King Lear als mexikanischer Kartellboss

Der Landsberger Konstantin Moreth: Regisseur, Schauspieler, Autor - und Musiker

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Das „Sarajevo“-Team bei den Proben: (von links) musikalischer Leiter Juri Kannheiser, Michaela Weingartner,  Alexander Bambach (hinten), Susu Padotzke und Regisseur, Autor und Mitspieler Konstantin Moreth.

Landsberg/Riederau – „Solange hatte ich noch nie Pause.“ Konstantin Moreth, Schauspieler, Regisseur, Autor und auch Musiker, muss wie viele andere Kulturschaffende pausieren. Und dabei hätte das neue Stück der Moreth Company, „Sarajevo – Die Toten tanzen noch“, gerade erst im Stadttheater uraufgeführt werden sollen. Zudem das erste Stück der Schauspieltruppe, das Moreth selbst geschrieben und entwickelt hat. „Momentan bringen wir jetzt eben unser Haus auf Vordermann“, erzählt der 49-Jährige am Telefon. Ein eigenes Haus ist es, in Riederau. Mit Garten. „Aber man muss aufpassen“, warnt Moreth. „Man könnte sich fast dran gewöhnen.“

Zum letzten Mal geprobt hat die Moreth Company in der zweiten Märzwoche. Wie es weitergeht, weiß deren Leiter noch nicht. So wie es aussieht, findet die Landsberger Premiere Anfang Dezember statt. Es war aber noch anderes geplant. Moreth hatte der ehemaligen Intendantin des Nationaltheaters in Sarajevo das Stück zum Lesen gegeben – sie hat den Krieg selbst erlebt. Deren Reaktion: Begeisterung. Und mit ihrer Hilfe hätte die Moreth Company vielleicht beim internationalen MESS-Theaterfestival im Oktober in Sarajevo spielen können. Daraus wird wohl nichts. Aber der 49-Jährige Schauspieler bleibt gelassen: „Dann eben nächstes Jahr“.

Das Thema des Stücks, der Bosnien-Krieg, insbesondere die Belagerung Sarajevos, habe ihn stark mitgenommen, sagt der Autor. „Er war für mich im wörtlichen Sinne unfassbar. Diese Geschichten müssen erzählt werden.“ Geschichten über einen Krieg, der das Resultat eines „fanatischen Nationalismus“ gewesen sei – thematisch aktueller denn je. „Ich will erzählen, wo Nationalismus hinführen kann.“

„Und da gab es noch diesen Cellisten“, sagt Moreth: Vedran Smailovic, der sich jeden Tag Punkt 16 Uhr vor die Bäckerei in der Fußgängerzone setzte, wo am 27. Mai auf die nach Brot Anstehenden geschossen wurde und 22 Menschen starben. Smailovic, Cellist der Oper Sarajevo, spielte jeden Tag das gleiche Stück: Albinonis Adagio. Als Moreth das Buch „Der Cellist von Sarajevo“ las, war er sich endgültig sicher: „Darüber will ich ein Stück schreiben.“ Rund vier Jahre hat er recherchiert, im Frühsommer letzten Jahres mit dem Schreiben begonnen. Im Herbst war er dann selbst noch in Sarajevo, dieser „Stadt im Kessel“.

Jetzt steht vorerst anderes an. Im Herbst spielt Moreth im Altonaer Theater in Hamburg: rund 20 Aufführungen im Haus und danach weiter auf Tournee in Daniel Kehlmanns „Die Reise der Verlorenen“: Die Geschichte über die „St. Louis“, die mit 937 Juden an Bord 1939 erfolglos versuchte, in Kanada, der USA oder Cuba aufgenommen zu werden. Regie hat der Münchener Theatertourneemacher Thomas Luft. Und den kennt Moreth schon seit den Studienzeiten an der privaten Schauspielschule „Schauspiel München“, in der er von 1990 bis 1993 studierte.

Spielwiese Theater

Aber wie kam der in Bruchsal Geborene überhaupt nach München? „Ich bin da familiär vorbelastet“, erklärt Moreth grinsend. Seine Eltern Ingrid Farin und Detlev Moreth-Moreau waren beide Schauspieler, der Vater am Stadttheater Ingolstadt engagiert – dem Theater, das für Moreth eine Art zweites Zuhause wird. Wo er sich oft aufhält, Hausaufgaben macht: „Es war meine Spielwiese“, sagt er heute. Im Privattheater, das die Eltern schließlich eröffnen, inszeniert der gerade mal 17-Jährige zum ersten Mal, Wedekinds ‚Frühlings Erwachen‘: „Ich hatte das Stück mit elf am Stadttheater gesehen.“

Nebenher macht er auch viel Musik, samt eigener Band. Und kurzfristig schwebt Moreth sogar eine Karriere als Musiker vor Augen. Aber dann sieht er Shakespeares ‚Wintermärchen‘ in einer Inszenierung der Bremer Shakespeare Company. „Das hat mich schon sehr beeindruckt“, erinnert er. Als er dann einer Freundin beim Vorsprechen in besagter Münchener Schauspielschule beistehen soll, spricht er spontan einfach auch selbst vor. Beide werden genommen.

Doch nach zweieinhalb Jahren verlässt Moreth die Schule – ohne Abschluss. Den braucht er auch nicht. Denn 1993 spricht er im Schauspielhaus Zürich vor und wird sofort für die deutschsprachige Erstaufführung von Tom Stopparts ‚Arkadien‘ engagiert. Auch hier ist Thomas Luft wieder mit dabei. Eine Verbindung, die Moreth Türen öffnet.

Danach geht es wieder nach München zurück. Zum ‚Bayerischen Hof‘ und den Komödien. Zum Fernsehen, wo Moreth drei Jahre lang in der Serie „Aus heiterem Himmel“ spielt. „Es ist gut losgegangen bei mir“, bestätigt Moreth.

Das Metropoltheater

Ende der 90er gibt es einen kleinen Einbruch. Weniger Theater, weniger Drehs, auch die Agentur, bei der er ist, verlängert seinen Vertrag nicht mehr. „Da musste ich nochmals überlegen, wo es genau hingehen soll.“ Moreth verdient seinen Lebensunterhalt mit Bewerbungsvideos für Schauspieler. Er inszeniert und filmt Firmentheater. Er selbst spielt nur noch ausgewählte Stücke, vielleicht eines pro Jahr. Doch irgendwann ist ihm klar, dass Regie für ihn an oberster Stelle steht.

Bei seinen Ausflügen in die Betriebstheaterszene hat er Lilly Forgàch kennengelernt, die Frau des Metropoltheater-Intendanten Jochen Schölch. Die rät ihm, beim Metropol doch für den ‚Black Rider‘ vorzusprechen. „Aber diese Vorsprech- und Vorsingsituation ist nicht so meins“, gesteht Moreth. Aus dem schwarzen Reiter wird nichts. Was Moreth nicht davon abhält, gleich mal wegen einer Regie-Arbeit am Metropol nachzuhaken. ‚Trainspotting‘ wäre doch gut. Gesagt, getan: 2004 inszeniert Moreth das Stück im Metropoltheater – mit großem Erfolg. In der ersten Spielzeit noch mit Antonio Wannek, in der zweiten übernimmt Moreth selbst dessen Rolle. „Die Truppe damals, das war auf jeden Fall die Brutzelle der Company“, ist Moreth überzeugt. Seine eigene Theatercompany, die er 2015 mit den „Gefährlichen Liebschaften“ in Landsberg zum ersten Mal vorstellt.

Im Metropol lernt er bei ‚Der Elefantenmensch‘ auch den Regisseur Gil Mehmet kennen. Und der nimmt ihn 2011 an die Kammerspiele Hamburg mit, zum Jazz-Musical ‚Ghetto-Swinger‘. Um seine Rolle als Coco Schumann neben Helen Schneider auch perfekt spielen zu können, nimmt Moreth noch ein knappes Jahr Jazz-Gitarren-Unterricht. „Erst seitdem nenne ich mich auch Musiker.“ Das Stück ist das große Los für ihn: inzwischen 210 Aufführungen, immer noch im Repertoire. „Und für die nächste Saison gibt es auch schon Anfragen“, freut sich Moreth.

Einen Traum hat der 49-Jährige noch. Oder auch zwei: den ‚King Lear‘ inszenieren. „Und zwar im Mexiko der Gegenwart, mit Lear als Kartellboss.“ Und vielleicht ja doch noch mal das eigene Album machen. Und damit auf Tournee gehen.
Susanne Greiner

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