"Nicht Herr meiner Sinne"

Landsberger zu einem Jahr und drei Monaten verurteilt

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Urteil gefällt: Freiheitsstrafe ohne Bewährung 

Landsberg – Beschimpfungen, Bedrohungen, Hausfriedensbruch, Körperverletzung, Sachbeschädigung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Verwenden von Kennzeichen einer verfassungswidrigen Organisation: Gleich über eine ganze Palette an Tatbeständen musste Strafrichterin Beate Kreller in der Hauptverhandlung gegen einen 32-jährigen Angeklagten aus Landsberg ihr Urteil fällen: Ein Jahr und drei Monate Haft richtete sie – und kam damit dem Antrag von Staatsanwalt Lukas Peltsarszky nach.

Es war eine lange Verhandlung an einem brütend heißen Tag. Prozessiert wurde über einen Vorfall, der sich im März in einem Landsberger Lokal abgespielt hatte. Der Angeklagte betrat es trotz Hausverbot. Nach Aufforderung, das Lokal zu verlassen, beschimpfte er Inhaberin und Gäste. Überdies drohte er der Inhaberin, den „Laden niederzubrennen“, indem er einen „Molotowcocktail durch das Fenster schmeiße“. Gerade mal zwei Tage später betrat er das Lokal trotz Hausverbot in alkoholisiertem Zustand erneut. Die Situation eskalierte.

Wer wen anfänglich provoziert hat und was Auslöser des Streits war, konnte durch zum Teil widersprüchliche Aussagen nicht abschließend geklärt werden. Fakt ist: Es kam zu einer Auseinandersetzung mit einigen Jugendlichen im Alter von 16 bis 17 Jahren. Und im Zuge dessen zu Handgreiflichkeiten, aufgrund derer sich ein Jugendlicher wegen einer Jochbeinprellung ärztlich behandeln lassen musste. Zudem richtete der Angeklagte ein zerschlagenes Weinglas auf einen Gast, mit dem Wortlaut: „Ich bring dich um, ich schlitze dir die Kehle auf.“ Im Zuge der Auseinandersetzung habe aber auch einer der Jugendlichen „ausgeteilt“ und den Angeklagten aus Notwehr ins Gesicht geschlagen, so dass es blutverschmiert war.

Die Polizei wurde alarmiert und rückte mit zwei Streifenwagen an. Der Angeklagte weigerte sich, seine Identität preiszugeben, schlug den Arm des Beamten weg und schubste ihn. Fünf Polizisten gelang es unter enormem Kraftaufwand, den sich wehrenden Angeklagten zu Boden zu bringen und ihn zu fixieren.

Dabei mussten sich die Beamten immer wieder obszöne, zum Teil homophobe Beschimpfungen anhören. Schließlich drohte der Angeklagte, ihre Waffe zu nehmen und ihnen in den Kopf zu schießen. Mehrfach waren Parolen wie „Heil Hitler“, oder „Heil Stalin“ zu hören. Hitler solle wieder an die Macht – aber auch der Kommunismus solle zurückkehren. Auf die Frage, wie er heiße, nannte er zunächst Adolf Hitler als Namen, dann Friedrich Engels. Ein Polizist erlitt im Zuge des Gefechts eine Schürfwunde.

Später kam es jedoch zu einem kooperierenden Verhalten, das auf Stimmungsschwankungen des Angeklagten schließen lasse. Aufzeichnungen der Body Cam bewiesen im Gerichtssaal diese Szenen. Der Angeklagte wurde mit dem Krankenwagen ins Landsberger Klinikum gefahren, um dort seine Gesichtswunden behandeln zu lassen, zu entgiften und Gespräche mit der Psychologin zu führen. Ergebnisse eines Bluttests und damit Alkoholwerte lagen dem Gericht jedoch nicht vor.

Warum aber kam es zu solch einem heftigen Verhalten? Der Angeklagte habe einen heftigen Ehestreit mit seiner Frau gehabt, räumte er ein, habe getrunken bevor er das Café betrat. Hier sei es bereits vor der Tür zu einem Wortgefecht mit den Jugendlichen gekommen. Er habe sich unterlegen gefühlt, habe jedoch selbst nicht angegriffen und nicht geschlagen. Dennoch sei er „komplett ausgerastet“. Er entschuldige sich für sein Fehlverhalten, das er selbst als verwerflich und dumm bezeichnete. Er mache mittlerweile ambulante Psychotherapien. Zehn Jahre sei nichts gewesen – er habe gearbeitet, Steuern gezahlt, geheiratet, versucht, ein gutes Leben zu führen. Er sei auch nicht rechtsradikal, seine Frau sei schließlich Kolumbianerin. Jetzt sehe er aber ein, dass „etwas schiefgelaufen“ sei. Stark alkoholisiert sei er nicht Herr seiner Sinne gewesen.

Elf Eintragungen liegen gegen den Angeklagten bereits im Bundeszentralregister vor, unter anderem auch wegen vorsätzlicher und gefährlicher Körperverletzung. Eigentlich müsse man wissen, wozu man neigt, so Richterin Kreller.

Obwohl sich der Angeklagte einsichtig und geläutert gezeigt habe, sprach Staatsanwalt Peltsarszky von einem „wesensimmanenten Verhalten“ und einer „Unbelehrbarkeit“. Immer wieder habe es, trotz längerer Zeit im Gefängnis und diverser Jugendstrafen, Aktionsdelikte gegeben. Er konstatierte eine erhebliche Rückfallgeschwindigkeit.

Pflichtverteidigerin Dr. Silke Ackermann wies auf den „konfusen Haufen an Beschimpfungen“ hin. Ob die tatsächlich rechtsradikale Tendenzen hätten, wage sie zu bezweifeln. Sie plädierte auf eine Freiheitsstrafe von acht Monaten auf Bewährung, aber mit entsprechenden Auflagen, also Therapiemaßnahmen hinsichtlich Psyche und Alkoholproblem.

Für Richterin Kreller jedoch zeugten die Taten von einer inneren Haltung und einer hohen Gewaltbereitschaft. Sie fällte ihr Urteil ohne Bewährung. Nun kann Berufung eingelegt werden.
Andrea Schmelzle

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