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»Patient Erde« - Lesch und Herrmann mahnen zum Handeln

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Von: Susanne Greiner

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Dr. Martin Herrmann (links) und Prof. Dr. Harald Lesch Landsberg 2022
Dr. Martin Herrmann (links) und Prof. Dr. Harald Lesch machten den rund 500 Zuhörern in der Aula der Mittelschule die akute Notlage der Erde eindringlich bewusst. © Leitenstorfer

Landkreis – Achtung, planetarer Notfall! Zahlreiche Ökosysteme sind gestört – das Multiorganversagen der Erde droht. Die Diagnose, die der Arzt Dr. Martin Herrmann und Astrophysiker Prof. Dr. Harald Lesch dem Patient Erde stellen, könnte nicht dramatischer und deutlicher sein. Zu dem Vortrag der beiden Wissenschaftler „Klimawandel & Gesundheit“, den das Klimaschutzmanagement des Landratsamtes letzte Woche organisiert hatte, strömten die Zuhörer in Scharen zur Landsberger Mittelschule. Gut so, sind Lesch und Herrmann überzeugt. Denn um das Klima-Steuer noch herumzureißen, ist jeder Einzelne gefragt: „Wir sind die, die es braucht.“

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Das zeigen zu Beginn der Veranstaltung Mitglieder von Health for Future. Sie schieben und tragen große Plastik-Weltkugeln auf die Bühne – auf Krankenbahren oder in Rollstühlen. Der Notfallpatient steht kurz vor dem Kollaps, „Business as usual ist jetzt nicht mehr möglich“, sagt Herrmann. Denn der Klimawandel zeigt sich nicht nur in der Natur: Auch der Mensch selbst, seine Gesundheit ist bedroht. Vor allem durch die immer weiter zunehmenden Temperaturen. Hitze verändert Eiweiß. Und davon hat der Mensch genug in seinem Körper. Nicht umsonst falle uns Denken bei hohen Temperaturen schwerer, erläutert Herrmann.

Der Wissenschaftler und frühere Arzt und Psychotherapeut ist Initiator und Sprecher von KLUG, der „deutschen Allianz für Klimawandel und Gesundheit“. Ein Zusammenhang, der lange Zeit keine Rolle gespielt habe, erinnert Herrmann. Zu der ersten KLUG-Aktion 2018 „Erde auf der Intensivstation“ vor der Berliner Charité sei nicht einmal die Presse gekommen. Dabei sei der Zusammenhang Klima/Gesundheit mehr als deutlich: Weil zum Beispiel „die Frühsommermeningitis jetzt bereits im Januar beginnt“, erläutert Lesch.

Aber eigentlich hätte es doch kühler werden sollen, fährt der Physiker fort. „Die Leuchtkraft der Sonne hat ja abgenommen.“ Dass die Temperaturen nicht fallen, liegt an den Kohlenmonoxidwolken, am Aufheizen von Land und vor allem der Meere. 2019 hatte es in Sibirien 30 Grad, „dazu kommt die beispiellose Hitze in der Antarktis“. Für die Treibhausgase sei auf lange Zeit gesehen Europa verantwortlich, „auch wenn jüngst andere Länder den ersten Platz übernommen haben: Wir sind es!“ Und wenn erst die Gletscher auf dem Land schmelzen, komme es zur Katastrophe. Was dann geschieht, zeigt das Bild auf der Leinwand: Die Erde ersäuft. Die Bewohnbarkeit des Planeten ist akut gefährdet. „Und unsere Gesundheit hängt von der des Planeten ab“, betont Herrmann. Die gute Nachricht verkünden die beiden Wissenschaftler aber auch: Wenn wir jetzt handeln, können wir noch etwas tun.

„Es braucht hier ein Narrativ des Zusammens“, formuliert es Lesch. Wir leben global, alle Regionen der Welt müssen mitspielen. Aber auch jeder Einzelne könne agieren. Das bedeute in gewisser Weise Verzicht, warnt Herrmann. Allerdings handle es sich um einen ‚Verzicht‘, der dem Menschen letztendlich gut tue: weniger Fleisch essen, statt Auto mit dem Rad fahren: „Gutes und gesundes Leben ist letztendlich kein Verzicht.“

Wohin der Wind weht

Doch wie kommen wir ins Handeln? Die Werte zur Beurteilung dessen, was gutes Leben‘ ist, müssen sich ändern, sagt Lesch. Weg von Gewinnmaximierung, hin zu Klima-Schwerpunkten – für den Menschen. Und warum nicht gleich den eigenen Landkreis mit einem „Aktionsbündnis Hitzeschutz Landsberg“ zum Vorreiter machen, fragt Herrmann: „Die Politiker oben werden schauen, wohin der Wind weht. Bürger zu sein, heißt Verantwortung fürs Gemeinwesen zu übernehmen.“ Lesch: „Die Energiewende gehört in Bürgerhände.“

Das Problem beim Thema Energie: Die Menschen seien „energetisch verfettet“, formuliert der Physiker drastisch. Jeder verbrauche viel zu viel. Und dabei sei sie doch so schwer zu gewinnen. Lesch verweist auf ein Video in YouTube, „Cyclist vs Toaster“: ein Radfahrer, der versucht, mit der Kraft seiner Muskeln genug Energie zu erzeugen, um ein Brot zu toasten. „Glauben Sie mir, wenn sie das ein bisschen dunkler wollen, das schaffen Sie nicht.“ Was den Astrophysiker allerdings am gesunden Menschenverstand sicht- und hörbar zweifeln lässt, sind die aktuellen Steuersenkungen seitens der Regierung, der Tankrabatt: „Da denke ich mir nur noch: Was haben die denn genommen?“ Denn letztendlich sei das „wichtigste Organ“ für die Energiewende eben doch das Portemonnaie. Ein niederer Spritpreis sei da nicht zielführend.

Nach einer leider recht kurzen Podiumsdiskussion mit Dr. Berthold Lesch von LENA, dem Leiter der Landkreis-Seniorenheime Thomas Söldner, dem Arzt Dr. Hartmut Giessler und Iglings Bürgermeister Günther Först, der den Landrat vertrat, wurde in einer (ebenso kurzen) Fragerunde allerdings deutlich, wie schwer ‚Selbst-Handeln‘ ist. Eine Besucherin forderte die Abstimmung der Verkehrsverbünde innerhalb des Landkreises. Eine andere kritisierte die reine „Männerrunde“ der Veranstaltung. Frauen hätten aufgrund ihres weitaus höheren Beschäftigungsanteils beim Pflegepersonal stärker unter dem Zusammenhang Klimaerwärmung und Gesundheit zu leiden. Ein anderer Besucher fragte schließlich noch nach Leschs Meinung zur Elektromobilität: „Ist das Schwachsinn?“

So berechtigt diese Forderungen und Fragen sind: Letztendlich schieben wir so die Verantwortung von uns, sagen „mach mal!“ – und entfernen uns von der Quintessenz des Vortrags: Jeder muss handeln. Denn „wir sind die, die es braucht.“

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