Wenn Leiden greifbar wird

Masterarbeit von Landsbergerin erhält kbo-Innovationspreis

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Wolfs Arbeit zeigt: Auch in Landsberg wurden Zwangssterilisationen vorgenommen. Hier das ehemalige städtische Krankenhaus in der Lechstraße.

Landsberg – Eine ausgezeichnete Masterarbeit – diese Bestätigung hat Isolde Wolf jetzt auch von den Kliniken des Bezirks Oberbayern (kbo). Die Landsbergerin erhielt für ihre Masterarbeit zum Thema Zwangssterilisationen und Krankentötungen im Landkreis während des Dritten Reiches den Sonderpreis im Rahmen des kbo-Innovationspreises Mental Health/Sozialpsychiatrie.

Die kbo-Jurymitglieder Eva Kraus und Prof. Dr. phil. Markus Witzmann sind von Wolfs Arbeit angetan: Wolf leiste einen „wesentlichen Beitrag zur Aufarbeitung der Rolle der Psychiatrie im Dritten Reich“. Und das in „hervorragender Weise“ durch „sorgfältige und intensive Recherche“. Durch die Arbeit werde „das unfassbare Leid, das diesen Menschen zugefügt wurde, bedrückend greifbar“. Insgesamt könne der lokale Bezug der Arbeit „eine Identifikation mit den Opfern erleichtern“.

Wolf selbst hat sich auch „sehr, sehr über diese Auszeichnung gefreut“. Die heute 44-Jährige beendete ihre Arbeit in dem berufsbegleitendem Masterstudium Mental Health 2015. Angefangen hat sie Anfang 2014. Voraus ging eine Studienarbeit über die Krankenschwester Pauline Kneissler, die sie beim Betreuer ihrer Masterarbeit, dem Mediziner und Psychiater Professor Michael von Cranach, verfasste. Kneissler hatte unter anderem in Kaufbeuren mit an der Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ gewirkt. „Und dann war ich schon in dem Thema drin“, beschreibt Wolf einen Grund für die Wahl des Themas. Der andere: Landsberg ist ihre Heimat.

Isolde Wolf – ihre Magisterarbeit hat den kbo-Innovationspreis erhalten.

Der Anfang war schwer: „Es gab überhaupt nichts zu dem Thema bezogen auf den Landkreis“, sagt die diplomierte Sozialpädagogin. In Landsberg selbst habe sie nur „vier sehr dünne Akten zur Zwangssterilisation“ gefunden. Informationen über die Ausstellung „Blut und Rasse“, sozusagen eine Werbung für den Sinn der Zwangssterilisation. „Da war auch genau festgehalten, welche Schulen wann sich die Ausstellung angesehen haben.“

Lange Recherchen im Augsburger und Münchener Staatsarchiv und im Bundesarchiv in Berlin lagen vor ihr. Im historischen Archiv des Betriebskrankenhauses Kaufbeuren fand sie Krankenakten, im Archiv Oberbayern lagen die Akten der Opfer aus Haar. „Ich war teilweise sehr betroffen. Es war absolut verstörend. Gleichzeitig hat mich die Forschungsarbeit aber auch gefesselt “

Wolf zeigte durch ihre Forschung erstmals konkrete Opferzahlen für Zwangssterilisationen – mindestens 146 Bürger – im Landkreis auf. Zudem belegte sie, dass diese auch am Landsberger Krankenhaus und in der Strafanstalt vorgenommen wurden – so auch von Arthur Müller, dem ehemaligen Krankenhauschef. Ihm konnte Wolf mindestens 40 Zwangssterilisationen zuschreiben.

Die Zulassung dafür, die Sterilisationen durchführen „zu dürfen“, erhielt die Landsberger Klinik 1938. Wolfs Forschungsergebnisse führten 2015 zusammen mit denen der damaligen Stadtarchivarin Elke Kiefer dazu, dass Arthur Müller nicht als Namenspate für den Lechsteg fungierte.

Auch mit dem Thema Euthanasie beschäftige sich die Diplompädagogin in ihrer Arbeit. Sie beschrieb Selektion, Verlegung und Ermordung an Einzelschicksalen. Demnach wurden mindestens sieben Kinder aus dem Landkreis in den Anstalten Eglfing-Haar und Kaufbeuren-Irsee getötet. Zwei Kinder wurden im Rahmen der sogenannten „Euthanasie“-Aktion T4 vergast: der Ermordung von mehr als 70.000 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen in Deutschland, geleitet von der Zentraldienststelle T4 in der Tiergartenstraße Berlin. Zudem belegte Wolf die Vergasung von mindestens 29 Erwachsenen und förderte Zahlen über verhungerte und mit Giftspritzen getötete Opfer zutage.

Vorerst wird sie nicht weiterforschen. Im Moment arbeitet die Landsbergerin in einem Langzeitwohnprojekt für psychisch Kranke in München. Aber die Zukunft ist offen. Vielleicht auch für weitere Forschungsarbeiten über noch nicht Bekanntes in ihrer Heimat.

Susanne Greiner

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