Schule in den eigenen vier Wänden

Landsberg: Wie funktioniert die "Schule daheim"?

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Schule in Zeiten der Coronakrise: Die Aufgaben kommen per E-Mail, gelöst werden sie vom heimischen Schreibtisch aus.

Landkreis – Die Schule fällt wochenlang aus. Das klingt aufregend. Anlass zum Jubel? Nicht ganz. Denn es sind keine Ferien, sondern die Devise lautet „Schule daheim“.Die zweite Woche des didaktischen Experiments ist inzwischen geschafft – mehr schlecht als recht? Oder läuft alles reibungslos und unproblematisch? Das ist ganz unterschiedlich – aber eins ist sicher: Die Situation schweißt zusammen.

Schon mehr als zwei Wochen verbringen Schulkinder und ihre Eltern durch die aktuelle Corona-Krisensituation im Ausnahmezustand. Auch Landsberger Schulkinder und ihre Eltern durchleben eine besondere Zeit, die für viele eine Herausforderung ist. Die Kinder praktizieren Schule am eigenen Schreibtisch. Sie werden mit Aufgaben versorgt, haben Zugangsdaten zu Onlineportalen, bilden WhatsApp-Gruppen, die Bücher haben sie eh zu Hause. Viele ihrer Eltern arbeiten ebenfalls schon im Home-Office. In der Theorie klingt das vielleicht entspannt – die Praxis ist manchmal noch gewöhnungsbedürftig.

Arbeit und Familie zu Hause unter einen Hut bringen: Was im normalen Alltag schon schwierig ist, kann in der aktuellen Ausnahmesituation oftmals in puren Stress ausarten. Für Eltern bedeutet das nicht nur ganztägige Betreuungsarbeit, sondern sich auch um den Lernalltag ihrer Kinder zu kümmern. Und das in einer Phase, in der das eigene Zeitmanagement wahrscheinlich höchst angespannt ist und eventuell andere Sorgen und Probleme im Vordergrund stehen. Mit viel Geduld, die oft nur begrenzt vorhanden ist, müssen sie ihre Kinder überzeugen, den bereitgestellten Stoff täglich zu erledigen. Und gleichzeitig wartet der Arbeitgeber auf Ergebnisse aus dem Home-Office. Wenn es den eigenen Job überhaupt noch gibt, denn viele Elternteile sind von Kündigungen, Kurzarbeit oder anderen Existenzbedrohungen betroffen. Das macht Druck – und den spüren auch die Kinder.

Es kann aber auch anders sein: „Für uns ist es ganz wichtig, dass wir bei einer festen Tagesstruktur bleiben“, sagt Sabine Schramm, Mutter einer 14-jährigen Tochter und eines elfjährigen Sohnes. „Die Kinder stehen morgens um acht Uhr auf, um sich nach dem Frühstück gleich an ihre Aufgaben setzen zu können. Mein Mann und ich wechseln uns mit der Arbeit ab – und somit auch mit der Betreuung der Kinder und Überwachung der Aufgaben. Wir haben das Gefühl, das Lernen von daheim läuft ganz gut, die Kinder sind zumindest diszipliniert. Wir wissen aber auch, dass wir in einer begünstigten Situation sind: Wir müssen uns um unsere Jobs noch keine Sorgen machen und haben finanzielle Sicherheit im Rücken.“

Je nachdem, wie stark Eltern oder Elternteile selbst wirtschaftlich von der Corona-Krise betroffen sind oder in welcher Lebenssituation sie sich befinden, ob allein erziehend oder in einer Ehe beziehungsweise Lebensgemeinschaft, ist es leichter oder schwieriger, mit dieser besonderen Situation umgehen.

Digitale Lernangebote

Aber wie funktioniert das Lernen nun genau? Die Lehrkräfte stellen ihren Schülerinnen und Schülern während der Zeit der Schulschließungen Lernangebote und zu erledigende Aufgaben zur Verfügung, in digitaler Form. Anfangs gab es hier Startschwierigkeiten: überlastete Plattformen, die den Zugang versperrten und den Empfang verzögerten, oder gehackte Seiten wie mebis, die den Zugriff gleich verweigerten. Mittlerweile hat sich das gebessert und jede Lehrerin und jeder Lehrer hat eine Möglichkeit gefunden, mit den Schulkindern und Eltern in Kontakt zu treten.

Voraussetzung dafür: Dem Kind muss ein Computer zur Verfügung stehen. Das ist aber nicht immer der Fall. Es deutet sich an, dass die aktuelle Situation vor allem für Kinder aus sozial benachteiligten und bildungsfernen Schichten problematisch sein kann. Schwieriger wird es auch bei Kindern, die sich sonst schon schwer tun in der Schule. Hier kommt man oft nicht weiter und die Gefahr, dass sie sich komplett verweigern und die Situation eskaliert, ist groß. Schließlich gibt es Zuhause so viele Möglichkeiten, sich abzulenken – auch Geschwister können hier ‚Störfaktoren‘ sein. Manche Kinder brauchen zudem die direkte Interaktion mit einer Lehrkraft. Ihnen fehlen Motivation, Anleitung und auch Kontrolle.

„Es ist gut, dass das Material so zuverlässig geliefert wird“, sagt der 15-jährige Jannis, der die neunte Klasse des Dominikus Zimmermann Gymnasiums besucht. „ Dennoch ist es schade, dass die Lehrer den Stoff nicht richtig erklären können. Wir haben zwar die Möglichkeit, sie anzuschreiben und nachzufragen, aber es ist trotzdem nicht das gleiche, wie wenn sie vorne an der Tafel stehen.“

Das Lernangebot leistet einen wesentlichen Beitrag dazu, den Unterrichtsausfall ein Stück weit aufzufangen, kann den regulären Unterricht jedoch nicht ersetzen. Es dient der Vertiefung und Wiederholung des Gelernten, auch der Umsetzung von Arbeitsaufträgen. Dabei erfordert es jedoch ein hohes Maß an Eigenständigkeit – und vor allem die Bereitschaft der Kinder, sich selbst etwas anzueignen. Und die ist bei manchen mehr, bei anderen weniger stark ausgeprägt. Große Leistungskontrollen oder Prüfungen gibt es derzeit nicht. Wohl aber, wenn die Schulen wieder öffnen, denn dann wird das jetzt Gelernte vorausgesetzt – und in Exen und Schulaufgaben getestet.

Die derzeitige Situation ist für alle neu, verunsichert sowohl Eltern, Kinder und Jugendliche als auch Lehrerinnen und Lehrer. „Wir sind alle ins kalte Wasser geworfen worden“, sagt eine Lehrerin an einer weiterführenden Schule in Landsberg. „Die Schwierigkeiten werden durchaus gesehen und wir haben auch Verständnis dafür. Denn wir wissen auch, dass es gerade ganz andere Probleme gibt.“ Daher ginge es zunächst eher darum, dass man die Kinder mit Material versorge, ohne Druck entstehen zu lassen. Lehrerinnen und Lehrer versuchten, den Eltern und Schulkindern den Stress, der bei ihnen aufgebaut wird, zu nehmen und sie zu beruhigen, zu bekräftigen, zu bestärken. Der gegenseitige Austausch sei dafür sehr wichtig, damit erkannt werde, wo Probleme oder Schwierigkeiten liegen.

„Die Bereitschaft der Lehrerschaft, sich auf den Online-Unterricht einzulassen und sich darauf vorzubereiten, war großartig,“ sagt Herbert Woerlein, Schulleiter der Johann Winklhofer Realschule in Landsberg. „Wir sind natürlich selber Lernende. Für uns ist es das erste Mal, dass wir alle Schülerinnen und Schüler online versorgen. Bisher hatten wir nur Einzelerfahrungen damit, etwa wenn ein Schulkind für längere Zeit krank war.“

Wichtig dabei ist das didaktische Aufbereiten des Stoffs – schließlich muss der gesamte Unterricht umgestellt werden: Wie kann dem Schulkind ermöglicht werden, dass es etwas lernt? Hier werden auch alternative Lernmethoden gewählt, in Form von Videos, Kurzfilmchen, Quiz-Aufgaben. Manche Lehrerinnen und Lehrer geben spezielle Aufgaben auf, um den Kindern den Alltag weiter zu erleichtern. Sportlehrer erstellen Workouts oder geben Tipps zu Onlinefitnessübungen, Religions- oder Ethiklehrer lassen die Kinder Tagebuch schreiben, damit sie sich über diese besondere Situation Gedanken machen und sich auch in schriftlicher Form mit ihr auseinandersetzen.

Diese Form der Auseinandersetzung mit sich selbst und auch die neue Selbstständigkeit, die den Kindern abverlangt wird, habe auch eine gute Seite. „Die Kinder sind sehr gefordert und das tut ihnen gut“, meint Sabine Schramm. „Sie müssen aktiv werden und von sich aus nachfragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Das gibt ihnen eine ganz neue Eigenständigkeit.“

Großer Zusammenhalt

Herbert Woerlein freut das umfangreiche Feedback, das seine Schule von den Eltern bekommt. Das sei fast ausschließlich positiv: „Die meisten sprechen ein großes Lob aus und hätten niemals gedacht, dass es so gut funktioniert.“ Auch die Zusammenarbeit unter den Lehrerinnen und Lehrern sowie mit dem Sekretariat sei prima. „Alle haben sich sehr eingesetzt und ins Zeug gelegt.“

Eigentlich mag der Schulleiter nicht sagen, jede Katastrophe habe auch etwas Gutes. Aber für das digitale Lernen sei es ein Riesenschritt vorwärts. „Wir wären niemals so weit, wenn es das Virus nicht gäbe.“ Dabei sei klar, dass auch den Eltern nun einiges auf den Schultern laste – etwa das Aufbereiten der Aufgaben oder stets für Druckerpatronen und Druckerpapier zu sorgen. „Unser herzlicher Dank geht daher auch an die Eltern, die den online-Unterricht so gut unterstützen“, betont Woerlein.

Der Zusammenhalt und die gegenseitige Unterstützung zwischen Lehrerschaft, Schulkindern und Eltern, der durch diese Krisensituation entstanden ist, sei etwas ganz Besonderes und bisher nie Dagewesenes. Das Zusammenrücken sei für die Schulkinder tatsächlich spürbar. Allein durch die liebevollen Anschreiben, die die einzelnen Lehrerinnen und Lehrer bei jeder Aufgabe oder jeder Wochenliste an die Kinder richten. Sie machen Mut. „Haltet durch!“, „Bleibt gesund“ oder „Every cloud has a silver lining“, steht da etwa. Worte, die helfen.

Dass die Schulen Mitte April tatsächlich wieder öffnen, kann heute noch niemand versprechen. Vielleicht geht es weiter mit der Schule in den eigenen vier Wänden. Bis dahin hat sich sicher schon vieles eingespielt. Und vielleicht wachsen wir daran.
Andrea Schmelzle

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