Tatort ohne Täter

Die landsberger bühne mit James Fritz‘ Drama »4Min 12Sek«

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Diedke Moser als Diana und Thomas Bauer als David in „4Min 12Sek“

Landsberg – Die Bühne ist fast leer. Schwarzlicht lässt Weißes bläulich schimmern. Die agierenden Schauspieler nutzen die vordere linke Ecke. Es ist eng. Beklemmend. Und das soll es auch sein. Denn James Fritz‘ Theaterstück „4Min 12Sek“ seziert das menschliche Miteinander, wenn Unsicherheit, Verrat und Lügen das Vertrauen massiv unterhöhlen. Die landsberger bühne hat sich für ihre Jahresaufführung an den schwierigen Text herangetraut. Mit einem großteils positivem Ergebnis.

„4Min 12Sek“ hat zwei Themenschwerpunkte: sexuelle Gewalt und den unverantwortlichen Gebrauch sozialer Medien. Da ist Jack, 17 Jahre alt. Seine Eltern vergöttern ihn, er hat eine Freundin, ist Klassenbester. Nach dem Abitur winkt das Jurastudium. Eine heile Welt. Doch plötzlich wird der Klassenprimus verprügelt, vom Bruder seiner Freundin Cara. Denn im Internet kursiert ein Video, das ihn und Cara beim Sex zeigt. Sie wehrt sich, er hält ihr den Mund zu – eine Vergewaltigung. 4 Minuten und 12 Sekunden lang. Mit inzwischen über einer Million Klicks. Nur ein Sex-Video von vielen? Denn „das macht doch heute jeder“, ist Jacks Vater überzeugt. Wer das Video tatsächlich eingestellt hat, weiß bisher niemand.

Stehen am Anfang beide Eltern hinter Jack, muss sich seine Mutter Diana im Lauf des Stücks der Tatsache stellen, dass das Video kein „dummer Schuljungenstreich“ ist. Dass ihr Sonnenschein Jack nicht nur „gut“ ist. Dass auch ihr Mann David das Thema der sexuellen Gewalt erschreckend verharmlost. Und dass er sie belügt. Letztlich macht sich eine erschreckende Selbsterkenntnis in Diane breit: Um ihren Sohn zu schützen, verschweigt auch sie sein Verbrechen.

Fritz verknüpft das Thema sexuelle Gewalt und Mobbing in sozialen Netzwerken in einer Mischung aus Drama, Psychogramm und Satire äußerst intelligent. Denn in „4Min 12Sek“ geht es am Ende gar nicht mehr um die Tat an sich – die Vergewaltigung. Oder wie David es ausdrückt: den „etwas ruppigen“ Geschlechtsverkehr. Sondern nur noch um die Frage: Wer hat das Video eingestellt? Die Frage, ob Jack Cara vergewaltigt hat, wird zur Nebensache. Weshalb im gesamten Stück Jack selbst nicht auftritt und auch nie das Wort ‚Vergewaltigung‘ fällt.

Als Laientheater ein Vier-Personen-Stück auf die Bühne zu bringen, ist eine Herausforderung. Vor allem, wenn es keine Komödie ist. Die landsberger bühne meistert sie zum großen Teil gut. Da Cara und Jacks bester Freud Nick (Ann Machacek und Jonas Echterbruch) nur wenige Minuten auf der Bühne haben – Minuten, die Echterbruch äußerst überzeugend nutzt – stemmen Diedke Moser als Diana und Thomas Bauer als David den Hauptpart. Sind deren Dialoge am Anfang noch perfekt, wirken wie reale, lebendige Gespräche, verlieren sie im Lauf des Stücks an Kraft. Das mag daran liegen, dass Regisseurin Sabine Kittel Diana keine Entwicklung zuschreibt. Moser startet emotional auf 200. Und bleibt auf dieser Ebene. Das ist am Anfang überzeugend, schleift sich aber auf Dauer ab.

Auch die Brüche in Davids Verhalten wirken in Bauers Darstellung nicht immer überzeugend. Ist er wirklich stolz auf die ‚sexuelle Leistung‘ seines Sohns? Dass hier auch Fritz‘ Vorlage wohl nicht kohärent ist, sei unbestritten. Insgesamt ist die Leistung der beiden Schauspieler dennoch zu loben: Sie bleiben konsequent in ihren Rollen. Und stemmen die nicht geringe Textmenge souverän.

Die Aufführung der landsberger bühne dauert zwei Stunden. Bei der Uraufführung in London 2014 waren es eineinhalb Stunden, die deutsche Erstaufführung in Memmingen 2017 reduzierte nochmals um zehn Minuten. Eine entsprechende Kürzung, Komprimierung der Szenen und Dialoge hätte dem Spiel der landsberger bühne gut getan. Auch der mehrmalige Bühnenumbau trägt zur Dauer bei (Bühnenbild: Martin Paulus). So assoziiert das Schwarzlicht passend die Atmosphäre eines Computerbildschirms. Dass die Kulissencrew in leuchtendweißen Overalls à la Tatortreiniger umbaut, verstärkt den Aspekt ‚Tatort‘, ist jedoch zu viel des Guten. Auch die farblichen Akzente durch Blumen und Teddybären lenken ab. Reduktion wie schon im Text wäre auch beim Bühnenbild möglich gewesen: Weniger Requisiten, vielleicht eine Simultanbühne würden die Konzentration auf das Wesentliche, den Umgang der Protagonisten miteinander und deren emotionale Entwicklung, besser herausstellen.

Das Publikum im vollen Stadttheater belohnte die Schauspieler mit langanhaltendem Applaus und ‚Bravo‘-Rufen. Weitere Aufführungen von Donnerstag, 17. Januar, bis Sonntag, 20. Januar, am Donnerstag, 24. Januar, und Freitag, 25. Januar. Die Aufführungen starten jeweils um 20 Uhr, sonntags um 18 Uhr. Mehr Informationen gibt es hier.

Susanne Greiner

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