Sehbehindert: Werner aus Rott braucht Hilfe

Facebook-Gruppe "Du kommst aus Landsberg, wenn ..." löst Probleme

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Werner Malter brauchte schnell und unkompliziert Hilfe. Die Facebook-Gruppe "Du kommst aus Landsberg wenn ..." hat sein Problem gelöst.

Landsberg – Werner braucht Hilfe. Es handelt sich nur um einen kleinen Dienst: Er sucht jemanden, der ihn, einen hochgradig Sehbehinderten, am Kauferinger Bahnhof in den ersten Waggon hinter der Lok bringt. Mehr nicht. Könnte man ja mal auf Facebook probieren, denkt sich der 48-Jährige. Und postet seine Bitte in der Gruppe „Du kommst aus Landsberg, wenn ...“. Es klappt: Zwei Stunden später ist die Hilfe organisiert. Facebook mag viele schlechte Seiten haben. Aber auch Gute. Die Gruppe „Du kommst aus Landsberg, wenn ...“ ist eine davon.

Der 48-Jährige nennt sich in Facebook „Werner aus Rott“. Leider gebe es immer noch so viel Berührungsängste Blinden gegenüber, schreibt er in seiner Bitte um 6:44 Uhr. Aber das sei eigentlich deren Problem. Denn er hat eine ganz konkrete Anfrage: Jemand soll ihn in Kaufering in den ersten Waggon hinter der Lok bringen. „Wenn du oder du mich am Gleis 3 stehen siehst mit einem weißen Blindenstock, sprich mich doch einfach kurz an“, bittet er.

Sein Post bekommt 56 Likes.Ein paar Leute antworten mit einem „Ich würde ja, wenn ...“ Doch dann meldet sich um 8:57 Uwe Merz: „Ich werde um 13:25 Uhr zum Bahnhof kommen und dir helfen. Sag Bescheid, ich kann auch schon früher da sein und dich zum Bahnhof begleiten.“ Einfach so, ganz unkompliziert. 63 Likes.

Die beiden verabreden sich auf dem Bahnsteig, alles klappt reibungslos. Um 13:25 postet Werner: „Uwe Merz, danke dir für die kurze, schnelle Hilfestellung.“ Währenddessen kommen weitere Unterstützungsangebote. Jemand bietet Werner an, ihn im Auto von Landsberg nach Kaufering zu fahren. Viele offerieren generell Hilfe. Sogar Geld. Und Uwe fliegen die Herzen zu: „Uwe, toll, dass es Menschen wie dich gibt“, freut sich Jana. Iris ist begeistert: „Hey Uwe, ich will dich heiraten.“

Werner aus Rott heißt im richtigen Leben Werner Malter. Er ist in Landsberg geboren, wo er bis vor vier Jahren lebte. Werner ist nicht blind geboren und nicht vollständig blind, aber seit acht Jahren hochgradig sehbehindert, „so gut wie blind. Das ist ungefähr so wie wenn man nur noch durch ein kleines Loch schaut.“ Deshalb das Blindenabzeichen am Shirt.

An dem besagten Samstag, als Werner Hilfe benötigte, ging es nur darum, ihn im ersten Waggon abzusetzen. Weil er sonst er in München nicht den Anschlusszug erreicht. Zudem muss auch das Zugpersonal wissen, wo der Sehbehinderte sitzt, um ihn unterstützten zu können. „Das Ganze hat vielleicht 30 Sekunden gedauert. Aber es war eine wahnsinnig große Hilfe.“ Er sei positiv überrascht gewesen, wie problemlos seine Anfrage funktioniert habe: „Wie schnell und ohne große Worte.“ Denn die Nachfrage über Facebook war eine Ausnahme und auch eine Premiere.

Generell komme er gut zurecht, erzählt Werner. Man müsse als Mensch mit Handicap auch Hilfe zulassen können. Doch natürlich gebe es immer noch große Berührungsängste. In Restaurants frage die Bedienung gerne seinen Nebensitzer: „Möchte Ihr Begleiter noch etwas trinken?“ Er sei doch nur blind, nicht taub. „Die Leute stehen sich da oft selbst im Weg.“ Und ihm im wörtlichen Sinne. Wenn er zum Beispiel entlang des Geländers über die Katharinenbrücke geht. Und die ihm Entgegenkommenden einfach stehenbleiben, anstatt zur Seite zu gehen. Ab und zu bekommt er auch Beschimpfungen zu hören. Wenn es zum Beispiel mal an der Supermarktkasse länger dauert. Und teilweise sind die unter jeglicher Gürtellinie:. Zum Beispiel „Im 2. Weltkrieg hättest du gewusst, wo du hingehörst.“

Werner orientiert sich an Gullideckeln, Gehsteinkanten, Straßenlaternen. In einem neuen Umfeld muss er sich natürlich neu orientieren. Wenn einen der Busfahrer zum Beispiel an der falschen Haltestelle rauslässt. Das kann schon mal ein bisschen dauern, „und dann schreien dich die Leute an.“ Generell habe er in Landsberg ein Problem, über die Straße zu kommen. Nur ein durch Nägel gekennzeichneter Übergang in der gesamten Altstadt sei eben für Blinde schon eine Herausforderung.

Insgesamt wünscht sich Werner weniger Ellenbogen und mehr Hilfe – „aber bitte keinen blinden Aktionismus!“ Wenn jemand ihn ohne zu Fragen einfach anfasse, und sei der Wille auch noch so gut, erschrecke ihn das meistens zu Tode. Also bitte einfach kurz fragen, wie man helfen könne.

Die von den beiden Moderatoren Matthias Radochla und Brigitte Hübner vor fünf Jahren gegründete Facebook-Gruppe „Du kommst aus Landsberg, wenn ...“ findet Werner gut: „Da wird nicht nur geschimpft, sondern auch geholfen.“ Ihm zum Beispiel. Oder auch wenn einer alleinerziehenden Mutter das Geld für Brennholz ausgeht, sie aber vom Jobcenter keine Heizkostenpauschale erhält. Die Frau fragte damals in der Facebookgruppe nach Holzresten. Und bekam innerhalb kürzester Zeit mehrere Ster vor die Haustür geliefert. Kostenlos. 

Susanne Greiner

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