Sieben Rocaillen und ein Altbürgermeister

Landsberger Rocaillen-Regen in Gold und Silber

Rocaillenverleihung Landsberg
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Zweiter Bürgermeister Felix Bredschneijder (links) und OBin Doris Baumgartl (5.v.l.) überreichten die goldene Rocaille an (ab 2.v.l.) Christian Gruber, Rudolf Gilk und Hans-Günter Schwanzer. Die silberne Rocaille bekamen (v.r.) die Kleinkunstbühne s‘Maximilianeum (vertreten durch 1. Vorsitzenden Rolf-Jürgen Lang), Cornelia Meyer, Stefan Schmid und Beatrix Klein. Norbert Kreuzer (5.v.r) durfte sich über mit den Titel ‚Altbürgermeister‘ freuen.
  • Susanne Greiner
    VonSusanne Greiner
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Landsberg – Kultur ist ein Standortfaktor. Wo sie blüht, lebt es sich schöner – ganz abgesehen von den finanziellen Boni. Dass Landsberg für seine Größe eine beachtliche Kulturszene hat, verdankt sie zahlreichen Künstlern. Sieben von ihnen hat sie schon im letzten Jahr für ihre Kulturarbeit mit der Dominikus-Zimmermann-Rocaille ausgezeichnet – da noch ‚virtuell‘, denn Corona machte eine haptische Verleihung in festlichem Rahmen erst jetzt möglich. Am Freitagabend erhielten drei Landsberger Künstler die mit einem muschelförmigen Rokoko-Element verzierte Anstecknadel in Gold, vier durften sie in Silber ans Revers heften. Und abschließend gab‘s noch den Titel ‚Altbürgermeister‘.

Dass Kultur als Standortfaktor gerne vernachlässigt wird, erwähnt auch Oberbürgermeisterin Doris Baumgartl bei ihrer Begrüßung. „Kultur ist der geistige Boden, der unsere eigentliche innere Überlebensfähigkeit sichert“, zitiert sie Richard von Weizsäcker. Man könne nie genug für die Kultur tun, da stoße man an finanzielle Grenzen. Aber zumindest einen „Pokal“, im Sport eine Selbstverständlichkeit, wolle man überreichen: die Dominikus-Zimmermann-Rocaille, um Personen zu ehren, die sich um die Kultur der Stadt Landsberg verdient gemacht haben. Das erste Mal vergeben wurde sie 2005, am Freitag war es das sechste Mal. Die Stadt wolle damit „Danke sagen für viele Jahre Arbeit und die Fähigkeit, andere zu fördern und zu fordern“, so Baumgartl.

Danke sagte die Stadt mit der Silbernen Rocaille Ballettschulbesitzerin und Ballettlehrerin Beatrix Klein. Deren erste Ballettlehrerin sei wohl der Auslöser für Kleins Motto gewesen, „es besser machen“, erzählte Theaterpädagogin Julia Andres in ihrer Laudatio. 1987 gründete Klein ihr Ballettstudio in Landsberg und hatte schon nach einem Jahr über 100 Schüler – obwohl zuhause noch zwei kleine Kinder versorgt sein wollten. Klein fordere jeden ihrer Schüler optimal, ohne dass je die Freude am Tanz verloren gehe, so Andres.

Schlagzeuger und Schlagzeuglehrer Stefan Schmid war „der beste Gitarrenlehrer“, zitierte Kulturreferent Axel Flörke einen von Schmids Schülern in der Laudatio. 1974 startete Schmid sein Studium, war Solopauker, reiste als Schlagzeuger durch England, Amerika und Südkorea, mit Orchestern und Bands, mit Hugo Strasser, Ernst Mosch, auch mit dem Musikantenstadl, sogar mit Roberto Blanco und Karel Gott – und ab 2001 Lehrer an der Landsberger Musikschule. Bei ihm habe er „immer alles vergessen, alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumen“ können, zitiert Flörke einen von Schmids Schülern. Als Komponist waren nicht nur die Titel seiner Werke kreativ, auch die Schlag-‘Instrumente‘ – neben Kloschüsseln auch Tontöpfe, zu deren Kauf der Musiker die Stimmgabel in den Baumarkt mitnahm. Eine Aktion, die ihm angeblich ein Baumarkt-Betretungsverbot einbrachte.

Der ehemalige Landsberger Pfarrer Detlev Möller hielt die Laudatio für die Organistin und Konzertveranstaltern Cornelia Meyer – eine eher „Leise“, wie er sagte. Aber dennoch eine, die sich durchsetze, wenn es darauf ankomme. Meyer sei seit ihrer eigenen Konfirmation in der Christuskirche 1972 Kirchenmusikerin, blickte also auf 49 Jahre Orgelmusik zurück, was sie auch zu einer Kirchenmusikerin „mit großem Sachverstand“ mache. Mit Fertigstellung des Gemeindehauses 1999 habe sie Raum für eine eigene Konzertreihe erhalten und bis heute über 150 Abende organisiert. Wohlgemerkt immer mit einem fairen Lohn für die Künstler und dennoch geringem Eintritt. Denn sie habe immer auch Kunst für alle machen wollen.

Auch die Kleinkunstbühne s‘Maximilianeum erhielt – als erster Verein – die Silberne Rocaille. Alt-Oberbürgermeister Franz-Xaver Rößle erinnerte sich an die Anfänge im Stoffener ‚Kukuruz‘, wo der Kleinkunstbühnenvorsitzende Rolf Lang 1994 Rößles „Bruder Barnabas“ gewesen sei. Als Veranstalter habe die Kleinkunstbühne „Raritäten“ nach Landsberg gebracht – in Rößles Worten: „Ihr seid grottengut.“ Da die Rocaille ja an den ganzen Verein gehe, könnte jetzt natürlich jedes Mitglied die Nadel „fünf Tage, 18 Stunden, 57 Minuten und 36 Sekunden tragen“, überlegte Lang. Man sei aber zu dem Schluss gekommen, sie lieber im Tresor zu verwahren – und stattdessen das Nadel-Konterfei in Zukunft mit auf den Programmen zu verewigen.

Eine Goldene Rocaille ging an die Kulturschaffenden Christian Gruber, Rudolf Gilk und Hans-Günter Schwanzer.

Sie mache nun mal etwas Ungewohntes, sagte Christian Grubers Tochter Katharina, und werde in fünf Minuten lang loben. Ihr Vater sei vor allem im Duo Gruber und Maklar erfolgreich. Die beiden lernten sich schon beim Studium in Augsburg kennen und sind inzwischen eines der international besten Gitarrenduos. Diesen Erfolg habe ihr Vater für Landsberg genutzt – und mit dem Festival „Faszination Gitarre“ beste Gitarristen in die Lechstadt geholt. Organisiert habe man das Festival zuhause, so Katharina Gruber. „Und auch darauf geschaut, dass der Kirschkuchen der Oma nie ausging.“ Auch wenn am kommenden Wochenende der „Schlussakkord“ des Festivals erklinge, werde auch weiterhin beste Gitarrenmusik in Landsberg zu hören sein, versprach der Geehrte: „Die Ideen sprudeln.“ 
Landtagsabgeordneter Alex Dorow startete seine Laudatio auf den Landsberger Filmemacher und Kinobetreiber Rudolf Gilk mit einem Zusammenschnitt aus dessen Filmen – was im Publikum Heiterkeit erzeugte. Gilks Humor sei immer einer mit den Leuten, nie über sie, so Dorow. Das zeichne den „Geschichtenerzähler“ aus, aber auch das „Authentische“, das gerne mal von der Tagesschau aus Hamburg anfordert worden sei. Knapp 10.000 TV-Beiträge seien es inzwischen, so Dorow. „Gilk hat den Blick fürs Wesentliche, fürs Tragisch-Komische, ein Blick für die Menschen, der heute immer mehr verlorengeht.“

Musik statt Fußball

„Ich wollte Fußball spielen und wurde zur Trompete gezwungen“, zitierte der ehemalige Geschäftsführer der Stadtjugendkapelle Alexander Wolf seinen ‚Chef‘ Hans-Günter Schwanzer. Nach seinem Studium in München und Fribourg habe Schwanzer 1990 die Stadtjugendkapelle übernommen und „unerhörte Musik“ nach Landsberg gebracht: nicht nur Blasmusik, sondern Filmmusik, Rock oder auch den Einsatz von Body-Percussion. Die Auftrittsorte seien teilweise abenteuerlich gewesen, eine Verkehrsinsel oder aber der die obere Etage eines Doppeldeckerbusses in New York. Schwanzers Leitung sei dabei immer „Demokratur“: er habe immer „zugelassen, aber auch eingefordert“. Der Zwang zur Trompete in der Jugend sei somit „ein Glücksfall für Landsberg“ gewesen.

Der langjährige Zweite Bürgermeister Norbert Kreuzer (CSU) erhielt zum Abschluss des Abends den Titel „Altbürgermeister“. „Nicht nur ein Partei- , sondern ein echter Freund“, sagte Landrat Thomas Eichinger in der Laudatio. Von 1990 bis 2014 war Kreuzer Stadtrat, 18 Jahre davon Zweiter Bürgermeisters. In dieser Zeit habe sich Kreuzer immer vehement für die Kultur eingesetzt, insbesondere auch für junge Künstler. Unterstützung habe er dabei immer von seiner Frau Christl gehabt – die er auf einer Fahrt nach Spitzbergen kennenlernte, obwohl beide aus Landsberg stammen. Kreuzer verdankte sich bei den drei Oberbürgermeistern, mit denen er in seiner Zeit als Bürgermeister zusammengearbeitet habe. Und bei Parteikollegen Harry Reitmeier, der „das seine getan hat, damit ich diese Ehre erhalte“.

Untermalt wurde der Abend von Landsberger Künstlern: Katharina Gruber stimmte jazzig ein, begleitet von Pianist Sam Simons. Beatrix Kleins Balletttänzer verzauberten mit einem ‚Insektenflug‘ zu Smetanas ‚Moldau‘. Stefan Schmids „Licca Percussiva“ überzeugte mit einem Trio um eine große Trommel und komplizierten Rhythmen in höchster Präzision. Und Hans-Günter-Schwanzers Blechblasensemble „Hailix bLECHle“ zeigte musikalische Vielfalt – und ‚gehorchte‘ auch dem neuen Altbürgermeister Kreuzer, der mit Leidenschaft und Können den Radetzky-Marsch dirigierte.

Die Rocaille ist eine Anerkennung der Arbeit, die die Kulturschaffenden leisten. Kultur braucht aber auch konkrete Förderung. Vor allem das betonte Richard von Weizsäcker, als er 1991 in Berlin die Rede hielt, aus der das anfangs erwähnte Zitat stammt. Denn er sagte damals auch Folgendes: „Kultur kostet Geld. Vor allem auch deshalb, weil der Zugang zu ihr nicht in erster Linie durch einen privat gefüllten Geldbeutel bestimmt sein darf.“

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