Jedes Gesicht hat eine Existenz

Landsberger Selbstständige mit Protestaktion auf der Karolinenbrücke

Ein Aufruf zu mehr Solidarität in der Krise: Portraits von Landsberger Selbstständigen auf der Karolinenbrücke.
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Ein Aufruf zu mehr Solidarität in der Krise: Portraits von Landsberger Selbstständigen auf der Karolinenbrücke.

Landsberg – „Hey Du! Nimm dir doch einen Augenblick Zeit, die vielen verschiedenen Gesichter anzusehen“: Dazu lädt eines von fast hundert Plakaten auf der Karolinenbrücke die Landsberger Passanten ein.

Es ist eine ganz besondere Protestaktion, zu der Initiator Bastian „Oggy“ Georgi, Inhaber einer Landsberger Eventagentur, aufgerufen hat. Die Aktion: 98 Portraits von Selbstständigen in Landsberg hängen auf Plakaten entlang der Karolinenbrücke. All die Personen haben eins gemeinsam: Durch den erneuten ‚Lockdown Light‘ haben sie vorübergehend ihren Job verloren. Und damit noch viel mehr: ihre Berufung und ihre Leidenschaft.

Ob Künstler, Gastronomen, Inhaber und Mitarbeiter von Nagel-, Massage- oder Fitnessstudios: „Viele Menschen bedeutet: viele Existenzen, so Georgi. Dafür wolle man sensibilisieren, denn die würden meist nicht gesehen. Und damit nicht wahrgenommen, was es eigentlich heiße, wenn das Restaurant nun geschlossen habe. Dass es nicht nur eine Bedeutung für einen selbst habe – nämlich gerade mal nicht essen gehen zu können –, sondern eine ganze Existenz gefährden könne. Das wolle man den Landsbergern zeigen: dass hinter den Gesichtern Existenzen stehen, Personen, die ihre Familien zu ernähren hätten. Und gerade nicht wüssten, ob sie bis Weihnachten überhaupt wieder Geld verdienen dürfen.

Es gebe jedoch auch noch eine zweite zentrale Botschaft dieser Aktion, so Georgi: „Kauft – besonders vor Weihnachten – lokal, bei den Landsberger Einzelhändlern ein, und geht nicht online-shoppen“. Auch möchte er die Menschen animieren, Restaurants oder Events wie Theaterveranstaltungen aufzusuchen, wenn diese Einrichtungen wieder öffnen. „Die haben ausgetüftelte Hygienekonzepte“ und würden auf die Gesundheit ihrer Besucher achten. Es müsse alles versucht werden, damit es nicht noch mehr Betroffene gibt.

Dennoch möchte Georgi klarstellen: „Die Corona-Maßnahmen stellen wir nicht in Frage“. Darum gehe es gar nicht. Seiner Meinung nach liege nur viel zu viel auf den Schultern von kleinen, mittelständischen Unternehmen und Soloselbstständigen. Diese würden bei Entscheidungen und auch bei Förderungen immer wieder vergessen. Das dürfe nicht mehr geschehen. So lautet ein Plakat-Slogan: „Es geht nicht mehr nur um dich und deine Freiheit und deine Grundrechte. Leg deinen Stolz beiseite und denk an uns, wenn du dich das nächste Mal über die Regeln beschwerst und bei Amazon bestellst.“

„Die Idee zu der Aktion gibt es schon seit einer Woche“, sagt „Oggy“ Georgi. Dabei habe man das Rad nicht neu erfunden, denn in vielen Städten gebe es bereits ähnliche Aktionen. Aber sie sei speziell auf Landsberg zugeschnitten.

Alle Kontakte seien angeschrieben worden: „Habt Ihr Lust mitzumachen?“, war die erste Frage. Dann die Bitte um ein Foto, Infos zur jeweiligen Person und ihren Job sowie die Angabe einer Rückgabe- Deadline. Ausgeführt habe man diese ‚Guerilla-Aktion‘ schließlich in nur einer Nacht. Und von 20 Uhr abends bis drei Uhr in der Früh mit gerade mal vier Leuten alles gemacht: grafisch umgesetzt, gedruckt, laminiert und aufgehängt.

Die ‚Guerilla-Aktion‘ sei bewusst nicht bei der Stadt Landsberg angemeldet. „Dann würde sofort das Bauamt kommen“, so Georgi. „Daher haben wir uns entschieden: Machen wir einfach mal.“ Im schlimmsten Fall müsse man eben alles abhängen. Aber eigentlich sollen eher noch mehr Portraits hinzukommen.
Andrea Schmelzle

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