Unbändige Spiellust

Landsberg: Berliner Shakespeare Ensemble brilliert mit "Maß für Maß"

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Die Shakespeare Company Berlin besticht im Stadttheater Landsberg mit einem überbordenden "Maß für Maß"
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Die Shakespeare Company Berlin besticht im Stadttheater Landsberg mit einem überbordenden "Maß für Maß"

Landsberg – Zu manchen Theaterabenden sollte man sich verkleiden. Zum Beispiel, wenn die Shakespeare Company Berlin spielt. Zu empfehlen wäre etwas Überschwängliches. Tüll! Glitzer! Bommelmützen! Dazu Wachteln mit Trauben und ein erlesenes Glas Wein. Oder drei. So könnte man vielleicht der unbändigen Spiellust und Lebensfreude dieses Ensembles ansatzweise gerecht werden. Auch am Samstagabend stellten die Berliner mit Shakespeares „Maß für Maß“ im Stadttheater unter Beweis, dass Mut zu Übertreibung, Slapstick und Exaltiertheit zu wahrem Theatergenuss führen kann.

„Maß für Maß“ ist eines der Shakespear‘schen ‚Problemstücke‘: mit weniger Traum, dafür ernsteren Inhalten. Unter der Regie von Matthias Grupp sind das Barmherzigkeit versus Macht, weibliche Selbstbestimmung gegen männliche Dominanz. Dass es dennoch eine Komödie ist, zeigt die Company gleich im Prolog: Hinter den Wandelementen wird gevögelt, gefressen, gemordet. Löcher in den Wänden bieten Ausschnitte feil: eine Peepshow. Und dann der Auftritt Herzog Vincentio (Tobias Schulze), mit Puderperücke in Extension-Version, dazu das Glitzerwams. Und wenn sich die Lippen öffnen, kommt tiefster Wiener Schmäh hervor. Ebenso exaltiert wie Kostüm und Sprache ist die Mimik – besser: das Grimassieren, und zwar bei allen fünf der grandiosen Schauspieler. Lächeln wird zum Grinsen, Weinen zum Sturzbach, Entsetzen zu Munchs Schrei.

Nur einer hat sein Gesicht unter Kontrolle: Angelo (Nico Selbach), der dem Sittenverfall durch Strenge ein Ende setzen soll, während der Herzog offiziell in Polen weilt und seine Hände in Unschuld wäscht. Denn wer verbietet schon gerne Spaß? Angelo indessen „glaubt sich frei von Lust und Trieb“, setzt Gesetz um, und zwar rigoros. Da frisst die Macht die Menschlichkeit (das erste ernste Thema des ‚Problemstücks‘), und Claudio (Vera Kreyer) wird zum Tode verurteilt, hat er doch Julia geschwängert. Natürlich, welch Sittenverfall, unehelich.

Helfen soll Claudios Schwester Isabella (Katharina Kwaschik), noch Novizin. Doch anstatt Angelo mit Worten überreden zu können – denn was ist sein Missbrauch der Macht anderes als Tyrannei? –, ist der von ihrer Unschuld so angetörnt, dass er ihr die Freiheit des Bruders gegen eine gemeinsame Nacht anbietet. Keine Sünde, denn „Taten, die erzwungen werden, gelten nicht als Schuld.“ (Was für ein perfider Satz!) Will sie nicht, dann eben mit Gewalt (das zweite der ernsten Themen). Doch Isabella beherrscht trotz Novizenstatus den Tritt in die Weichteile und kann sich retten.

Sicher, dass ihr Bruder einer Meinung mit ihr ist, tröstet sie ihn im Kerker, zugegebenermaßen nicht wirklich mitfühlend, aber realistisch: „Der Tod ist nur solang man auf ihn wartet schlimm.“ Claudio hat indessen keine Bedenken, ihre Unschuld für sein Leben zu fordern – was Isabella in Rage bringt: „Ist es nicht Inzest, wenn du nur lebst durch deiner Schwester Schande?“ Ihre Wut über die Fremdbestimmung setzen die Berliner perfekt um: Während die Schwester wutschäumend über die Bühne fegt, schnippen sich die vier anderen a cappella swingend vor sie. Schirmen Isabella vom Publikum ab, versagen ihr so die Öffentlichkeit.

Auch die Lösung des Problems ist nicht frauenfreundlich: der ‚bed-trick‘, schick einfach ein anderes Weib zum Fiesling. Wie es sich trifft, ist das Angelos Verlobte Mariana (Katja Uhlig), die er hat sitzenlassen. Dass hier mit der Frau geschachert wird, ist egal. Sie ist doch die Verlobte! Das Thema setzt sich bis zum Ende fort: Das ist eigentlich happy, denn Claudio lebt. Aber er und der Herzog sind die einzig Glücklichen: Angelo ist zwangshalber mit seiner Verlobten vereint (was beide nicht wollen). Und Isabella ist in die lüsternen Fänge des Herzogs geraten. Maß für Maß, gleiche Strafen für gleiche Vergehen: Es funktioniert nicht wirklich.

Und das soll eine Komödie sein? Absolut. Denn da ist so viel Spielfreude, Wortwitz, Kalauer und Humor, dass trotz ernstem Thema der Spaß bleibt: Slapstick à la ‚Dinner-for-One-Tigerkopf‘, wenn Sekretärin Schröder wegen ihrer Schulterpolster wiederholt im Durchgang steckenbleibt. Grandiose Musik, Choräle, Swing, Klassik, live von den fünf Schauspielern dargeboten. Es wimmelt von skurrilen Gestalten mit ebensolchen Kostümen: ein fleischfarbenes Tüll-Penislätzchen, Rugbyhelm samt Suspensorium, Norwegerpullover, Bommelmütze. Es gibt einen Zwerg, der Henker ist gar Frankensteins Monster. Und sollte das alles nicht ausreichen, ist da immer noch die „Blockflöte des Todes“.

Das zweistündige Stück fliegt nur so dahin, ein Kaleidoskop der Sinnlichkeit, nie zu platt, immer fordernd – und seien's nur die Lachmuskeln. Man würde gerne gleich nochmal. Aber dann mit Wachteln, Wein und Glitzer. Das Publikum dankt mit Bravo-Rufen.
Susanne Greiner

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