Erinnern geht auch anders!

Als Bernstein in Landsberg dirigierte

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Das DP-Orchester „Orkester fun der Szeerit Hapleitah“ (Rest der Überlebenden), das 1948 das Konzert in Landsberg unter der Leitung von Leonard Bernstein (rechts) spielte. Neben Bernstein steht Pianistin Fania Durmashkin, ihre Schwester, die Sängerin Henia Durmashkin, ist die siebte von links.

Landsberg – Musik verbindet Menschen weltweit. Und sie schafft Hoffnung in heillosen Zeiten. Einer dieser Hoffnung schenkenden Momente fand in Landsberg vor knapp 70 Jahren statt: Am 10. Mai 1948 gab das Displaced-Persons-Orchester von St. Ottilien im Landsberger DP-Lager ein Konzert. Dirigent: Leonard Bernstein. Der Kulturverein „die KunstBauStelle e. V.“ plant anlässlich des 70-Jährigen des Konzerts eine Veranstaltungsreihe. Im Zentrum steht der Wolf Durmashkin Composition Award (WDCA), ein Kompositionswettbewerb für junge Musiker bis 35 Jahre.

Der namensgebende Musiker, Wolf Durmashkin, starb 1944 im KZ. Seine Schwestern waren im Kauferinger KZ-Außenlager gefangen. Und überlebten. „Wir suchen eine neue Form der Auseinandersetzung mit dem Thema Holocaust“, sagt Projektleiter Wolfgang Hauck. „Es geht nicht nur um den Nachvollzug von Geschichte, sondern darum, andere Wege zu gehen.“

Nach der Befreiuung: Michael Hofmekler, Dirigent des Ex-KZ-Orchesters St. Ottilien.

Vor mehreren Jahren stieß die Journalistin und Initiatorin des Wettbewerbs, Karla Schönebeck, bei ihren Recherchen auf den Namen Leonard Bernstein. Und auf das Datum des von ihm im DP-Lager Landsberg dirigierten Konzerts: der 10. Mai 1948, vier Tage vor Gründung des Staates Israel. „Bernstein war damals auf Tournee. Das Konzert in Landsberg leitete er auf eigenen Wunsch.“ Eines der dort aufgeführten Werke war Gershwins „Rhapsody in Blue“. Nach jahrelanger Demütigung durch die Nationalsozialisten wurde bei diesem Konzert wieder Musik eines jüdischen Komponisten hörbar.

Über die im DP-Orchester mit- wirkenden Schwestern Fanny und Henia Durmashkin kam Schönebeck auf deren Bruder Wolf, „einen Vollblutmusiker“. Und so entstand die Idee des Kompositionswettbewerbs als neue Form des Umgangs mit dem Thema Holocaust, der sich speziell an junge Menschen richtet. Weshalb in der Wettbewerbs-Jury auch die 17-jährige Jennifer Czorny aus Landsberg sitzen wird.

Die drei mit insgesamt 6.500 Euro dotierten Gewinnerkompositionen sollen im Rahmen des Jubiläumskonzertes, das das Programm des Ursprungskonzerts wiederholt, am 10. Mai 2018 in Landsberg uraufgeführt werden. Spielen wird das Kammerorchester der Bayerischen Philharmonie unter Dirigent Mark Mast, der Bernstein 1987 in New York kennenlernte. „Wir werden das damalige Konzert in der gleichen Zusammensetzung spielen, also 15 Personen, eine Art ‚Taschenphilharmonie.“ Das Orchester sei dabei ein internationales, um „Heimat und Frieden zu stiften und eine Versöhnung über Generationen hinweg“ zu ermöglichen. So werden auch Nachfahren der Überlebenden teilnehmen, zu denen Schönebeck im Lauf der Recherchen Kontakt aufgenommen hat.

Ein Teil dieser von Schönebeck kontaktierten Menschen wird zur Jubiläumswoche vom 7. bis zum 14. Mai in Landsberg zu Besuch kommen. In dieser Woche plant die Kunstbaustelle neben dem Konzert Ausstellungen in der Säulenhalle und im Rathausfoyer, Filme über das Konzert sowie das KZ und das DP-Lager werden gezeigt und die Preisträger des Wettbewerbs gekürt.

Es gibt zudem die Möglichkeit, Zeitzeugen wie zum Beispiel den Schirmherr des Projekts und Vizepräsident des Internationalen Dachau-Komitees Abba Naor kennenzulernen. Naor überlebte das Kauferinger Lager und kennt viele der damaligen Orchestermitglieder persönlich. Oder die Tochter von Fanny Durmashkin, Sonia P. Beker, die aus den USA anreisen wird. Im Vorfeld plant die Kunstbaustelle ab März noch eine Ausstellung in der Säulenhalle mit dem Titel „Von Litauen nach Landsberg“.

Viele Unterstützer

Dieses groß angelegte Projekt kann nur mithilfe zahlreicher Partner und Unterstützer realisiert werden. So arbeitet die Kunstbaustelle neben der Bayerischen Philharmonie auch mit der Hochschule für Musik und Theater München zusammen, in deren geschichtsträchtigem Gebäude – 1937 als ‚Führerbau‘ mit Hitlers Büro eröffnet – auch die Pressekonferenz stattfand. Hochschulpräsident Prof. Dr. Bernd Redmann begrüßt das Projekt als Möglichkeit, sich „aktiv mit der historischen Last auseinanderzusetzen“.

Weitere Partner des Projektes sind das Leonard Bernstein Office New York, Sharing Heritage im Rahmen des Europäischen Kulturerbe-Jahrs der Europäischen Kommission, das Boston College in Massachusetts und auch die Stiftung Bayerische Gedenkstätten. Öffentlich gefördert werde der WDCA vom Bayerischen Staatsministerium, dem Bezirk Oberbayern, Stadt und Landkreis Landsberg sowie der Sparkassen- und der Hans-Heinrich-Martin-Stiftung Landsberg.

Auch der Landsberger Geigen­baumeister Martin Schleske zählt zu den Unterstützern des Wettbewerbs. „Musik ist ein heilsames Mittel auch im Gedenken an eine extrem heillose Zeit“, sagte er auf der Pressekonferenz. Musik zeige die Verbindung der Menschheit jenseits aller Ideologien und könne zur „Stimme der Hoffnung“ werden. Oder wie Abba Naor formuliert: „Der Wettbewerb ist ein Wegweiser für die Beziehungen von Verfolgten und Verfolgern. Dafür, dass es auch anders geht.“

Susanne Greiner

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