Absurd und inhuman

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Rettung vor dem Ertrinken im Mittelmeer

Der Landsberger Claus-Peter Reisch, der Kapitän der Lifeline, kehrt zumindest vorübergehend in seine Heimatstadt zurück. Nun wird es höchste Zeit, die Handlungsstränge auseinanderzuhalten.

Handlungsstrang 1: Claus-Peter Reisch hat Hunderte Menschen aus dem Mittelmeer gerettet. Das ist der Grund, warum sie nicht ertrunken sind, sondern weiterleben dürfen. Es kann nicht ernsthaft bezweifelt werden: Reisch ist ein Lebensretter. Wir sollten das beim Namen nennen.

Handlungsstrang 2: Italien, Spanien und Malta haben die Lifeline gezwungen, den auf offenem Deck und engstem Raum zusammengepferchten Geflüchteten weiteres körperliches und psychisches Leid zuzufügen - durch tagelange Ungewissheit und sinnloses Kreuzen in potentiell rauher werdender See. Sie haben aus populistischer Panik heraus verhindert, was das Völkerrecht zwingend vorsieht, dass nämlich Schiffbrüchige "unverzüglich" an einen "sicheren Ort" zu bringen sind, an dem "ihr Leben nicht mehr weiter in Gefahr ist" und an dem "ihre menschlichen Grundbedürfnisse wie Nahrung, Unterkunft und medizinische Bedürfnisse gedeckt werden können". Das ist ein klarer Rechtsbruch, ein brutales und unmenschliches Verhalten. Wir sollten auch das beim Namen nennen.

Handlungsstrang 3: Davon ist die Frage zu trennen, ob künftig verhindert werden soll, dass Nichtregierungsorganisationen (NGOs) gezielt Schiffe einsetzen, um Flüchtlingen entgegenzukommen. Das setzt nämlich einen Automatismus in Kraft: NGO-Schiffe werden anhand ihres GPS-Signals von den Schleppern über marinetraffic.com identifiziert. In diesem Moment setzen sie die Menschen in ihre unsicheren Boote und schicken sie los.

Soweit besteht Einigkeit. Uneinigkeit besteht darüber, ob die sich anbahnende Rettung auch der Grund für den Aufbruch der Flüchtlinge ist. Die einen sagen: ja, so ist das. Je mehr gerettet wird, desto mehr Schlepperboote kommen. Andere sagen: Nein, so ist das nicht. Das Leid in den libyschen Flüchtlingslagern ist so groß, dass der Aufbruch auf jeden Fall stattfindet; die Hoffnung stirbt zuletzt. Auch nach einer britischen Studie gibt es zwischen der Zahl der Rettungsschiffe und der Zahl der Überfahrten keinen Zusammenhang. Die NGOs haben die gefährliche Flucht nicht ausgelöst; das Drama spielt sich auch ohne sie ab.

Wir wissen nicht, was stimmt. Wir sehen nur eines: Die Staaten sind offenbar nicht in der Lage, das Problem zu lösen. Darüber, wie man Fluchtursachen bekämpft, Nachbarstaaten als Auffangländer aktiviert, Schlepperorganisationen aus dem Verkehr zieht und das Elend in Libyens Lagern beendet, gibt es noch nicht einmal innerhalb Deutschlands Einigkeit, geschweige denn in Europa oder mit den betroffenen afrikanischen Staaten.

Sowohl das unwürdige und gefährliche Kreuzen-Lassen eines mit Flüchtlingen überfüllten Bootes vor den Küsten Europas wie auch das Vor-Gericht-Stellen des Kapitäns wegen seerechtlicher Formalien sind nichts anderes als Ersatzhandlungen auf dem Rücken Dritter. Es sind absurde Eingeständnisse des Versagens der Staatengemeinschaft.

Das ist als wenn man den Drogenkonsum dadurch beenden wollte, dass man Junkies auf der Straße verrecken lässt. Und das ist so als bekämpfe man Raserei auf der Autobahn mit einem an Notärzte gerichteten Verbot, nach einem Unfall Hilfe zu leisten.

Die Politik sollte alsbald dafür sorgen, dass es im Mittelmeer keine Ertrinkenden mehr gibt. Dass sie stattdessen dafür sorgen will, dass es im Mittelmeer keine Retter mehr gibt, ist absurd und inhuman.

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