Fest für die Gleichheit

Ein Tuffstein-Würfel für die Bayerische Verfassung

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Oberbürgermeister Mathias Neuner (Mitte) und der Präsident des Vereins Bayerische Einigung, Florian Besold (rechts), enthüllten Verfassungsstein und Infotafel im Englischen Garten.

Landsberg – Es ist ein schlichter Würfel aus Tuffstein. Nicht gerade weltbewegend, zumindest dem Aussehen nach. Dafür bewegend in seiner Bedeutung. Jetzt ist er wieder deutlich im englischen Garten zu sehen. Und wofür der Stein steht, ist auf einer Tafel festgehalten: Es ist der Verfassungsstein. Er erinnert an die Verfassung des Königreichs Bayern von 1818. Am Sonntag wurde der auf Initiative des Historischen und des Verschönerungsvereins Landsberg restaurierte Würfel offiziell und festlich eingeweiht: mit Regenguss, Donnergrollen und drei Böllerschüssen. Und natürlich dem Singen beider Strophen der Bayernhymne.

Nach dem Gewitter „frisch geduscht“ begrüßte Oberbürgermeister Mathias Neuner die Festgesellschaft am Standort des Steins im Englischen Garten. Beim Pavillon im hinteren Teil des Parks enthüllte er mit Florian Besold, Präsident des Vereins Bayerische Einigung, Stein und Infotafel. Professor Weißhaar habe ihn auf dieses „ganz bemerkenswerte Symbol für die Verfassung“ erst aufmerksam gemacht, resümierte Besold. Angedacht war sogar eine Anschubfinanzierung seitens des Vereins. „Und dann habe ich als nächstes erfahren, dass der Stein aufgestellt wird.“ Die nicht erfolgte Spende könne aber sicher einer etwas ausführlicheren Infotafel zugutekommen.

Wichtig sei nicht nur die historische Bedeutung des Steins, betonte Besold, „sondern auch die Bedeutung heute“. Die Errungenschaften Recht, Freiheit und Menschenwürde hätten eine harte und blutige Geschichte, auch in der Revolution von 1918 und durch die „Katastrophe des Dritten Reiches“. Dennoch habe der heutige Freistaat eine Verfassung, in der der Status eines Kulturstaats festgehalten sei. Und für diesen sei ein geschichtliches Bewusstsein bedeutsam, vor allem „in einer Zeit eigenartiger Nationalis­men“ wie heute. „Darum ist es umso wichtiger, die Geschichte am Ort des Verfassungssteins auch für die Jugend lebendig zu machen.“

Aufgestellt wurde der Stein nicht 1818, sondern erst sechs Jahre später: Als König Max I. Joseph sein 25-Jähriges Regierungsjubiläum feierte. Das beweist das Datum auf der Rechnung des Landsberger Steinmetzes Joseph Bogner. Damals feierten auch die Landsberger ausgiebigst: zahlreiche Feste, Armenspeisungen, Illuminationen, „Bälle im Gasthaus Mohren und in der Glocke“ erzählte Professor Dr. Ferdinand Kramer vom Institut für Bayerische Geschichte der LMU beim Festakt. Gefeiert wurde nicht nur der König, sondern auch das Ende der Not. Zwar war aus Bayern dank Napoleon ein König­reich geworden, aber Landsberg musste wegen der neuen Landesgrenzen auf den Status der Grenzstadt verzichten. Lukrative Zolleinnahmen waren passé. Und auch die Missernte 1816 sowie die 400.000 Soldaten, die Landsberg 1815 verköstigen musste, hatten die Stadt schwer gebeutelt.

Zu Feiern galt es 1824 aber auch die Verfassung von 1818, die „Magna Charta Bavariae“. Denn der Status Bayern als ein Königreich zusammen mit dieser liberalen Verfassung seien „wesentliche Elemente eines neuen bairischen Bürgerstolzes und Selbstbewusstseins“ gewesen, konstatierte Kramer. Zwar stand das Land noch unter der Ägide des Königs, war aber nach dem Vorbild Englands eine konstitutionelle Monarchie mit Ständeversammlung – ab 1848 Landtag genannt. Weshalb der Stein im Englischen Garten auch Ständestein heißt. Und auch Frankreich, dessen neue Ideen die französischen Soldaten nach Bayern brachten, stand Pate für die Verfassung: Liberté, Egalité, Fraternité spiegeln sich in „Sicherheit von Person und Eigentum, Gleichheit vor dem Gesetz und Meinungsfreiheit“ in der bayerischen Verfassung von 1818 wider.

Die Verfassung stehe somit für eine neue Zeit, betonte Kramer. Was auch an der Prägung des Konstitutionstalers abzulesen sei: Vergils Vers über die „neue Abfolge der Zeitalter“. Und noch ein Indiz für den Zeitenumbruch habe es gegeben: Der Wunsch nach einem „bairischen Volkslied“ – sozusagen der Vorläufer der Bayernhymne. Darin wird als Zweck der Staatsregierung die „Wohlfahrt des Bürgers“ genannt. Und eine sehr „familiäre“ Gesellschaft beschrieben: Alle Bürger sind Brüder. Und der Vater der König.

Susanne Greiner

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