vorgeschlagenen Idee, Besucher und zu Pflegende mittels Antikörper-Schnelltests zu prüfen?

Eichinger: „Am Anfang standen wir denen kritisch gegenüber, da sie ja eine hohe Fehlerquote, vor allem für falsch positive Ergebnisse, haben sollen. Allerdings hatten wir bisher keinen Fall, in dem eine per Schnelltest positiv getestete Person nicht tatsächlich positiv gewesen wäre. Deshalb stehe ich den Schnelltests inzwischen positiver gegenüber. Vielleicht wäre das eine Möglichkeit für solche Einrichtungen.“

Den Neubau verschieben?

Wie geht es dem Landkreis finanziell? Muss auf den Bau der Außenstelle Am Penzinger Feld verzichtet werden?

Eichinger: „Bei den Finanzen sind wir in geordneten Verhältnissen, auch was die Kreisumlage angeht. Wir sind in einer gedämpften Lage, aber noch auf hohem Niveau. Ich will sparsam sein, aber die notwendigen Dinge müssen wir tun. Auch der Bau am Penzinger Feld ist ökonomisch notwendig, weil die Mieten für unsere zahlreichen Außenstellen auf Dauer einfach zu hoch sind. Langfristig gedacht ist das günstiger. Man wird darüber sprechen können. Aber ich habe von den Bürgermeistern nur positive Rückmeldungen zu dem Bau.“

Und wie geht es den Unternehmen im Landkreis?

Eichinger: „Unterschiedlich, die einen sind wahre Gewinner, andere leiden unter fehlenden Einnahmen. Dass aber zum Beispiel die massiven Schließungen in der Gastrobranche auch Auswirkungen auf Rational haben, ist klar. Da werden wir auch Probleme mit den Gewerbesteuereinnahmen bekommen. Das ist ja auch eine Art Nahrungskette: Geht es den kleinen Fischen nicht gut, hat auch der Wal Probleme.“

Können Sie die Wut der Gastro- und Kulturbranche aufgrund der teilweise nicht logischen Maßnahmen verstehen?

Eichinger: „Ja, die Maßnahmen wirken da teilweise unlogisch, auch ich habe damit Schwierigkeiten. Ich bin bereit, das vier Wochen zu akzeptieren, aber die Gastro muss auch in einer Pandemie möglich sein. Ich glaube nicht, dass die vielen Infekte aus der Gastro kommen.

Die Kulturszene trifft es am härtesten, das ist eine bedrohliche Szenerie momentan. Das sind die, die auch keine finanzielle Fettschicht haben, da sind viele am Ende ihrer Kräfte. Ich hoffe, dass der Staat oder wir als Kommune eine Rettung auf den Weg bringen können. Aber auch der Kontakt Künstler-Publikum ist ja nicht ersetzbar, dafür braucht es einen Raum abseits des Virtuellen. Aber auch hier dürfen wir keinen Sonderweg gehen.“

Das ist wie bei unserer bisherigen Regelung mit der Nicht-Masken-Pflicht für Grundschüler. Mit solchen Maßnahmen wollen wir zeigen, dass wir individuell reagieren. Genau so etwas erhält Vertrauen. Was man nicht nachvollziehen kann, dafür tritt man selbst nicht ein. Man tritt nur für etwas ein, von dem man selbst überzeugt ist.

Regeln brauchen aber auch allgemeine Anerkennung. Und wir leben davon, dass die Bürger diese Regeln pflegen. Das ist ein Spannungsfeld. Ich bin froh, dass ich diese Regeln nicht machen muss. Das ist ein schwieriges Geschäft.“
Susanne Greiner

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