Landestheater Schwaben

Landsberg: Mit „Don Quijote“ ins Reich der Fantasie

Tim Weckenbrock als Don Quijote mit seinem Knappen Sancho Panza (Tobias Loth)
+
Tim Weckenbrock (links) als Don Quijote mit seinem Knappen Sancho Panza (Tobias Loth), der wieder einmal versucht, seinen Herrn auf den Boden der Realität zu bringen.

Landsberg – Stürzen wir uns ins Abenteuer! Der Angst trotzen, heldenhaft kämpfen – oder wie Miguel de Cervantes seinen Protagonisten sagen lässt: „Bis zum Ellenbogen hineingreifen in die Aventüre!“Dieses Motto schreibt sich der verarmte Adlige Alonso Quijano ins Herz und wird kurzerhand zum Ritter „Don Quijote“, der mit dem Bauern Sancho Panza die Welt herausfordert. Cervantes „Don Quijote von der Mancha“, erschienen Anfang des 17. Jahrhunderts, ist ein Wälzer. Daraus ein 100-minütiges Theaterstück zu machen, eine Herausforderung. Das Ganze mit nur drei Personen umzusetzen, nahezu unvorstellbar. Der Chefdramaturgin des Landestheaters Schwaben Anne Verena Freybott ist es dennoch geglückt. Mit großartigen Schauspielern, einem perfekten Bühnenbild und dem Vertrauen auf die Kraft der Fantasie.

Nicht Pferd und Esel dienen Ritter und Knappe zur Fortbewegung, sondern zwei Drahtesel: ein kleines Rad für Sancho Panza (Tobias Loth), das größere für Don Quijote (Tim Weckenbrock), samt weißem Schweif. Wobei ‚Fort‘-Bewegung nicht ganz stimmt: Die beiden Radler haben ein gemeinsames Zentrum, um das sie kreisen. Sie drehen sich umeinander, strampeln füreinander, auch wenn der Ritter schon mal gerne die Füße auf den Lenker streckt und den Knappen treten lässt.

Auf der Bühne bleiben die beiden dank Kreisel auf der Stelle. Eigentlich. Denn Don Quijotes Geist kreiert aus Nichts alles, was es für eine richtige Aventüre braucht: zu Anfang gleich sein neues Ich, den „Don Quijote“, der den Ritterschlag am Mittwochabend von Regisseurin Freybott in der ersten Reihe erhält – alias Doña Anja aus Memmingia. Der Ritter zaubert die holde Maid Dulcinea del Toboso – eine Bauers­tochter, die sich besonders aufs Pökeln von Schweinefleisch versteht. Oder eben die bekannten Riesen – aus Windmühlen.

Landsberg: Mit dem Landestheater Schwaben und „Don Quijote“ ins Reich der Fantasie

Don Quijote und Sancho Panza im Landestheater Schwaben
Tim Weckenbrock als Don Quijote, Tobias Loth als Sancho Panza und Elisabeth Hütter als Erzählerin in Cervantes „Don Quijote“. Regie führt Anne Verena Freybott. © Greiner
Don Quijote und Sancho Panza im Landestheater Schwaben
Tim Weckenbrock als Don Quijote, Tobias Loth als Sancho Panza und Elisabeth Hütter als Erzählerin in Cervantes „Don Quijote“. Regie führt Anne Verena Freybott. © Greiner
Don Quijote und Sancho Panza im Landestheater Schwaben
Tim Weckenbrock als Don Quijote, Tobias Loth als Sancho Panza und Elisabeth Hütter als Erzählerin in Cervantes „Don Quijote“. Regie führt Anne Verena Freybott. © Greiner
Don Quijote und Sancho Panza im Landestheater Schwaben
Tim Weckenbrock als Don Quijote, Tobias Loth als Sancho Panza und Elisabeth Hütter als Erzählerin in Cervantes „Don Quijote“. Regie führt Anne Verena Freybott. © Greiner
Don Quijote und Sancho Panza im Landestheater Schwaben
Tim Weckenbrock als Don Quijote, Tobias Loth als Sancho Panza und Elisabeth Hütter als Erzählerin in Cervantes „Don Quijote“. Regie führt Anne Verena Freybott. © Greiner
Don Quijote und Sancho Panza im Landestheater Schwaben
Tim Weckenbrock als Don Quijote, Tobias Loth als Sancho Panza und Elisabeth Hütter als Erzählerin in Cervantes „Don Quijote“. Regie führt Anne Verena Freybott. © Greiner
Don Quijote und Sancho Panza im Landestheater Schwaben
Tim Weckenbrock als Don Quijote, Tobias Loth als Sancho Panza und Elisabeth Hütter als Erzählerin in Cervantes „Don Quijote“. Regie führt Anne Verena Freybott. © Greiner
Don Quijote und Sancho Panza im Landestheater Schwaben
Tim Weckenbrock als Don Quijote, Tobias Loth als Sancho Panza und Elisabeth Hütter als Erzählerin in Cervantes „Don Quijote“. Regie führt Anne Verena Freybott. © Greiner
Don Quijote und Sancho Panza im Landestheater Schwaben
Tim Weckenbrock als Don Quijote, Tobias Loth als Sancho Panza und Elisabeth Hütter als Erzählerin in Cervantes „Don Quijote“. Regie führt Anne Verena Freybott. © Greiner
Don Quijote und Sancho Panza im Landestheater Schwaben
Tim Weckenbrock als Don Quijote, Tobias Loth als Sancho Panza und Elisabeth Hütter als Erzählerin in Cervantes „Don Quijote“. Regie führt Anne Verena Freybott. © Greiner
Don Quijote und Sancho Panza im Landestheater Schwaben
Tim Weckenbrock als Don Quijote, Tobias Loth als Sancho Panza und Elisabeth Hütter als Erzählerin in Cervantes „Don Quijote“. Regie führt Anne Verena Freybott. © Greiner
Don Quijote und Sancho Panza im Landestheater Schwaben
Tim Weckenbrock als Don Quijote, Tobias Loth als Sancho Panza und Elisabeth Hütter als Erzählerin in Cervantes „Don Quijote“. Regie führt Anne Verena Freybott. © Greiner
Don Quijote und Sancho Panza im Landestheater Schwaben
Tim Weckenbrock als Don Quijote, Tobias Loth als Sancho Panza und Elisabeth Hütter als Erzählerin in Cervantes „Don Quijote“. Regie führt Anne Verena Freybott. © Greiner
Don Quijote und Sancho Panza im Landestheater Schwaben
Tim Weckenbrock als Don Quijote, Tobias Loth als Sancho Panza und Elisabeth Hütter als Erzählerin in Cervantes „Don Quijote“. Regie führt Anne Verena Freybott. © Greiner
Don Quijote und Sancho Panza im Landestheater Schwaben
Tim Weckenbrock als Don Quijote, Tobias Loth als Sancho Panza und Elisabeth Hütter als Erzählerin in Cervantes „Don Quijote“. Regie führt Anne Verena Freybott. © Greiner
Don Quijote und Sancho Panza im Landestheater Schwaben
Tim Weckenbrock als Don Quijote, Tobias Loth als Sancho Panza und Elisabeth Hütter als Erzählerin in Cervantes „Don Quijote“. Regie führt Anne Verena Freybott. © Greiner
Don Quijote und Sancho Panza im Landestheater Schwaben
Tim Weckenbrock als Don Quijote, Tobias Loth als Sancho Panza und Elisabeth Hütter als Erzählerin in Cervantes „Don Quijote“. Regie führt Anne Verena Freybott. © Greiner
Don Quijote und Sancho Panza im Landestheater Schwaben
Tim Weckenbrock als Don Quijote, Tobias Loth als Sancho Panza und Elisabeth Hütter als Erzählerin in Cervantes „Don Quijote“. Regie führt Anne Verena Freybott. © Greiner
Don Quijote und Sancho Panza im Landestheater Schwaben
Tim Weckenbrock als Don Quijote, Tobias Loth als Sancho Panza und Elisabeth Hütter als Erzählerin in Cervantes „Don Quijote“. Regie führt Anne Verena Freybott. © Greiner
Don Quijote und Sancho Panza im Landestheater Schwaben
Tim Weckenbrock als Don Quijote, Tobias Loth als Sancho Panza und Elisabeth Hütter als Erzählerin in Cervantes „Don Quijote“. Regie führt Anne Verena Freybott. © Greiner

Es erinnert ein wenig an einen Zirkus, was Bühnenbildnerin Franziska Isensee gestaltet hat. Eine Manege der Vorstellungskraft, in der Weckenbrocks androgyner Don Quijote mit manierierter Gestik und unendlicher Erfindungsgabe neue Welten entstehen lässt. So verwandelt sich aus dem Umeinander-Kreisen eine schillernde Abenteuerreise – auch für den Zuschauer. Selbst Sancho Panza, der auf dem Boden der Realität klebt, kann daran nichts ändern. Und wenn Don Quijote seine Verletzungen verarztet – das einzige, was von seinen Aventüren sichtbar ist, – dann glaubt man ihm den mutigen Ritter.

Freybott bringt eine dritte, essentielle Person auf die Bühne: die Erzählerin (Elisabeth Hütter). Eine Figur, die bei Cervantes Erzähl-Ebenen verschiebt: Da stammt die niedergeschriebene Geschichte aus dem Mund eines „arabischen Historiografen“, wobei man dem Übersetzer auch nicht alles glauben sollte. Und auch „dieser Windhund von Verfasser“ scheint nicht ganz koscher zu sein. Doch welch Urteil der Leser oder auch die ganze Welt über sein Buch fällt, scheint diesem „Windhund“ egal zu sein: „Ihr dürft über die Geschichte sagen, was immer euch beliebt“, stellt Cervantes dreist an den Anfang seines Romans. Das Verwirrspiel der Ebenen, die Vermischung von Außen und Innen, von Realität und Erfundenem steht per se für den Inhalt des Don Quijote: für die Macht der Imagination.

Dieses Loblied auf die Fantasie sei der Grund gewesen, dass sie sich zur Inszenierung des Jahrhundert-Romans entschieden habe, sagt Freybott. Sie hat das Buch mit 25 gelesen, dessen Aussage ist geblieben. So kam es, dass sie absichtlich ein umfassendes Werk mit zahlreichen Personen zum Drei-Personen-coronatauglichen Stück umsetzte. Denn als sie „Don Quijote“ auswählte, wusste Freybott, dass Abstand Devise sein muss.

Der Abstand führt teilweise zu ungewollter Distanz. Dann scheinen die Schauspieler isoliert voneinander und auch vom Zuschauer. Dem gegenüber stehen zahlreiche Szenen, die treffen. Wenn Sancho Panza im düsterkalten Licht „The impossible Dream“ singt, dessen Text gerade dazu drängt, den unmöglichen Traum zu träumen. Oder wenn Don Quijote letztendlich sterben muss und im Sterben sich selbst wieder zu Alonso Quijano ‚degradiert‘: „Das Leben war Unfug, das ist die Wirklichkeit, ich sterbe.“ Was sein Knappe, dem der Ritter von der traurigen Gestalt inzwischen zum Freund geworden ist, nicht wahrhaben will: „Sterbt nicht, es gibt keine größere Torheit, als sich dem Tod zu überlassen.“

Doch gegen diese Wirklichkeit kommt kein Traum an. Don Quijote stirbt, nach einem Leben voller Fantasie, zufrieden und unspektakulär im eigenen Bett. Sein Knappe fährt, nun entlassen aus dem symbiotischen Fahrrad-Karussell, auf seinem Drahtesel enttäuscht von der Bühne. Aber nicht, ohne seinem Herrn noch eine „gute Reise“ zu wünschen. Wohin auch immer die führen mag.
Susanne Greiner

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Nach dem Tod der vier Bauarbeiter: Denklingen gründet Bürgerstiftung
Nach dem Tod der vier Bauarbeiter: Denklingen gründet Bürgerstiftung
Corona-Ampel steht im Landkreis Landsberg auf Rot - Jetzt auch Maskenpflicht im Freien
Corona-Ampel steht im Landkreis Landsberg auf Rot - Jetzt auch Maskenpflicht im Freien
Ein Spatenstich für die Energiezukunft im Fuchstal
Ein Spatenstich für die Energiezukunft im Fuchstal
Gefälligkeitsatteste: Kripo ermittelt gegen Kauferinger Arzt
Gefälligkeitsatteste: Kripo ermittelt gegen Kauferinger Arzt

Kommentare