Mit Luft gegen Sensationsgier

Landsberger schlägt einen aufblasbaren Gaffer-Sichtschutz vor

+
Beim Unfall auf der A96 kam der aufblasbare Sichtschutz zum ersten Mal zum Einsatz.

Landkreis – Der Polizist Sebastian Pfeiffer ist berühmt. Sein wütender Einsatz hat das Thema Gaffer wieder auf den Tisch gebracht: Menschen, die ohne Rücksicht und mit allen Mitteln versuchen, die „viralsten“ Bilder und Videos zu ergattern. „Pfeiffer würde ich gerne ein Jahr lang den Rasen mähen“, sagt der Landsberger Abschleppunternehmer Michael Kemény dankbar. Denn der Anklang von Pfeiffers Aktion in der Öffentlichkeit helfe, dass das Thema „Gaffer verhindern“ wieder in den Fokus rückt. Und damit auch eine Lösung, die der Unternehmer für das Problem bereithält.

Seit eineinhalb Jahren hat Kemény eine aufblasbare Sichtschutzwand: leicht, in jedem Kofferraum transportabel, stabil. Aber er habe sich mit ihrem Einsatz schwergetan: Bis vor Kurzem lag sie ungenutzt im Lager. Erst am 3. Juni kam sie ‚auf die Straße‘: Als auf der A96 ein LKW umkippte. Dessen Fahrer wurde zum Glück nur leicht verletzt. Bilder für die Gaffer lieferten hingegen der gekippte LKW und die 80 Kubikmeter Holzspäne, die sich auf der Fahrbahn verteilten. Der Fahrer eines Sattelschleppers und ein Pkw-Fahrer zückten sogleich Handys und filmten beim Passieren der Unfallstelle den Unfallort. Weshalb die Polizei Keménys Sichtschutz anforderte – der „erste Testlauf“, die Premiere. „Und die hat voll eingeschlagen“, berichtet der Landsberger.

Gaffer machen aber auch vor menschlichen Opfern die nicht halt. „Das ist doch pervers“, sagt der Landsberger. Weshalb er versuche, Körper abzuschirmen. Zum Beispiel mittels einer aufgespannten Decke. Aber wirklich effektiv sei das nicht. Denn die Helfer vor Ort sollen helfen – und nicht Decken spannen. Zwar könne man Bauzäune aufstellen. Die seien aber instabil: „Da kommt Wind auf und die liegen auf der Erde.“ Außerdem seien die Zäune zu sperrig: Für den Transport benötige man einen eigenen Anhänger.

Eine Wand für die Polizei?

Um den Einsatz seiner Sichtschutzwand zu propagieren, hat sich Kemény mit Polizei und Feuerwehr aus dem Landkreis getroffen. Vorerst werde man dort aber keine dieser Wände anschaffen. Zum einen sei da der Preis: 3.500 Euro. Aber auch praktikable Gründe sprechen gegen eine Anschaffung. „Für uns als Polizei wäre es nicht sinnvoll, da wir bei einem Unfall nicht garantieren können, dass gerade das Fahrzeug im Einsatz ist, das die Wand im Kofferraum hat“, begründet der stellvertretende Dienststellenleiter in Landsberg Michael Strohmeier. Zudem sei am Anfang, wenn die Polizei zur Unfallstelle komme, ja noch nicht sicher, ob man die Wand überhaupt benötige. Und in welcher Dienststelle des Landkreises solle sie deponiert werden?

Die Gaffer-Problematik sei noch relativ neu, fährt Strohmeier fort. Der Staat reagiere bei solchen Themen eben etwas langsamer. Um hier voranzukommen, bedürfe es einer Entscheidung seitens des Innenministeriums oder des Polizeipräsidiums Bayern Nord. Werde die Sichtwand in Zukunft zur festen Ausstattung gehören, „zum Beispiel bei der Feuerwehr“, nehme man sie natürlich gerne in Anspruch.

Die Autobahndirektion Südbayern berichtet von einem Pilotprojekts mit einer mobilen Gewebe-Sichtschutzwand, die an den Schutzplanken befestigt werde. Damit könne man auch kleinere Bereiche abdecken. Allerdings sehe man den Einsatz einer solchen Wand erst bei länger andauernden Einsätzen als sinnvoll. So sei die Gewebewand bisher nur zweimal eingesetzt worden. „Auf- und Abbau waren ohne Probleme und gingen sehr schnell“, sagt Pressesprecher Josef Seebacher. Auch bei Baustellen arbeite man mit Sichtschutzzäunen, da die Ablenkung durch Bauarbeiten zu Unfällen führe. Um Gaffer direkt vor Ort anzeigen zu können, setze die Polizei inzwischen auch Videokameras ein.

Aufblasbare Sichtschutzwände seien jedoch wegen des geringen Gewichts bei Wind problematisch, so Seebacher. Ohne Befestigungsmöglichkeiten an Schutzplanken erachte man deshalb deren Einsatz, „auch aufgrund der Soglasten des fließenden Verkehrs“, als gefährlich: Sichtschutzwände gegen Gaffer sollten ja nicht selbst eine Gefährdung für den Verkehr darstellen und damit weitere Unfälle verursachen. „Uns ist bekannt, dass es hier viele neue Hersteller gibt, die Systeme für Sichtschutzwände anbieten und dafür auch kräftig die Werbetrommel rühren“, sagt Seebacher. Grundsätzlich sei die Bergung von Unfallopfern Aufgabe der Polizei und Rettungskräfte. Die Autobahndirektion als Zuständiger für die Straße beteilige sich aber gerne auch an anderen Pilotprojekten, die zur Verbesserung der Situation beitragen könnten.

Bis Staat und Konsorten sich dann für ein Modell entschieden, haben Kemény, Polizei und Feuerwehr eine Lösung gefunden. Die Wand wird getestet. Fünfmal umsonst. Und danach gegen Miete.

Susanne Greiner

Auch interessant

Meistgelesen

Gemeinde Utting richtet Spendenkonto für Gärtnerei ein
Gemeinde Utting richtet Spendenkonto für Gärtnerei ein
Landsberg: Unwetter mit Schockwirkung
Landsberg: Unwetter mit Schockwirkung
Verkehrsrowdys bei gesperrten Autobahntunneln
Verkehrsrowdys bei gesperrten Autobahntunneln
Der Flughafen Memmingen: Das Tor zum Süden
Der Flughafen Memmingen: Das Tor zum Süden

Kommentare