Retro, aber gut: Schulboten

Landsberg: Das analoge Schulbotenkonzept läuft

Andrea Schulz und der Schulbote für die Mittelschule Landsberg
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Lehrerin Andrea Schulz (links) übergibt den Karton mit Schulmaterialien an den Fahrer des Kurierdienstes – den ‚Schulboten‘.

Landsberg – Zwei Flüchtlingsheime in Landsberg sind derzeit von Coronafällen betroffen. Immer wieder stehen positiv Getestete oder direkte Kontaktpersonen unter Quarantäne. Für zehn Kinder der Mittelschule Landsberg bedeutet das: Sie können nicht am Präsenzunterricht teilnehmen. Gut, dass es das Notfallkonzept der „Schulboten“ gibt (der KREISBOTE berichtete), auf das jetzt zurückgegriffen werden kann. 

Es musste schnell gehen. Die Kinder, die in den betroffenen Asylunterkünften leben, dürfen gerade nicht zur Schule gehen. Aber auch Home-Schooling ist nicht ohne Weiteres möglich für sie. „Es fehlt ihnen einfach an technischer Ausstattung“, sagt Anja Schweikert, kommissarische Leiterin der Mittelschule Landsberg. Viele hätten gar kein Endgerät, von dem aus sie die Arbeitsaufträge abrufen können. Oder, wenn ein PC vorhanden, gebe es kein W-LAN. Auch das mache es unmöglich für sie, Online-Material einzusehen, geschweige denn, die Aufgaben zu lösen. Damit die Kinder nicht zu viel versäumen, hatte die Mittelschule Landsberg Plan B bereits „in der Tasche“ – und greift jetzt darauf zurück: auf einen analogen Botenservice, den die Frank Hirschvogel Stiftung ins Leben gerufen hat.

Gerade die Ärmsten habe es nun getroffen, sagt Schweikert. Dass die Kinder in Quarantäne leben müssen, auf engstem Raum, ohne Kontakte zu Schule und Freizeit, belaste sie sehr. Man spüre: „Die Kinder können nicht mehr.“

Und so erhielt die Hirschvogel Stiftung einen dringenden Anruf von der Mittelschule, „ob und wann wir die Schulboten losschicken können“, erzählt Stiftungsmanagerin Stephanie Wolter. „Da uns bis dato keine ehrenamtlichen Angebote vorlagen, haben wir kurzerhand einen Landsberger Kurierdienst beauftragt, der noch Kapazitäten frei hatte und praktisch von einem Tag auf den nächsten loslegen konnte.“ Montags, mittwochs und freitags fährt nun ein Kurierfahrer während dieser Notfallzeit hin und her: zunächst in die Schule, um einen Karton abzuholen. Darin gesammelt: alle notwendigen Schulmaterialien, etwa Arbeitsblätter und Aufträge für die zu erledigenden Aufgaben. Der Fahrer transportiert alles in die Flüchtlingsunterkünfte. Hier übergibt er das ganze Paket einem Sicherheitsmitarbeiter, der die Materialien weiter verteilt. „Der Kurierfahrer nimmt die Sache sehr ernst“, berichtet Schweikert. Er sorge auch dafür, dass die Kinder die Materialien wieder zurückgeben, und habe die Leute vom Sicherheitsdienst angeleitet, dass sie sich um das Einsammeln der Arbeitsergebnisse kümmern. Die holt der Fahrer schließlich ab und bringt sie wieder zurück zur Mittelschule. „Das funktioniert bisher super“, sagt Schweikert. Sie habe zum Teil auch Notebooks über die Boten an die Schüler entsandt.

Die betroffenen Kinder würden sehr gut bei dieser Aktion mitarbeiten, meint die kommissarische Schulleiterin. Da sie die Aufgaben und Arbeitsanweisungen teilweise nicht verstehen, würden sie sich eigenständig in ihren Quartieren Dolmetscher suchen, die ihnen helfen. „Oder sie telefonieren einfach mit uns Lehrern.“ Auch wenn die Aufgaben zum Teil nicht richtig erledigt seien – viel wichtiger sei es, den Kontakt untereinander zu halten. Sich mit den Schülern auszutauschen. Allein schon, um zu verhindern, dass sie die deutsche Sprache verlernen. „Beim letzten Lockdown konnten einige der Schüler aus den Asylunterkünften nach den sechs Wochen kaum noch Deutsch sprechen“, erinnert sich Schweikert. Der Botenservice habe demnach zwei wichtige Komponenten: zum einen eine psychische Unterstützung, zum anderen auch sprachliche und integrative Hilfe.

Die Kosten für diesen Transportservice, ein „dreistelliger Betrag“, übernimmt komplett die Hirschvogel Stiftung. Und bietet den Dienst auch anderweitig an. „Wir möchten den Schulen in unserer Region in dieser schwierigen Zeit ein verlässlicher

Partner sein“, sagt Stephanie Wolter. Ihr war es wichtig, schnell und unkompliziert helfen zu können. Jetzt ist sie froh, dass das tatsächlich so problemlos in die Tat umgesetzt werden konnte. Und möchte auch anderen Schülern eine solche Chance bieten, so dass sie im Fall von Quarantäne oder Lockdown nicht „auf der Strecke bleiben müssen“.
Andrea Schmelzle

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