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„Viva Randerscheinungen“ feiert 10-jähriges Jubiläum

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Von: Andrea Schmelzle

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Viva Randerscheinungen Landsberg 2022
Viva Randerscheinungen sind (v.l.) Marwane Belhaimeur, Studiokatze Pauli, Maximilian Huber, Lydia Liedl, Teilnehmerin Birgit Mader, Uli Geske, Julian Pietsch und Emanuel Kasprowicz. © Viva Randerscheinungen

Landsberg – Mystisch, faszinierend, aber auch voller Kraft und Energie – wie es auch dem Mond mit seinen ‚geheimnisvollen Strahlen‘ nachgesagt wird: Anlässlich seines zehnjährigen Jubiläums präsentiert der Landsberger Verein Viva Randerscheinungen ein audiovisuelles Tanz-Theater-Erlebnis: Das soziokulturelle, partizipative Projekt „Mondlicht“ gibt es ab dem 13. Oktober viermal im Landsberger Stadttheater zu sehen.

Insgesamt über zwei Jahre hinweg haben Menschen mit und ohne Behinderung in diesem inklusiven Projekt gemeinsam Musik erschaffen, Tänze und Gesang einstudiert. Den Zuschauer erwarte mit „Mondlicht“ eher eine Performance als ein klassisches Theaterstück, verrät der aus Eching stammende Sänger und Musical-Darsteller Emanuel Kasprowicz. Seit 2017 ist er dem soziokulturellen Landsberger Verein Viva Randerscheinungen verbunden, der sich für Vielfalt und gegen Diskriminierung einsetzt. Gemeinsam mit Lydia Liedl, Tänzerin, Akrobatin, Gründerin der Moving Art Studios Kaufering und ebenfalls seit 2017 für Randerscheinungen aktiv, führt der Wahl-Hamburger Regie. Zusammen mit allen Teilnehmenden und tatkräftig unterstützt durch Regieassistentin Uli Geske haben sie das Stück nach einer Idee von Gründungsmitglied Maximilian Huber und Marwane Belhaimeur entwickelt. Gastrollen übernehmen die Tänzerin Anna Maria Johannes (Ellinor Holland Kulturpreisträgerin), die Musikerin Rebecca Winter sowie die Schauspielerin Souhaila Amade (Netflix „Kitz“).

Das Projekt sei eine Weiterentwicklung – zum einen des 20-Minuten-Stückes „Mandragora“, das im Jahr 2018 den Ellinor Holland Kunstpreis erhalten hat. „Unsere Idee war damals schon, ein ganzes Theaterstück daraus zu machen“, so Kasprowicz. „Aber dann kam Corona“. Theater sei zu unsicher gewesen. Entstanden sei daher zunächst etwas anderes – nämlich das inklusive Hörspiel „Der leuchtende Teppich“ (der KREISBOTE berichtete), das wiederum den Grundstein für „Mondlicht“ bildete – hier wurde die Musik entwickelt. Viele Darsteller, die auch schon bei „Der leuchtende Teppich“ dabei waren, wirken auch bei „Mondlicht“ mit.

Zusammenarbeit

Damals wie heute habe man sich die Lebenshilfe Landsberg mit ins Boot geholt, neben den Moving Art Studios einer von mehreren Kooperationspartnern. Fünf der insgesamt 25 Teilnehmenden kommen aus Wohngruppen der Lebenshilfe. Es gehe um um Partizipation, Inklusion, um die Entwicklung einer Gemeinschaft, meint Liedl. Alle, die Lust hatten – jeder Mann, jede Frau und auch „alles dazwischen“ –, sollten mitmachen und an den Workshops teilnehmen können. Die starteten im Mai dieses Jahres – in den Bereichen Tanz und Akrobatik sowie Staging und Gesang. Jeder habe sich mit dem, was er mitbringt und kann, aber auch mit eigenen Ideen, involvieren können.

Immer wieder kreisen die Themen von Viva Randerscheinungen um sexuelle Orientierung, Identität, psychische Probleme – um Ausgrenzung und ihre Überwindung, um das Finden zu sich selbst, das Erlangen von Selbstakzeptanz und Selbstliebe. „Wenn ich die Kraft finde, mich zu akzeptieren, wie ich bin, dann macht mich das zu einem starken Individuum, erklärt Kasprowicz.

Der Weg und Prozess dahin – das sei auch Thema dieses Stückes. Es sei ein Empowerment-Projekt, stärke die Teilnehmenden, von denen einige sonst keinen Zugang auf die Theaterbühne gefunden hätten. Alle könnten sich ausprobieren. Davon profitiere das Stück ungemein. Auf diese Weise habe es „unglaublich viele Facetten, die nicht entstanden wären, wenn wir es allein entwickelt hätten.“

Natürlich müsse ein solch inklusives Projekt auch professionell angeleitet und begleitet werden. „Die Teilnehmenden sollten sich sicher fühlen – dafür schaffen wir den Rahmen“, sagt Liedl. „Bei uns laufen die Fäden zusammen.“ Unterstützt wird das Dreiergespann Kasprowicz, Liedl, Geske von drei Sozialpädagogen. So werde dem Ganzen nicht nur ein künstlerischer, sondern auch ein pädagogischer Rahmen gegeben.

Das Thema wird mystisch umgesetzt. „Wir zeigen die Ausgrenzung nicht etwa auf dem Pausenhof, sondern haben uns eine eigene Welt dafür erschaffen“, sagt Liedl. „Mondlicht“ sei rein audiovisuelles Theater, es gebe keine Dialoge, verrät Kasprowicz. Im Fokus stünden die Musik mit ihren Texten, die dafür umso aussagekräftiger seien, die mystischen Wesen und ihre Kostüme, Mandragora – das faszinierende Wesen mit dem Hirschgeweih (gespielt von Kasprowicz selbst) oder das Orakel (Geske) –, der Tanz, mit luftakrobatischen Elementen (Liedl) und Darstellern, die keine Bodenberührung mehr haben. Ein Kernelement sei die Verhüllung, die sukzessive aufgelöst werde, um die Selbstfindung darzustellen: Das wahre Ich werde gezeigt und gelebt. Die Bilder, die zu sehen sind und was sie auslösen in jedem Einzelnen, darauf ziele das Stück ab, so Kasprowicz. Es gehe um Emotionen, um ein Grundgefühl, eine Stimmung.

Alles an „Mondlicht“ sei „home-made“, selbstgemacht, erklärt Liedl. Nicht nur die Kostüme, auch die Musik – vom Text bis zur Komposition. „Alles, was man sieht und hört, ist aus unserer Feder, aus unserer Hand, aus unserem Herzen.“ Das Streben nach Perfektion oder gar eine Bewertung stehe dabei nicht im Fokus. Es müsse ganzheitlich gesehen werden. „Die Teilnehmenden sind keine Profis“, sagt Kasprowicz. Aber jeder habe hundert Prozent gegeben, sich mit Begeisterung und Elan eingebracht, sei zum Teil über sich hinausgewachsen. Allein das habe Applaus verdient, so Kasprowicz.

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