"Bilder deiner großen Liebe"

Landsberger Stadttheater: Wolfgang Herrndorfs Isa wird lebendig

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Eine perfektere Isa aus Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ kann man sich kaum vorstellen: Isabel Kott in „Bilder deiner großen Liebe“ nach Herrndorfs Romanfragment.

Landsberg – Viele haben schon einmal von Isa gelesen, viele haben Isa schon einmal gesehen. Isa ist eine Episodenfigur in Wolfgang Herrndorfs „Tschick“: Isa, das Müllmädchen. So wirklich lebendig aber macht sie die Münchener Schauspielerin Isabel Kott in dem Solo-Theaterstück von Herrndorfs Romanfragment „Bilder deiner großen Liebe“: eine 35-Jährige, die eine 14-Jährige spielt – so überzeugend, dass man sich manchmal fragt, wie es ein kleines Mädchen schafft, eine so gute Schauspielerin zu sein.

Zwei Jahre vor seinem Tod fängt der Autor Wolfgang Herrndorf mit einer „Tschick-Fortsetzung aus Isas Perspektive“ an. Notiert aber auch gleich zweimal entschieden: „Mach ich nicht.“ Tschick, das ist der Jugend-Road-Trip-Roman, der Herrndorf 2010 weltberühmt machte. Und Isa ist das Müllmädchen, das im Laufe des Romans auf die zwei Hauptfiguren stößt. Herrndorf hat trotzdem weitergemacht. Er wusste, dass der Tumor in seinem Hirn ihn umbringen wird. Aber eine kürzere Erzählung über Isa, „Szene an Szene stricken, irgendwo einbauen, irgendwo streichen, irgendwo aufhören“: Wäre vielleicht noch zu schaffen. Im August 2013 tötete sich Herrndorf. Seine Isa-Geschichte blieb ein Fragment, das er nicht veröffentlichen wollte. Seine Freunde überzeugten Herrndorf kurz vor seinem Tod, den Text doch zu veröffentlichen, so unfertig, wie er ist, mit Lücken und Widersprüchen. Aber er hat das, was Herrndorf auszeichnet: eine messerscharfe Sprache voller ungewöhnlicher Bilder: eine Art Straßen-Poesie.

Weshalb auch in der Theaterfassung, die Kott zusammen mit dem kleinen, aber ambitionierten Sommerhausener Torturmtheater erarbeitet hat, keine ‚Handlung‘ zu finden ist. Nur ein paar Rahmen-Daten: Isas Ausbruch aus dem Heim; ein Einbruch in einen Supermarkt; das Waschen in einem Wassersprenger, weil sie ihre Periode hat. Und die Scheinwerfer, die angehen, samt der blau-weißen Fußballmannschaft, die sie mit ihrem nackten Hintern verabschiedet. Tatsächlich? Oder vielleicht auch nur ein Gedankenspiel des pubertierenden, rotzfrechen, zornigen Mädchens, das versucht, sich in der Welt zu behaupten. Sie trifft Menschen – einen Kapitän, Andrej und Maik aus „Tschick“ –, aber bleibt allein.

„Verrücktsein heißt doch nur, dass man ver-rückt ist. Und nicht bescheuert.“ So sieht sich Isa, die mit ihrem Daumen die Sonne und die Zeit anhalten kann. In deren Innern „eiserne Zangen“ wüten, die sich fühlt wie „ein angestauter Fluss, über den der Wind weht“. Isa, die mit einem 92-jährigen Großvater spricht – „mit seinem Meiselknödelblick“ –, der sicher tot ist, vielleicht aber auch nie existiert hat. Denn Isa baut sich ihre eigene Welt: „So schön ist alles, wenn es schön ist. Aber meistens ist es nur in meinem Kopf.“ Isa kämpft gegen den „Abgrund“, der an ihr zerrt. Und am Ende ist sie „nicht verrückt, ich bin dieselbe, ich bin das Kind“.

Isabel Kott spielt ihre Namensschwester in der kargen Kulisse einer angedeuteten Müllhalde: eine Kachelwand, davor ein Stapel Reifen. Kotts Gesten sind die eines Mädchens, der ihr Körper fremd ist. Kantig und unbeholfen, eine zum Scheitern verurteilte Laszivität. So echt, dass es beim Zuschauen wehtut. Den Text im einstündigen Auftritt hat Kott offensichtlich gegessen, so sehr scheinen es ihre eigenen Worte. Nur einen Versprecher gibt es, bei dem die 35-Jährige kurz lachen muss, aber sofort wieder in ihrer Rolle steckt. Für den Monolog, der nur durch kurze eingespielte Stimmen unterbrochen wird, hat Kott letztes Jahr den Bayerischen Förderpreis für Darstellende Kunst erhalten. Zurecht: Nach ihrem Auftritt möchte man nicht mehr aufhören zu applaudieren.
Susanne Greiner

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