Dei Musik muss an die frische Luft!

Landsberger Altstadt wird zur Open-Air-Bühne

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Das Delta Percussion Ensemble im corona-ausverkauften Theatergarten.

Landsberg – Die Musik muss an die Luft: Schon am letztenWochenende bewies der 1. Landsberger Picnic Sommer, dass es in der Lechstadt Potential für etwas andere Konzertsäle gibt. Da verwandelte sich der Schlüsselanger in eine große Tanz- und Feierwiese. Aber auch die Altstadt wird immer öfter Bühne: Die Kammermusik im Bibliothekssaal konzertierte am vergangenen Freitag zum dritten Mal ausverkauft open air: im Säulenhof des ehemaligen Heilig-Geist-Spitals. Am Samstagnachmittag eröffnete das „Kulturschutzgebiet“ im Innenhof des Rathauses – die Sommer-open-air-Musikreihe des Kulturbüros –mit dem Liedermacher Jakob Mühleisen. Und am Samstag zur Dämmerstunde geleitete das „Delta Percussion Ensemble“ im Theatergarten die Zuhörer in die Nacht.

Franz Lichtenstern blickt mit Stirnrunzeln aufs Handy: Der Regenradar zeigt eine Wolke, die zielstrebig auf Landsberg zuschwebt. Um kurz nach neun soll es nass werden. Könnte reichen. Mit nur wenigen Worten stellt Lichtenstern das Programm vor: ein Quator für Bläser des 1997 gestorbenen Jean Françaix – ein Komponist, den Lichtensterns Publikum kennt und schätzt. Danach Schubert. Mit ‚dem Quartett‘, d-moll D 810, bekannt unter „Der Tod und das Mädchen“. Ein Musikstück so schön, dass es wohl auch Klassikhasser ins Schwanken bringen dürfte.

Ava de Araujo Madureira, Katarzyna Woznica, Cornelius Mayer und Jakob Spahn begeisterten im Säulenhof mit Schuberts „Der Tod und das Mädchen“.

Françaix‘ Musik malt Bilder. Oboe und Flöte (Marta Mizgala und Annette Hartig) erinnern an Springende, das Fagott (Johannes Overbeck) tupft Basstöne. Schon der erste Satz reicht vom schnellen Staccato hin zu schmelzendem Largo, das Andante zitiert Mittelalterliches. Unisono-Passagen wechseln mit polyphonen Strecken, ein Ragtime im Hintergrund – als ob ihn jemand im Nachbarzimmer spielt. Ein leichtes Stück, das aber nicht an Françaix‘ Quator für Englischhorn und Streicher heranreicht, das im letzten Jahr in der Musik­reihe zu hören war.

Der Tod als Liebhaber einer jungen Frau ist das Motiv, das Schubert sowohl in seinem d-moll-Quartett als auch in einem Lied verarbeitet hat. Dessen Melodie ist im zweiten Satz des Quartetts zu hören – woher das Quartett seine Namen hat, auch wenn die Stimme des Mädchens nur rudimentär auftaucht. Der damals 29-jährige Schubert – zwei Jahre später stirbt er – legt den Schwerpunkt auf den Tod. Dem Lied liegt ein Gedicht von Matthias Claudius zugrunde. Das Mädchen: „Geh wilder Knochenmann!“ Der Tod: „Sollst sanft in meinen Armen schlafen.“ Die Angst vor und die Erleichterung im Tod: ein Gegensatz, der Schuberts Quartett von Grund auf prägt. Gleich die ersten Akkorde zitieren unisono den drohenden Tod. Schubert stellt tiefstes Moll gegen höchstes Dur – und holt den Zuhörer in diesen ‚Kampf‘. Das Andante – sein schreitender Beginn, das aufschäumende Dur – ist eine der wohl ergreifendsten Kompositionen. Das Flehen des Mädchens, seine Verzweiflung und letztendlich Erleichterung stellen das Nachfolgende in den Schatten. Scherzo und Presto? Man hört sie kaum, die beiden ersten Sätze füllen Ohr und Erinnerung.

Die vier Streicher des Gärtnerplatztheaters (Ava de Araujo Madureira, Katarzyna Woznica, Cornelius Mayer und Jakob Spahn) legen ein zügiges Tempo vor, spielen ausdrucksstark und bleiben dennoch exakt und ungemein leicht. Eine Einheit, die vom Publikum mit Standing Ovations belohnt wird.

Im August gibt es zwei weitere Säulenhofkonzerte: am 15. und 20. August. Mehr Infos unter www.kammermusik-landsberg.de.

Kulturschutzgebiete

Jakob Mühleisen präsentierte seine selbstkomponierten Songs im Rathausinnenhof.

Am Samstagnachmittag zur besten „Ich mag jetzt eigentlich gerade gar nichts tun außer zuhören und Eis essen“-Zeit startet die Premiere der „Kulturschutzgebiete“ im Rathausinnenhof. Liedermacher Jakob Mühleisen aus Weßling, gerade mal 19 Jahre alt, steht vor rund dreißig Zuhörern. Mehr als 50 hätten gar nicht Platz auf den markierten Stellen im Sicherheitsabstand.

Mühleisen singt englisch und deutsch. Im englischen tendieren seine selbstgeschriebenen Songs, auch seine Stimmfarbe zu Paul Simon. Wahrend seine deutschen Songs rotziger sind, mit mehr Energie, Soul, mehr Groove. Und auch ihr Inhalt – in „Maulwurf“ prangert er den aalglatten Schönling im Strom der Mehrheit an, „Andere Menschen denken“ dreht sich um die Corona-Zeit – scheint dem Musiker wichtiger zu sein. Hier hat er etwas zu sagen.

Initiatorin der „Kulturschutzgebiete“ Sibylle Engels hat für die kommenden Samstage immer um 16 Uhr bunt gemixt. Es gibt Lesungen, Konzerte mit Musik unterschiedlichster Art, sogar Theater. Mehr Informationen zu den Auftritten gibt es unter www.kulturinlandsberg.de/kulturschutzgebiet.

Theatergarten

Eine absolute Premiere gibt es am Samstagabend im Stadttheater: Statt Worte und theatralischen Gesten füllt Musik, genauer Percussion das kleine Amphitheater. Herbert Seibold ist mit seiner Bar ebenfalls ins Freie gezogen. Und knapp 100 Zuhörer platzieren sich abstandsgetreu auf den Sitzkissen, den Turm der Stadtpfarrkirche und die Spitalschule als Kulisse.

Das Delta Percussion Ensemble – wie Hexagon Percussion ein Teil des Musikvereins Türkenfeld unter der Leitung von Christoph Fellinger, aber namensentsprechend ein Quartett – bringt Musiker zwischen 16 und 18 auf die Gartenbühne. Ihr Repertoire? Breit: vom Swing, Tango und italienischen Schlager über afrikanische Rhythmen bis hin zu Jazzklassiker „Mercy Merci Merci“ von Joe Zawinul. Wobei statt „Tu vuò fà l’americano“ die australische Techno-Swing-Variante „We speak no Americano“ den Musikern besser steht. Und ja, Synthiklänge sind durch Marimba, Xylophon und Vibraphon mit einem extrem lässigen Mann an den Drums bestens ersetzbar.

Besonders beeindruckend: die Jazz-Arrangements, bei denen das exakte Zusammenspiel der Vier deutlich wird. Und zwei vertrackte Stücke, die Rhythmusgefühl fordern: eines eine Welturaufführung, ein eigentlich für Marimba-Solo komponiertes Stück im Sieben-Achtel-Takt. Das andere ein bulgarischer Tanz – im zackigen Elf-Sechzehntel und mit großer Trommel.

Spielen die zwei Frauen und zwei Männer am Anfang auf diversen Trommeln und Cajón, sind es am Schluss ihre Körper, die als Resonanzboden herhalten: Bei der Zugabe, Bodypercussion unterstützt vom Schnippsen des Publikums, schwindet das letzte Tageslicht. 
Susanne Greiner

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