Ruckedigu, Blut ist im Schuh

Landsberg und das Taubenproblem

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Netze, Krähenattrappen oder Spikes lassen Tauben kalt. Haben sie sich einmal an einem Ort eingenistet, sind sie kaum von dort zu vertreiben.

Landsberg – Tauben stehen für Frieden. Aber sind es zu viele, werden sie zu ‚Ratten der Lüfte‘. So auch in Landsberg, wo die Nachkommen entflohener Haustauben scharenweise in den Hinterhöfen leben und ihren Nachwuchs großziehen. Viele Bewohner versuchen sich selbst zu helfen: Netze, Krähenattrappen, Spikes. Aber ohne Erfolg. Taubenschläge müssen her, ist Michael Comes-Lipps, Vorsitzender der LBV-Kreisgruppe Landsberg, überzeugt. „Diese Angelegenheit ist aber Aufgabe der Stadt Landsberg“, schrieb Comes-Lipps in einem Brief an Oberbürgermeister Mathias Neuner vor einem guten halben Jahr. Eine Antwort von der Stadt hat er bis heute nicht bekommen.

„Es werden immer mehr!! Jemand ne Idee??“, fragt ein Mitglied der Facebook-Gruppe ‚Du kommst aus Landsberg‘ verzweifelt: „Die sch ... uns zu!!!“ Letzten Frühling habe sie fast zwei Müllsäcke voll entsorgen müssen. Dazu ein Hinterhofbild mit rund 60 Tauben auf engstem Raum. Ein Tipp lautet, Falkenrufe vom Band abzuspielen. „Wasserweitspritzpistolengroßeinkauf“ oder „Katzen“ andere. Tipps, die genauso wenig helfen wie Netze, Spikes oder Plastikkrähen – auf denen sich die Täubchen schon nach wenigen Stunden zufrieden niederlassen.

Das Problem in der Stadt: Dank großzügigem Nahrungsangebot und mildem Klima können Tauben hier bis zu acht Mal im Jahr je zwei Junge aufziehen. Die Folge: eine Taubenüberbevölkerung, die bei den Tieren zu Stress führt und sie krank macht. Und bei den Menschen für Ärger wegen des Gestanks und des Drecks sorgt. Haben sich die Tiere allerdings eingenistet, sind sie dank ihrer ‚Standorttreue‘ nur schwer davon wegzulotsen. Zudem sind die Nachfahren von verwilderten Brieftauben oder von den Felsentauben ausgesprochen standorttreu.

Die Tiere an sich sind eigentlich hübsch: blaugrau, schillernder Kopf, dank einiger Hochzeitstauben, die für die Frischvermählten freigelassen wurden, auch mit weißen Flecken. Was sie hinterlassen, ist weniger hübsch: Kot in rauen Mengen: Eine Taube erzeugt pro Jahr rund zwölf Kilogramm Kot, der nur schwer entfernt werden kann. Zudem greift er kalkhaltiges Gesteine an, genauso Stahl, Kupfer oder Bronze.

Gesundheitsschädlich?

Die Krankheiten, die die Tiere vor allem im Kot übertragen können wie Ornithose und Kryptokokkenmeningitis, aber auch Parasiten wie Taubenzecken sprechen nicht gerade für Tauben in der Nachbarschaft. Aber sind die Tiere tatsächlich so gefährlich für die Gesundheit? „Die Gesundheitsgefahren sind generell sicher nicht größer als bei anderen Wildvogelarten oder auch beim eigenen Haustier“, ist auf der Webseite des NABU zu lesen. Und nicht nur dort. Dass Tauben als Krankheitsüberträger gelten, werde vor allem von Schädlingsbekämpfern forciert, äußern mehrere Tier- und Naturschutzorganisationen.

Auch im Merkblatt des Bundesgesundheitsamtes vom April 1994 steht: „Das Risiko einer menschlichen Infektion durch Kontakt mit freilebenden Tauben ist im Allgemeinen nicht höher einzustufen als das Risiko einer Infektion durch den Kontakt mit Zuchttauben, Heim- oder Ziervögeln“. Vier Jahre später schreibt das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin in seiner Stellungnahme zur Schädlingseigenschaft von verwilderten Haustauben: „Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die 1966 erfolgte Einschätzung der verwilderten Haustaube als obligatorischer Gesundheitsschädling seitens des Bundesgesundheitsrates aus unserer Sicht heute nicht mehr stichhaltig ist.“ Auch aktuelle Untersuchungen bestätigen diese Aussage.

„Die Krankheitsübertragung ist bei Tauben dann ein Problem, wenn sie alles vollkoten“, ist Comes-Lipps überzeugt. Der viele, flüssige Kot an allen Ecken und Enden stamme aber von der falschen Fütterung in den Städten, kommentiert in dem Facebook-Post eine Frau, die sich im Taubenschutz engagiert: Der Hauptnahrung der Stadttauben – Abfälle – fehlten Vitamine, Mineralstoffe und Eiweiße. Das führe zu einem schlechten Immunsystem und damit zu mehr Krankheiten und Parasiten. Und zu dem sogenannten Hungerkot. Ernähre man die Tiere artgerecht, sei der Kot fest wie der anderer Vögel und könne einfach weggefegt werden. Diese Aussagen bestätigt auch Comes-Lipps.

Was beim Stadttauben-Problem in Landsberg vielleicht helfen könne, sind extra eingerichtete Taubenschläge, sagen sowohl die Taubenschützerin als auch Comes-Lipps. Einen festen Nistort anzufliegen, entspreche den Bedürfnissen der Tiere, betont auch der deutsche Tierschutzbund. Taubenschläge seien zudem Orte, an denen die Tiere artgerechte Nahrung erhalten – nämlich ausschließlich Körner.

Der Hauptvorteil von solchen Taubeneinrichtungen wäre aber ein anderer: Der Mensch kann in eine vorhandene Überpopulation eingreifen. Denn nimmt man einer Taube die Eier aus dem Nest, legt sie innerhalb kürzester Zeit neue. Deshalb müssten die Eier durch Gipsattrappen ausgetauscht werden, schreibt Comes-Lipps in seinem Brief an OB Neuner. „Das scheint in Städten wie Augsburg, Erlangen oder Berlin zu funktionieren.“ Tatsächlich: In Bezug auf Taubenhäuser sei „Augsburg das Vorbild für ganz Deutschland“, sagt auch die Tauben­schützerin auf Facebook. Das Problem: In München oder Augsburg gibt es Taubenbeauftragte, in Landsberg leider nicht.

OB Mathias Neuner informiert, dass die Zuständigkeit für das Problem beim Landratsamt liege, „da dort das Thema Infektionsschutz vollzogen wird und auch Veterinärthemen behandelt werden“. Das leite Interessierte oft an die Stadt zurück. Einen Standort im städtischen Besitz für einen Taubenschlag zu finden, sei nicht einfach. Man könne jedoch die Suche unterstützen. Die Stadt habe laut Landesstraf- und Verordnungsgesetz eigentlich nur das Recht, Verordnungen zu erlassen, zum Beispiel ein Fütterungsverbot – das aber auch gezielt kontrolliert werden müsse.
Susanne Greiner

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