Weihnachtsoratorium in Landsberg

Bach ohne Prunk und Protz

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Großartige Musiker: Der Landsberger Kammerchor und das Orchester La Banda überzeugten unter der Leitung von Silvia Elvers (vorne) am Dreikönigstag mit einem sanften und filigranen Weihnachtsoratorium.

Landsberg – Weihnachten ohne Weihnachtsoratorium ist wie Winter ohne Schnee. Die Musik von Johann Sebastian Bach ist Schneekristall auf Tannengrün – ein Muss. Bachs Oratorium besteht aus sechs Teilen, die ursprünglich einzeln zu den Weihnachtsfeiertagen von Heiligabend bis zum Dreikönigstag aufgeführt wurden. Die heutige Aufführungspraxis fasst eher zusammen. Wie auch das Konzert des Landsberger Kammerchors in der Heilig-Kreuz-Kirche: Gemeinsam mit dem Originalklangorchester La Banda waren unter der Leitung von Silvia Elvers die Kantaten eins bis drei zu hören. Und als Abschluss, pünktlich zum Dreikönigstag, die Kantate sechs. Ein zweistündiger Hochgenuss für das konzentriert lauschende Publikum. Als Belohnung gab‘s Standing Ovations.

Wenn Silvia Elvers dirigiert, tanzt sie. Dabei scheint sie weniger „Chef“ zu sein, vielmehr bildet sie mit ihren Musikern eine Einheit. Bereits 2016 trat der Kammerchor gemeinsam mit La Banda auf – „Liebe auf den ersten Blick“. Denn das Originalklangorchester gibt Bachs Kantaten den richtigen Klang: leiser, sanfter, auch durch die tiefe Stimmung der Instrumente auf 415 statt der üblichen 440 Hertz. Da erklingen schmeichelnde Barockoboen, Querflöten aus Holz, selbst die Orgel gibt sich bescheiden: Eine kleine Truhenorgel, ein Positiv, übernimmt die Rolle des Generalbasses ohne markerschütternde Bombastik ihrer großen Schwester. Besonders prägend sind die Barocktrompeten: Doppelt so lang wie moderne Trompeten kommen sie ohne Ventile aus. Nur drei Löcher dienen zur Tonvariation.

Trompeten sind das Markenzeichen des Oratoriums: Sie leiten mit der Pauke das „Jauchzet, Frohlocket“ ein. Dass dieser erste Chor nicht für das Oratorium komponiert wurde, kennzeichnet eine im Barock übliche Praxis: das Parodie- oder auch Kontrafakturverfahren. Musikstücke aus anderen Werken werden durch Änderung des Librettos sowie neue Instrumentierung in geistliche Werke eingefügt. So stammt „Jauchzet, Frohlocket“ aus der Kantate „Tönet, ihr Pauken! Erschallet Trompeten“ – deshalb die Instrumentierung. Die schrieb Bach zum Geburtstag der Königin von Polen. Aus ihr kommt auch die Bass-Arie „Großer Herr, o starker König“, ursprünglich „Kron und Preis gekrönter Damen“. Den Bass-Part übernahm der aus Finning stammende Johannes Gruber, dessen volle Stimme vor allem im Duett mit der großartigen Sopranistin Julla von Landsberg im dritten Teil glänzte.

Auch die Alt-Arie „Bereite dich, Zion“ kommt aus dem Profanen, Bachs „Herkules-Kantate“. Der ursprüngliche Text ist: „Ich will dich nicht hören, ich will dich nicht wissen, verworfene Wollust, ich kenne dich nicht.“ Besonders deutlich wird die Umwidmung bei der berühmten Alt-Arie „Schlafe, mein Lieber“, die durch Flötenbegleitung besonders sanft erklingt. Mezzosopranistin Regine Jurda zeigte hier viel Einfühlungsvermögen. Der ursprüngliche Text in der Herkules-Kantate ist eher weltlich: „Schmecke die Lust der lüsternen Brust und erkenne keine Schranken.“ Diese „Zweitverwertung“ war im Barock Gang und Gäbe und wohlgelitten. So verwundert es nicht, dass Bach auch Luthers berühmtes Kirchenlied „Vom Himmel hoch“ in seinen Chorälen verarbeitet.

Die Instrumentierung unterstützt die Handlung: Trompeten oder Pauken vertreten Gott, Streicher symbolisieren Engel, Oboen Hirten. Dies wird vor allem in den Rezitativen deutlich: Da wird das Eilen der Hirten auch mal durch einen „Walking Bass“ veranschaulicht. Rezitator und somit Erzähler der biblischen Texte aus dem Lukas- und Matthäus-Evangelium war Tenor Georg Poplutz, dessen deutliches Prononcieren den Rezitativen zugutekam.

Auch in seinen Arien glänzte der Westfale mit klarer Stimme. Ebenso überzeugte der Landsberger Kammerchor durch einen ausgewogenen Zusammenklang –Harmonie auch bei noch so kompliziert versetzten Einsätzen. Und letztendlich bewies auch der Kinderchor DoReMi beim Choral im ersten Teil: Für Sängernachwuchs ist demnach gesorgt.

Zurecht gab das Publikum in der bis auf den letzten Platz gefüllten Heilig-Kreuz-Kirche Standing Ovations. Ein Konzert mit ausgezeichneten Musikern ohne Prunk und Protz, die Bachs Weihnachtsoratorium oft zu eigen sind. Denn was die Kompositionskunst des Barockmeisters zeigt und wirklich das Gemüt ergreift, das sind eben die leisen Töne.

Susanne Greiner

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