Betroffenheit im Stadtrat:

Kämmerer Peter Jung verlässt Landsberg

+
Verlässt Landsberg in Richtung Landratsamt Weilheim- Schongau: Kämmerer Peter Jung.

Landsberg – Stadtkämmerer Peter Jung verlässt die Lechstadt im Herbst nach siebenjähriger Tätigkeit, um in seinem Heimatort, in der Außenstelle Schongau des Landratsamts Weilheim-Schongau, eine neue Aufgabe im Bereich der Rechnungsprüfung zu übernehmen. Der Grund: „Wenn ich so weiterarbeite, bekomme ich gesundheitliche Probleme.“ Viele Stadträte wurden in der Sitzung am Mittwoch von der Mitteilung Jungs überrascht und reagierten betroffen.

Der Haushaltsreferent des Stadtrats, Christian Hettmer (CSU), erklärte nach der Ankündigung: „Wir verlieren damit einen sehr fähigen und fleißigen Spitzenbeamten. Ich verliere in meiner Funktion auch meinen Hauptansprechpartner in der Stadtverwaltung, mit dem ich von Beginn an einen sehr vertrauensvollen, ja sogar freundschaftlichen, Umgang gepflegt habe. Ich kann es nicht verbergen: ich bin einfach nur traurig!“

Jungs Entscheidung zeige aber auch, „dass wir unsere Kolleginnen und Kollegen in der Stadtverwaltung enorm fordern. Vielleicht sollte auch der Stadtrat künftig mehr das Große und Ganze im Blick haben und sich nicht im Kleinklein von nicht unbedingt lebensnotwendigen Anträgen und Anfragen verfangen. Denn genau dieses Kleinklein verursacht viel Arbeit, ohne großen Ertrag zu bringen.“

Auch Oberbürgermeister Mathias Neuner lobte Jungs Einsatz und seine Loyalität. „Ich bedauere diesen Schritt sehr“, erklärte er gegenüber dem KREISBOTEN. Er habe „Seite an Seite“ mit Jung zusammengearbeitet. Neuner erinnerte an die gemeinsame Anfangszeit, „die durch ein sehr schwierige Haushaltslage geprägt war“. Einschneidende Maßnahmen wie die Erhöhung von Gebühren und Beitragen sowie Kürzungen von freiwilligen Leistungen hätten zu „öffentlichem und hausinternen Druck“ geführt – „gemeinsam konnten wir ihn leichter meistern“. Jung sei außerordentlich loyal und in der Verwaltung sehr beliebt. „Er wird mir als vertrauter Ansprechpartner sehr fehlen.“ Die gemeinsame Zeit mit ihm, so Neuner, „werde ich wohl nie vergessen“.

Stadträte aller Fraktionen hoben nach der Stadtratssitzung hervor, dass Jung sein Amt „inhaltlich hochkompetent“, „im Umgang stets angenehm“ und humorvoll ausgeübt habe. Für viele ist er der „Prototyp des Kommunalbeamten“ – überregional informiert und vernetzt, die Rechte des Stadtrats achtend, auf seine Kernkompetenz beschränkt, „aber permanent alert“. Jung sei bei seinen Prognosen allerdings „immer etwas pessimistisch gewesen“ –mit „seinen Appellen zum Maßhalten“ habe er sich niemals ins Negative hinein verschätzt, aber auch möglichen Spielraum nicht ganz ausgenutzt.

Geerdetes Gegengewicht

Aus Sicht externer Beobachter war Jung das „geerdete Gegengewicht“ zu einem oft visionären Verwaltungschef sowie engagierten Stadträten, die Pläne befürworten, sich aber nicht immer um deren Finanzierung sowie die Deckung entstehender Folgekosten sorgen. In diesen Fällen trat Jung jeweils frühzeitig mahnend und unter Benennung klarer Grenzen auf. Allerdings habe er, auch wenn er größere Ausgaben nicht befürwortete, die erforderlichen Maßnahmen immer korrekt abgewickelt. „Wenn die Entscheidung getroffen war, hielt er sich daran“.

Jung erwies sich in seiner Amtszeit auch als guter Personalförderer. Insbesondere engagierte er Yvonne Fritzsche, die rasch zur Haushaltsexpertin wurde und vom Stadtrat hochgeschätzt ist. Sie wäre eine mögliche Kandidatin für die Nachfolge des Kämmerers; allerdings wird die Stadt auf eine Ausschreibung wohl nicht verzichten.

Werner Lauff

+++ Kommentar +++
Transparenz, Struktur, Strategie
Stadtkämmerer Peter Jung verlässt Landsberg. Das ist ein herber Verlust. Jung kann komplexe Themen mit einfachen Worten erläutern. Er übt sein Amt ohne Eigenagenda aus. Er verkörpert wie kaum ein andere Mitarbeiter der Verwaltung Ruhe und Besonnenheit. Er ist ein aufmerksamer und engagierter Dienstleister mit Führungskompetenz.
Meist wird in so einem Fall geschrieben, die ausscheidende Person sei im Grunde unersetzlich. Bei Peter Jung passt das nicht. Denn er hat einen Rahmen geschaffen, in den der Stadtrat, die Verwaltung und auch die Kämmerei in den nächsten Jahren eingebunden sind. Jung hinterlässt Nachhaltigkeit.
Dieser Rahmen lässt sich durch drei Worte beschreiben: Transparenz, Struktur und Strategie. Im Jahr 2012, als der Schongauer sein Amt antrat, gab es erheblichen Nachholbedarf. Die ausscheidenden Amtsträger, Oberbürgermeister Ingo Lehmann und Kämmerer Manfred Schilcher, hatten das Management der Stadtfinanzen noch nach alter Lehre ausgeübt. Der Stadtrat hatte in Details kaum Einblick. Rechnungsprüfung war vor allem Akteneinsicht. Klare Abgrenzungen, etwa zwischen Stadt und Stiftung, fehlten. Finanzielle Engpässe wurden in erschreckendem Umfang durch öffentlich unsichtbare Kassenkredite ausgeglichen. Die Doppik war viel zu früh eingeführt worden, so dass Jahresabschlüsse nach neuem Muster fehlten. Und es gab, wie in vielen anderen Kommunen auch, im Ausgabenbereich kaum festgelegte Maßstäbe und Schwerpunktsetzungen.
Jung wusste das nicht und gab später einmal bei einem Gespräch zu, dass er sich nicht beworben hätte, wenn er es gewusst hätte. Das und die anfänglich grotesk niedrige Besoldung hinderten ihn aber nicht daran, alle diese Themen parallel und unter umfangreicher Einbeziehung des Stadtrats anzugehen. Auf einmal wurde den damals amtierenden Mandatsträgern klar, wie wenig sie vorher über die Stadtfinanzen wussten. Leistungsfähigkeit, Liquiditätsplanung, Deckungskreise, Haushaltsreste – sie und viele andere Parameter wurden plötzlich durchschaubar dargestellt. All das konnten die Stadträte in tausenden Seiten elektronisch nachlesen, auswerten und durchsuchen.
Daneben verantwortete Jung die nachträgliche Erstellung mehrerer doppischer Jahresabschlüsse unter erschwerten Bedingungen. Sämtliche Waren und Güter der Stadt – auch ihre Denkmäler - mussten ökonomisch bewertet werden. Die Staatsregierung arbeitete immer noch an einem bayerischen Kontenrahmen; Jung musste auf den aus Nordrhein-Westfalen zurückgreifen. Und die Abgrenzung des Vermögens der stadtnahen Stiftungen zum Vermögen der Stadt erforderte historische Akribie.
Als Transparenz und Struktur hergestellt waren, stand die dritte große Aufgabe an, nämlich mit der gesetzlich vorgesehenen strategischen Unterfütterung der Doppik zu beginnen. Landsberg ist hier deutlich weiter als viele andere Städte und Landkreise, die auf diese Weise bilanzieren: Sie haben keine vereinbarten strategischen Ziele und ersetzen sie meist durch wenige Sätze, die im Haushalt Einzelpositionen erläutern. Es reicht – in der Kommune wie in Unternehmen - aber nicht aus, dass eine Ausgabe aus einem bestimmten Grund sinnvoll ist. Sie muss auf der richtigen Schwerpunktsetzung beruhen. Landsberg hat eine solche Strategie gemeinsam mit den Bürgern entwickelt und beschlossen. Peter Jung war, anders als viele andere Kämmerer, von Anfang an von diesem Vorgehen rundum überzeugt.
Dass ein Kämmerer, der noch nicht einmal 50 Jahre alt ist, nach sieben Jahren Amtszeit eine neue Tätigkeit anstrebt, war zu erwarten - zumal man die zeitliche Belastung und den Termindruck nicht unterschätzen darf, den dieses Amt mitbringt. Niemand sollte mit dieser Veränderung hadern. Jung hat gemeinsam mit dem Stadtrat und dem Oberbürgermeister für positive Jahresergebnisse, einen hohen Liquiditätsbestand und eine reduzierte Verschuldung gesorgt. Vor allem aber hat er Landsberg in Sachen Transparenz, Struktur und Strategie zukunftsfähig gemacht. Ein Glücksfall.
Werner Lauff

Auch interessant

Meistgelesen

Wenn der A400M über dem Fliegerhorst Lechfeld kreist
Wenn der A400M über dem Fliegerhorst Lechfeld kreist
Doping: 28-jähriger Breitensportler zu Geldstrafe verurteilt
Doping: 28-jähriger Breitensportler zu Geldstrafe verurteilt
Junge Bühne Landsberg überzeugt mit "Räuberinnen"
Junge Bühne Landsberg überzeugt mit "Räuberinnen"
Jugendliche Graffiti-Sprüher identifiziert
Jugendliche Graffiti-Sprüher identifiziert

Kommentare