Zum Abschied eine Scheidung

Landsberger Amtsrichter Daum geht in den Ruhestand

Dr. Wolfgang Daum an seinem letzten Verhandlungstag im Gerichtssaal.
+
Dr. Wolfgang Daum an seinem letzten Verhandlungstag im Gerichtssaal. Zehn Verhandlungen stehen auf seiner Liste.

Landsberg – Ein echtes Urgestein: 33 Jahre fällt Dr. Wolfgang Daum als Richter Urteile. 26 davon in über 10.000 Verfahren beim Landsberger Amtsgericht. Zunächst als Straf-, dann als Familienrichter. Heute führt er seine letzten zehn Verhandlungen, bevor er sich in den Ruhestand verabschiedet. Zum Abschluss wird‘s eine Scheidung geben. 

„Als Richter ist es etwas gemütlicher“, meint Wolfgang Daum, der nach kurzer Tätigkeit als Anwalt seit 1984 mehrere Jahre in Augsburg zunächst als Staatsanwalt mit dem Schwerpunkt Wirtschaftskriminalität gearbeitet hat. Das sei „eigentlich ganz nett“ gewesen, „hatte was von Action und Abenteuer“, sagt Daum. Wenn man etwa morgens, gleich in der Früh, an der Wohnungstüre eines Wirt­schaftstäters klingele und einen zuerst mal eine riesige Dogge knurrend entgegenspringe. Untreue, Insolvenzverfahren, Betrug, Überschuldung – da komme man mit zwielichten Gestalten in Berührung.

Spannend und interessant sei das schon gewesen. „Daher war es zunächst gar nicht mein Plan, Richter zu werden“, sagt Daum. Der sich dennoch als Richter beim Amtsgericht Augsburg bewirbt, als dort eine Planstelle frei wird. Hier bleibt er vier Jahre, bevor er 1994 beim Amtsgericht Landsberg beginnt. Der Grund für den Wechsel nach Landsberg? Kein schönerer als die Liebe.

Es habe durchaus seinen Reiz, als Richter in der mündlichen Verhandlung „alles präsentiert“ zu bekommen, schmunzelt Daum. Die Akte, vorgefertigte Ergebnisse – alles Dinge die er als Staatsanwalt noch selbst ermitteln und ausarbeiten musste. Ein großer Vorteil, zuvor in der Staatsanwaltschaft gearbeitet zu haben: Man verstehe die andere Seite viel besser, erklärt Daum. In Landsberg hat er zunächst einige Jahre als Strafrichter gearbeitet. 1996 promovierte der Jurist zum Thema Entnazi­fizierung in Landsberg. Circa 4.000 Akten habe er dazu auf dem Speicher im Landsberger Gericht gefunden und durchgearbeitet. Sie befinden sich mittlerweile im Staatsarchiv München. Auch Vorträge hält Daum dazu.

Seit circa 21 Jahren ist er in Landsberg als Familienrichter im Einsatz. Fällt Urteile in Sachen Sorgerechts- und Umgangsstreitigkeiten, zu Scheidungen und Unterhalt. In 20 Jahren habe er 2.800 Scheidungen bearbeitet, rechnet Daum vor. Für ihn sei eine Entscheidung im Fami­lienrecht schwerwiegender als eine Geld- oder Freiheitsstrafe im Strafrecht, sagt er. Wobei die schweren Fälle, also alle, bei denen eine Freiheitsstrafe von mehr als vier Jahren zu erwarten ist, gar nicht in seiner Zuständigkeit liegen würden. Die landen beim Landgericht Augsburg.

Im Familienrecht gehe es häufig um das Scheitern einer Lebensidee. „Neben einem Haufen Geld verliert man auch eine Frau oder die Kinder. Das ist eine innerliche Niederlage“, sagt Daum. Die Tätigkeit als Familienrichter sei für ihn spannender und tiefgehender. „Hinter jeder Haustür liegt eine eigene Welt“, erklärt der Richter. Die zu sehen, sei aber auch manchmal erschütternd. Von Sticheleien, Gemeinheiten, wortlosem Nebeneinanderleben bis hin zu Handgreiflichkeiten – all das verberge sich hinter dieser Tür.

Oft sei es eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera, die getroffen werden müsse. Das beschäftige einen. Und obwohl er sich stets vorgenommen habe, sachlich zu urteilen, sei er doch so manches Mal schweißgebadet aufgewacht. Gerade, wenn Kinder im Spiel sind, gehe es einem oft nahe. Natürlich habe es auch mal Entscheidungen gegeben, die sich im Nachhinein als falsch herausgestellt haben. So etwas belaste. Daher müsse man stets vorsichtig sein in seinen Urteilen, sagt Daum.

Grundsätzlich werte er den Rechtsfrieden höher als Gerechtigkeit. Es sei wichtig, dass die Beteiligten nach dem Urteil einigermaßen friedlich nebeneinander leben können. Ausschlaggebend sei hier die Rechtskraft. „Wenn ein Urteil gefällt wird, dann gilt es“, so Daum. Dass nebenbei auch noch so etwas wie Gerechtigkeit herauskomme, sei manchmal der Fall – manchmal aber eben auch nicht. „Vergleiche, bei denen beide Parteien gleich unzufrieden sind, sind die besten“, weiß Daum. Das deute immerhin auf eine ausgewogene Entscheidung hin.

Daum weiß es zu schätzen, dass er den Menschen in seiner Tätigkeit als Richter zum Teil helfen konnte, wenn sie „sich manchmal selbst im Wege stehen und Hilfe brauchen.“ Die coronageplagte letzte Zeit habe er in seiner Tätigkeit als Richter gar nicht so sehr gespürt. Mit Masken und Trennscheibe gehe man ja bei Verhandlungen auf Nummer sicher. Auch nicht zu merken sei es gewesen, dass Corona daheim Gewalt verstärkt habe. Trennungen jedoch würden sich am Gericht erst in einem Jahr zeigen, so Daum, nämlich wenn sich die Leute nach dem gesetzlichen Trennungsjahr scheiden lassen.

Mit Wehmut

Traurig zu gehen, ist Daum nicht. Aber etwas wehmütig. Schließlich habe er so nette Kollegen, sagt er. Er freue sich aber darauf, „all die Katastrophen und persönlichen Geschichten nun auch mal los zu sein“. Vor allem freue er sich aber auf die viele Zeit, die ihm plötzlich zur Verfügung steht. Erstmal werde er jetzt seinen Keller aufräumen, meint er. Und dann habe er ja auch noch sein großes Hobby: die Musik. Daum spielt Posaune in einer Big Band und produziert selbst computergestützte Musik. Auch als ehrenamtlicher Kirchenpfleger ist er tätig. Hier sei immer was zu tun. Und schließlich habe er ja auch eine Familie. Seine Frau und seine beiden erwachsenen Söhne. Langeweile komme da nicht auf.

Bis Ende Januar ist Wolfgang Daum noch als Richter im Amt, muss seine letzten Entscheidungen überprüfen und aufarbeiten. Und dann werde er es genießen, „auch mal länger an der eigenen Komposition sitzen zu können.“ Ein (eigenes) Urteil trifft er in dem Fall ausschließlich für die Musik.
Andrea Schmelzle

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Landkreis Landsberg: Inzidenz bleibt zwischen 50 und 80
Landkreis Landsberg: Inzidenz bleibt zwischen 50 und 80
Hans Pfister aus Egling: Ein Faible für die Zeit
Hans Pfister aus Egling: Ein Faible für die Zeit
Chorleiterin mit Leidenschaft: Andrea Finsterwalder aus Denklingen
Chorleiterin mit Leidenschaft: Andrea Finsterwalder aus Denklingen

Kommentare