Anlaufstelle und Besucherzentrum in Landsberg

Mehr als nur ein NS-Dokumentationszentrum

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Die konservierten Tonröhrenbauten im Außenlagerkomplex Kaufering VII.

Landsberg – In der Region gibt es viele Orte, die an Aufstieg, Schrecken und Fall des Nationalsozialismus erinnern, unter anderem die Justizvollzugsanstalt, die Tonröhrenbauten des KZ-Außenlagers Kaufering VII, der Bunker in der Welfenkaserne, das Todesmarsch-Denkmal in der Neuen Bergstraße sowie Friedhöfe und Gräberfelder. Wer sich mit dieser Zeit befassen möchte, braucht Hilfe, um nicht nach den verstreuten Stätten forschen zu müssen. Außerdem gilt es, die Arbeit an Lager VII fortzusetzen und den Ort erlebbar zu machen. Eine Arbeitsgemeinschaft unter Leitung des CSU-Landtagsabgeordneten Dr. Thomas Goppel versucht dazu jetzt, einen Weg zu formulieren, der alle Institutionen und Interessen einbezieht.

„Landsberg will ein NS-Dokuzentrum“ titelte der Bayerische Rundfunk am Tag nach der ersten April-Stadtratssitzung, aber er lag nicht ganz richtig damit. Wer genau hinhörte und auch die Vorlage zur Sitzung las, konnte erkennen, dass die Tendenz eher in die Richtung des „Szenarios 3“ geht, das FranKonzept, ein Würzburger Kulturplanungsbüro, im Auftrag der Stiftung Bayerischer Gedenkstätten erarbeitet hat. Szenario 1 (die rein mediale Aufarbeitung des Themas) und Szenario 2 (ein thematisch umfassendes museales Dokumentationszentrum an der Erpftinger Straße) dürften wohl ausscheiden.

Zentrale Anlaufstelle

Szenario 3 sieht zunächst vor, für Bürger und Besucher eine zentrale Anlaufstelle in der Landsberger Innenstadt zu schaffen, die eine erste Orientierung gibt. Gedacht ist an eine Tafelausstellung auf 30 Quadratmeter, die „kaleidoskopartig die wesentlichen Themen anspricht“. Das sollen „mindestens“ die Themen Hitlers Festungshaft und „Mein Kampf“, Rüstungspolitik und Bunkerbauten, KZ-Außenlagerkomplex Landsberg/Kaufering, Displaced-Persons-Lager (DP) in der Saarburgkaserne sowie War-Criminal-Prison und Kriegsverbrecherprozesse sein.

Wer zu den einzelnen Themen mehr wissen will, erhält Wegweisungen zu den Stätten, aber auch zum geplanten Landsberg-Museum (gleich Neues Stadtmuseum). Erweiterungen zu diesen Aspekten wären in einer nächsten konzeptionellen Stufe möglich und auch wünschenswert, heißt es in der Studie, wobei die Themen „Landsberg als Stadt der Jugend“, die „DAG-Fabrik im Frauenwald“, „Kriegsende und Befreiung“ oder auch die „Entwicklung der Erinnerungs- und Gedenkkultur in Landsberg“ eine Rolle spielen könnten.

Unterschiedliche Auffassungen gibt es zur Verortung dieser Anlaufstelle. Einige halten den „Stillen Gang“ im Erdgeschoss des Alten Rathauses für geeignet, andere den bisher brachliegenden Platz auf dem Hof des Rathausanbaus. Einige Stadträte haben bereits Bedenken gegen einen Standort im oder am Rathaus angemeldet, Bürgermeister Axel Flörke hält ihn hingegen für bestens geeignet.

FranKonzept hat noch die Leonhardikapelle im Klostereck (den Blumenladen) und eine Freiluftausstellung an zentralem Ort, etwa dem Flößerplatz, ins Gespräch gebracht. Wie die Anlaufstelle benannt werden soll, ist ebenfalls strittig: Die bisher verwendete Formulierung „Erinnerungsort“ dürfte angesichts des beschränkten Umfangs und der begrenzten Funktion der Anlaufstelle wohl nicht passend sein.

Vermittlungsangebot

Einigkeit besteht auch, dass nach der Konservierung der Tonröhrenbauten im Lager Kaufering VII ein weiterer Schritt folgen muss. Bislang ist der Komplex nur nach Anmeldung zugänglich; es fehlen insbesondere Parkplätze, sanitäre Anlagen, Informationsmöglichkeiten, eine Wegführung und ein Gruppenraum.

Die Studie schlägt dazu im „Szenario 3“ ein „Dokumentationszentrum KZ-Außenlager VII“ vor, als „ergänzendes Vermittlungsangebot“ mit „schlanker Ausstattung“. Die Studie verwendet hier – wohl mit Absicht – den gleichen Begriff „Dokumentationszentrum“ wie im umfassenderen Szenario 2, bezieht ihn nun aber nur auf das Areal der Tonröhrenbauten. Auf den Illustrationen ist wiederum von einem „Besucherzentrum“ die Rede.

Dort und in einer Freilichtausstellung sollen eine Einführung in das KZ-System erfolgen sowie Erläuterungen zum Außenlagerkomplex Landsberg/Kaufering gegeben werden, ferner zu den Lebensbedingungen in den Lagern, zu den Häftlingen und Häftlingsschicksalen sowie zur Räumung der Lager und zum Todesmarsch nach Dachau.

Dritte Komponente von „Szenario 3“ ist es, die Vielzahl der Ereignis- und Erinnerungsorte digital darzustellen. Dazu soll eine Internetplattform geschaffen werden, auf die man auch an Medienterminals an den einzelnen Orten zugreifen kann. Die einmaligen Gesamtkosten für alle drei Maßnahmen werden auf rund vier Millionen Euro geschätzt; pro Jahr entstehen laufende Kosten von 150.000 Euro.

Umfassender Ansatz

In der Studie heißt es wörtlich: „Mittels des umfassenden Ansatzes, die NS-Geschichte in Landsberg und Umgebung zum eigentlichen Thema des Projektes zu machen und unter diesem Dach dann dem KZ-Außenlagerkomplex einen wesentlichen Themenschwerpunkt zuzuweisen, kann es gelingen, die komplexe Zeitgeschichte Landsbergs aufzuarbeiten und damit zugleich der Interessenlage der Besucher zu entsprechen.“

Tatsächlich könnte diese Kombination für alle Seiten akzeptabel sein, auch für die Europäische Holocaustgedenkstätte Stiftung, die als Bürgerinitiative die Tonröhrenbauten vor der Zerstörung gerettet hat. Ihr Vorsitzender Manfred Deiler hatte mehrfach betont, dass eine Kombination aller Themen im Außenlager VII nicht möglich sei, es aber andererseits auch nicht bei der jetzigen Situation bleiben könne.

Großer Schritt

Offen ist noch, wie andere nicht zugängliche Einrichtungen wie die Justizvollzugsanstalt und die Welfen-Kaserne in das Konzept einbezogen werden können. Und: Wer finanziert die Maßnahmen? Viele Stellen sind hier gefragt; die meisten davon haben ihren Sitz in München. Eines steht schon fest: Auf dem Weg zur Aufarbeitung und zur Sichtbarmachung des Teils der NS-Geschichte, der sich in Landsberg ereignet hat, ist man nun einen großen Schritt weitergekommen.

Werner Lauff

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