"Othello" in schwarz-weiß

Landsberg: Theater an der Ruhr überzeugt mit Othello "on the rocks"

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Jubril Sulaimon (links) als Othello und Steffen Reuber als Jago, der aus reiner Abscheu vor der Verbindung Desdemona/Othello perfideste Intrigen spinnt.

Landsberg – Es ist das berühmteste Taschentuch der Welt. Und es führt zu Misstrauen, Intrige und Tod. Das Theater an der Ruhr zeigt Shakespeares "Othello“ als Skelett: Statt 16 sind es nur noch sechs Figuren, der Text ist die Essenz der Handlung. Und selbst die Schauspieler ‚bewegen‘ sich kaum – auch ihre Mimik bleibt auf das Wichtigste beschränkt. Theaterleiter Roberto Ciullis und Helmut Schäfers "Othello" verliert dadurch aber nichts. Sondern entpuppt sich als modernes Drama. Mit messerscharfen Kanten in schwarz-weiß.

Schon der Anfang zeigt, wohin die Reise geht: Ein rotes Sofa beherrscht die Bühne. Auf ihm sitzen die vier ‚Weißen‘, Othellos Frau Desdemona und Jagos Gattin Emilia, Othellos degradierter Leutnant Cassio und die heimliche Hauptfigur: Othellos Fähnrich Jago. Im Hintergrund sanfter Jazz. Und den sitzen die Vier aus. Scheinbar gelangweilt, in Kostüm und Anzug, steinerne Mienen, die ‚Klamottage‘ in striktem Schwarz und Weiß: Cassio erstrahlt blendend, Jago ist tiefschwarz.

Als Handlungseinführung küsst Cassio Emilia. Und Sprung in den zweiten Akt. Die beiden künstlerischen Leiter Ciulli und Schäfer halten sich nicht lang mit dem Rahemn auf. Es geht gleich ans Eingemachte: die Ausgrenzung. Hier erst einmal von Frauen, zumindest in der Sichtweise des herrlich fies-schmierigen Jago (Steffen Reuber), der die Dame preist, „die viel denkt, ihre Meinung doch verschweigt“.

Natürlich ist auch Rassismus ein Thema – in dieser Inszenierung das Thema. Denn neben schwarz.weißer Kostüme flechten Desdemona und Jago auch gleich die Doppeldeutigkeit der ‚Weiß/sheit‘ ein: Wäre eine Frau schwarz und weise, so werde sie einen Weis/ßen finden, der zu ihr passt. Ob nun s oder ß, zu hören ist es nicht. Wie auch immer, dass Desdemona einen Schwarzen, den Mauren von Venedig Othello, liebt, ist Jago ein Dorn im Auge: „Gerade jetzt bespringt der alte, schwarze Bock das weiße Lämmchen.“ Aber er ist sich sicher: „Die Natur selbst wird es ihr deutlich machen.“ Und wenn nicht, dann muss man eben nachhelfen.

Das Ensemble des Theaters an der Ruhr ist grandios. Wie es gelingen kann, mit so wenigen Bewegungen und so geringer Mimik diese Intensität zu erzeugen, ist unglaublich. Insbesondere die Szene, in der Dagmar Gepfert als die unglückliche Desdemona allein auf dem roten Sofa sitzt, im Hintergrund Verdis Othello-Ave-Maria-Arie, und allein durch ihren Blick ihr Leiden zeigt – es ist ein unvergesslicher Theatermoment. Petra von der Beek spielt eine zurückhaltend kühle Emilia, Fabio Menéndez ihren unscheinbar unschuldigen Liebhaber Cassio. Und Klaus Herzog zeigt auch in seinem kurzen Auftritt als Desdemonas Vater Brabantio seinen Unwillen ob des ‚Schwarzen‘.

Und schließlich Othello: Das Theater an der Ruhr gehört zu einer der wenigen Bühnen, die mit Jubril Sulaimon einen Afroamerikaner als festes Ensemblemitglied haben. Ciulli und Schäfer stellen ihren Othello bewusst als ‚wild‘ dar: Sulaimon zieht Grimassen, brüllt, klettert über die Sofalehne und läuft barfuß. Wenn ihn Leidenschaft oder Wut überwältigen, verfällt er ins Afrikanische (er kommt aus Nigeria). Oder er entlädt seine ‚Wildheit‘ an Desdemona, die er tarzanähnlich über die Schulter geschwungen davonträgt. Sulaimon reißt seine Augen übertrieben auf, bis das Weiße des Augapfels strahlt. Und nachdem Jago ihm den Eifersuchtsfloh mittels des berühmten Taschentuchs ins Ohr gesetzt hat, Desdemona also degoutant ist, entlädt er seine Emotion am Boxsack, der im Bühnenhintergrund in einer Schweinwerfer-Arena schwingt. Alle ‚Schwarzen‘ können ja boxen.

Das ist schon sehr klischeehaft. Ebenso wie die schwarz-weiße Kleidung, das ‚Whitefacing‘ der ‚weißen‘ Schauspieler in Anspielung des ‚Blackfacing“. Aber jeder weiß, wie schwierig der Umgang mit den Worten ist, die Menschen mit anderem Äußeren bezeichnen sollen. ‚Farbiger‘ ist schon lange nicht mehr korrekt. ‚Schwarzer‘ auch nicht, oder? ‚Gelber‘ klingt auf jeden Fall rassistisch. Und die Farbe schwarz ist nun mal schwarz – die Haut der so Bezeichneten meistens nicht.

Letztendlich formen wir uns unsere Welt durch und mit Sprache. Und da klingt die Weisheit weiß und die Schwärze klingt dunkel, unheimlich, böse. Insofern zeigt die Optik nur das, was Sprache tut. Und deshalb ist die Klischeehaftigkeit des Ruhrtheater-Othellos nicht übertrieben. Sondern die Übersetzung der unbewussten Wirkung der Sprache in die Sichtbarkeit.
Susanne Greiner

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