»Die Zeit drängt, die Uhr läuft«

Landsberg: Kongress zum 40. Jubiläum der IPPNW verschoben

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IPPNW-Mitglied der ersten Stunde: Dr. Wolfgang Lerch engagiert sich für seinen Verein.

Landsberg – In großem Rahmen sollte er am 14. November im historischen Rathaus in Landsberg stattfinden: der bundesdeutsche Kongress zum 40. Jubiläum der IPPNW. Die Organisation war abgeschlossen, Programm, Referenten und Workshops standen. Aber alles ist abgesagt. Wegen Corona. Geplant ist der Kongress jetzt im nächsten Jahr.

IPPNW – das steht für ‚International Physicians for the Prevention of Nuclear War‘. In Deutschland nennt sich die Gruppierung ‚Deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs/Ärzte in sozialer Verantwortung‘. Ein komplizierter Name für ein einfaches Anliegen: Weltweit setzen sich mehrere Tausend Ärzte und Mediziner, aber auch Engagierte aus anderen Berufsgruppen, in über 60 Ländern für eine atomtechno­logiefreie und menschenwürdige Welt ein. Sie engagieren sich für friedliche Konfliktbewältigung, internationale Verträge, die Abschaffung von Atomwaffen und eine Medizin in sozialer Verantwortung.

Gegründet wurde die IPPNW 1980 in Zeiten des Kalten Krieges. Veranstaltungen, Aktionen und Kampagnen werden durch die bundesweit über 60 Regionalgruppen getragen. Eine davon ist in Landsberg ansässig: 13 aktive Mitglieder, die sich regelmäßig treffen, um Aktionen zu planen. Gegründet wurde sie 2018 von dem ehemaligen Landsberger Arzt Dr. Wolfgang Lerch und dem Kauferinger Rolf Bader. Lerch, Sprecher der Landsberger Regionalgruppe, ist Mitglied der ersten Stunde.

Größte Bedrohung

„Das Thema Atomkriegsgefahr ist derzeit in den Medien wenig präsent“, sagt er. „Absolut zu unrecht“, wie er meint. Nach wie vor sei das, genauso wie der Klimawandel, die größte Bedrohung für die Welt. Über Jahrzehnte hinweg ausgehandelte Verträge wurden aufgekündigt. Etwa der 1987 beschlossene INF-, also der Mittelstrecken-Nuklearstreitkräfte-Vertrag zwischen den USA und der damaligen UDSSR über die Vernichtung aller boden- und landgestützen Flugkörper mit mittlerer und kürzerer Reichweite. Außer Kraft gesetzt im vergangenen Jahr vom gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten, so Lerch. Und das sei nur ein Beispiel. Somit bestehe eine „extrem gefährliche atomare Situation“, die der Öffentlichkeit gar nicht bewusst sei.

Als Landsberger Regionalgruppe setze man sich dafür ein, das weltweite Bemühen um die völkerrechtliche Ächtung der Atomwaffen zu unterstützen, erklärt Lerch. So forderte man unter anderem anlässlich des 75. Jahrestages des Atombombenabwurfs auf Hiroshima Bundeskanzlerin Merkel auf, den Verbotsvertrag der Vereinten Nationen zu unterzeichnen und für eine Ratifizierung durch den Deutschen Bundestag einzutreten. Auf den Tagungen der Landsberger Gruppe 2018 und 2019 wurden mit den Unterschriften der Teilnehmer Stellungnahmen veröffentlicht und an die zuständigen Parlamentarier weitergeleitet. Beachtung fand die Anzeigenaktion in diesem Jahr mit vielen Unterzeichnern aus dem Landkreis, die sich für ein Atomwaffenverbot einsetzen. „Wir haben sehr erfolgreich die Öffentlichkeit über die Notwendigkeit eines Atomwaffenverbots informiert und erreichen eine große Zustimmung und Unterstützung in unserer Region“, so Rolf Bader, der früher unter anderem am Institut für Friedensforschung in München gearbeitet hat. „Somit könnten wir im nächsten Jahr auf unserem Landsberger Jubiläumskongress das dann gültige, völkerrechtliche Atomwaffenverbot besonders würdigen.“

Bundesweiter Kongress

Dass ein bundesweiter Kongress in einer kleinen Stadt wie Landsberg stattfinden soll, sei schon etwas Besonderes, meint Lerch. Möglich gemacht habe das vor allem Rolf Bader, der als ehemaliger Geschäftsführer der deutschen IPPNW-Sektion über viele Kontakte verfüge. Allerdings sei es momentan nicht möglich, einen Kongress mit knapp 200 Teilnehmern zu veranstalten.

Nachgeholt wird er im nächsten Jahr in Landsberg. Einen kleinen Lichtblick gibt es aber: den Vortrag von Wilfried Knorr, Geschäftsführer der Herzog­sägmühle der Diakonie Peiting, zum Thema „Gemeinwohl-Ökonomie“. Geplant war der im Rahmen des Kongresses. Nun findet er eigenständig am 13. November im Historischen Rathaussaal statt, veranstaltet von der IPPNW-Landsberg.

Nach knapp 30-jähriger Tätigkeit als Allgemeinarzt in Landsberg ist Lerch seit 1. Juli dieses Jahres im Ruhestand. Was nicht bedeutet, dass er „Ruhe gibt“. Weiterhin werde er sich aus vollem Herzen für den Verein und „die Sache“ engagieren. Es sei wichtig für ihn, dass das Thema an dem Ort, an dem er lebe, aufgegriffen werde. „Das ist unsere eigentliche Aufgabe: Informationsarbeit zu leisten.“ Für diese Aufklärung der Öffentlichkeit erhielt der Verein schon 1985 den Friedensnobelpreis.

„Wir wünschen uns, dass wieder ein größeres Bewusstsein entsteht“, so Lerch. Deutschland stecke „mittendrin in der nuklearen Aufrüstung der USA“. Aber keiner gehe dagegen auf die Straße. Das sei erschreckend. „Wir wähnen uns in trügerischer Sicherheit und bequemer Gleichgültigkeit“, meint er. Gegen die großen Themen Atomkriegsgefahr und Klima sei so etwas wie die Corona-Pandemie vergleichsweise harmlos. Jeder könne und sollte sich informieren und engagieren: „Die Zeit drängt, die Uhr läuft.“

Andrea Schmelzle

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