Die Musik der Weite

Landsberg: Obertongesang mit Huun Huur Tu

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Huun Huur Tu aus Tuva begeistertem im Stadttheater Landsberg

Landsberg – Ton ist nicht gleich Ton. Er unterscheidet sich durch die die Frequenz. Und durch die Tonfarbe, also durch das, was mitschwingt: die Obertöne. Wie es sich anhört, wenn die nicht im Stimmkonglomerat eines Sängers verschmelzen, sondern als eigenständige Klänge heraustreten, zeigte das tuvenische Quartett Huun Huur Tu am Samstagabend im Stadttheater vor voll besetzten Rängen. Eine Reise in die Mitte Asiens – belohnt mit frenetischem Applaus.

Wo liegt überhaupt Tuva? Irgendwo in Asien. Genauer: im Süden Sibiriens, oberhalb der Mongolei und damit mittendrin. In der Hauptstadt Kysyl ist sogar der geographische Mittelpunkt Asiens. Tuva umfasst 170.000 Quadratkilometer und hat rund 300.000 Einwohner. Also gerade mal knappe zwei pro Quadratkilometer. Und vielleicht ist diese Einsamkeit Bedingung dafür, dass der für westliche Ohren fremde Obertongesang – oder wie Organisator Edmund Epple sagt: die Musik eines anderen Planeten – in dieser Gegend zuhause ist: das Extrahieren der mitschwingenden Töne eines Tones zu einer eigenständigen Stimme. Sodass ein Sänger bis zu drei ‚Stimmen‘ haben kann. Denn um die Obertöne der eigenen Stimme zu hören, muss man der eigenen Stimme lauschen. Und nicht dem Lärm drumherum.

Die Sänger schaffen im Kehlkopf eine Art Resonanzraum, in dem der Oberton – oder die Obertöne – stärker schwingt und so besser zu hören ist. Das ist am deutlichsten, wenn die Musiker von Huun Huur Tu ganz traditionell solo, sogar ohne instrumentale Begleitung, singen, mit geschlossenen Augen, eine Hand am Ohr. Da ist ein tiefer Basston, ein Brummen, Vibrieren. Auf diesem steht der ‚normale‘ Ton, die Stimme des Sängers. Und obendrüber rankt sich eigenständig eine weitere Stimme. Die klingt wie eine Maultrommel, eine singende Säge, manchmal ein Quietschen, ein Trällern oder eine hohe Flöte. Aber auf jeden Fall eine Stimme, die der Sänger kontrolliert einsetzt. Dass alle vier Musiker auch perfekte ‚normale‘ Singstimmen haben, leicht, durchdringend und extrem beweglich, scheint da fast Nebensache.

Musikalisch bestimmt Traditionelles, zum Beispiel bei den Saiten-Instrumenten. Alle scheinen einen ganz eigenen Klang zu haben, trotz vertrauter Harmonien und Melodieschemata. Da ist die Igil, eine zweisaitige Laute mit charakteristischem Pferdekopf am Wirbelkasten, die Saiten aus Pferdehaar. Oder die Doshpuluur, eine langhalsige Laute aus sibirischer Lärche mit viereckigem Klangkörper. Ein Instrument ähnelt einer Erhu, eine zweisaitige Röhrenspießlaute mit, wie der Name schon sagt, röhrenförmigen Klangkörper. Die mit einem Bogen gestrichen wird, der seinem Namen alle Ehre macht – und auch für Pfeile geeignet scheint. Die Klangfarben der tiefrauchigen Längsflöte Tsuur, der Düngür, einer Schamanen-Trommel mit Herzschlagqualität, oder der Khomus, der Maultrommel, sind da nahezu alte Bekannte.

Huun Huur Tu, gegründet 1992 und 1993 zum ersten Mal in den USA aufgetreten, ändert aber allein durch das Singen im Ensemble die Tradition. Und neben mehr Rhythmuselementen nähern auch Instrumente wie eine Gitarre die tuvenische Musik der westlichen Gewohnheit an. Da meint man gar, ein bisschen Cajun oder Country herauszuhören. Ein wichtiges Motiv: Pferde. Nicht umsonst hieß das erste Album des Ensembles „60 Horses in my Head“. Viele Tuvenen sind Halbnomaden, das Pferd ihr Begleiter. So erklingen rhythmisch Galopp und Trab, stimmlich ein Blähen der Nüstern, ein Schnauben. Instrumental wird die ganze Steppe in Tönen eingefangen. Wind und Regen, Stille. Und sehr viel Weite.

Das Publikum lauschte, ging mit auf die Reise, ließ sich entführen. Und belohnte das Ensemble mit langanhaltendem Applaus – sowohl mit Händen als auch mit Füßen.
Susanne Greiner

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