Erst gut 20 Jahre, aber schon bekannt

Landsbergs berühmte Persönlichkeit: die Orgel in Mariä Himmelfahrt

Skudlik mit LAndsberger Orgel
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Hat den Komplett-Umbau der Orgel begleitet: der Landsberger Organist Johannes Skudlik in der Landsberger Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt.
  • Susanne Greiner
    VonSusanne Greiner
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Landsberg – Die Lechstadt hat eine berühmte Persönlichkeit in ihrer Mitte: die Orgel der Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt. Sie zählt zu den bedeutendsten Orgeln in Europa – seit 2003, als sie komplett umgebaut wurde. Dabei wurde sie tatsächlich verkleinert. Aber nicht im Klang: Der ist seit dem Umbau weitaus vielfältiger und nahezu einzigartig. Mit ein Grund dafür ist das Register ‚Tuba mirablis‘, die ‚wunderbare Tuba‘.

Wer in der Stadtpfarrkirche die unscheinbare Tür zur Orgelempore öffnet, wird von einem schmalen Wendelgang begrüßt. Hinauf geht es nur einzeln – bis ein ganzer Chor oben steht, vergeht Zeit, erzählt der Landsberger Organist Johannes Skudlik. Für Konzerte haben aber auch schon der ein oder andere Kontrabass und auch Harfen die engen Windungen überwunden. Wer dort hinaufgeht, während die Orgel gespielt wird, spürt deren Klang nicht nur am eigenen Körper: Auch die dicken Steinwände vibrieren mit den tiefen Registern. „Aber keine Angst, es wurde zweimal getestet, ob die Statik hält“, versichert Skudlik.

Das Wort Orgel kommt vom griechischen Wort „organon“. Das heißt unter anderem „Instru­ment“ – womit die Orgel zum Instrument an sich wird. Gerechtfertigt ist das durch die zahlreichen Register, die unterschiedlichste Instrumente imitieren und die Orgel fast zum Pendant eines Orchesters machen. Sie schenken dem Instrument aber auch einen vielfältigen und immer wieder anderen Klang. Deshalb wird ihr nicht nur der längste Atem der Welt zugeschrieben: Mozart nannte sie in einem Brief an seinen Vater gar „die Königin der Instrumente“.

Im Lauf der Jahrhunderte wurde die Landsberger Orgel immer wieder umgebaut. Hinter dem Orgelprospekt von 1688 mit den Figuren aus der Luidl-Werkstatt steckt heute aber ein modernes Instrument: Gerhard Schmid aus Kaufbeuren konzipierte das bis dato vorhandene Instrument 1983 vollkommen neu. Dafür musste allerdings damals die zweite Empore abgerissen werden. Kein einfaches Unterfangen, verschwanden damit doch auch die mit Namensschildchen versehenen Honoratiorenplätze. „Vorher klebte die Orgel wirklich direkt unter der Decke“, erinnert sich Skudlik und zeigt nach oben, auf eine kleine Tür, die sich auf luftiger Höhe ins Nichts öffnet: der frühere Eingang zur Orgelempore.

Der ehemalige Eingang zur Orgelempore, als es noch die zweite Empore gab. Erst für die neue Orgel 1983 wurde sie abgerissen.

Die Anfang der 80er neu konzipierte Orgel entsprach allerdings nicht dem damaligen Standard, urteilt Skudlik. „Als ich 1979 hier angefangen habe, war die Orgel aber bereits fertig geplant und in Auftrag gegeben.“ Schon in den 1980ern konnte der Landsberger Organist für seine Orgelkonzerte berühmte Musiker nach Landsberg holen. Und auch die hatten einige Verbesserungsvorschläge für das Instrument. Bis Skudlik den erneuten Umbau verwirklichen konnte, musste er Überzeugungsarbeit leisten. Erst 2001 startete der erneute komplette Umbau der Orgel, 2003 wurde er abgeschlossen.

Der Landsberger Organist hat den Umbau begleitet. Ist mit dem beauftragten Orgelbauer Siegfried Schmid aus Immenstadt nach England und Spanien gereist, um dort „Werksspionage“ zu betreiben, wie Skudlik es ironisch nennt: In beiden Ländern wurden spezielle Pfeifen fotografiert und vermessen, um sie dann exakt nachbauen zu lassen. In London standen die Willis-Tuben der St. Paul‘s Cathedral Pate, aber auch in Sevilla nahm man die Maße von „Voix-humaine-Pfeifen“ in der Cavaillé-Coll-Orgel in San Vincente. Den Nachbau der Pfeifen vertraute man keinem geringeren als Georg Jann, dem (2019 gestorbenen) Erbauer der Münchener Domorgel an, der sich schon damals in Portugal niedergelassen hatte. Die Landsberger ‚Königin‘ ist also ziemlich international. Und ihr Klang seit dem Umbau weicher.

So ist die Landsberger Orgel zur ‚Tuba Mirabilis‘ gekommen – und war damit lange deutschlandweit das einzige Instrument, das über dieses Hochdruckregister verfügte. Erst vor Kurzem hat auch der Kölner Dom nachgezogen, erzählt Skudlik und setzt sich an den Spieltisch, um die ‚wunderbare Tuba‘ vorzuführen: Hochdruck stimmt. Der klare und mit bis zu 120 Dezibel ziemlich laute Ton erinnert an die Trompeten von Jerichow. Mit ein Grund, warum Skudlik dieses Register nur bei vollbesetzter Kirche zieht. Und auch der Grund dafür, dass beim Stimmen der Orgel Ohrstöpsel das Mittel der Wahl sind.

„Seit dem Umbau lässt die Orgel keine Wünsche offen“, fasst Skudlik die Neukonzeption zusammen. Man habe sie über die Jahre in vielen Gesprächen mit Kollegen und berühmten Gastorganisten perfektionieren können. „Jetzt hat die Orgel alles, was man braucht“ – auch wenn sie mit ihren 68 Registern rund 22 weniger als vorher hat. Mit jedem der vier Manualen kann Skudlik viereinhalb Oktaven abdecken, mit den Pedalen zwei. Das Geheimnis für laut und leise liegt unter anderem in der „Kiste“, wie Skudlik das Schwellwerk, den Bau unter den Pfeifen der Hauptorgel in der Mitte nennt. Dort sind Lamellenjalousien, die mittels Pedal steuerbar sind – und so mehr oder weniger Dezibel ins Freie lassen.

Neben der Hauptorgel stehen die zwei Positive, die mit kleineren Pfeifen bestückten ‚Nebenbauten‘. Und vor der Rückwand der Kirche, abgedeckt durch ein Tuch, versteckt sich das 32-Fuß-Register mit bis zu acht Meter langen Pfeifen, die fast bis zur Decke reichen. Ebenso wie bei den kleinsten Tuben ist auch ihr Ton kaum zu hören – aber deutlich zu spüren.

Natürlich gebe es größere Instrumente, aber „hier in der Stadtpfarrkirche ist die Einheit von Instrument, Raum und Akustik nahezu perfekt“. Anders als im Münchener Dom. Da gebe es einen Nachhall von ganzen zwölf Sekunden. „Da wird Bach zur Suppe. Hier hört man alles ganz klar.“ Noch ein Vorteil der Landsberger Orgel: Der Spieltisch steht nicht direkt unterhalb des Hauptwerks, sondern gute drei Meter davor. „So kann der Organist den Klang hören. In anderen Kirchen fliegt der oft über den Spieler hinweg.“ Diese Harmonie von Raum und Instrument sei sicher auch mit ein Grund für den Erfolg der Orgelkonzerte, ist Skudlik überzeugt. Denn jeder Organist, den Skudlik aus der großen Welt in die kleine Orgelstadt Landsberg holt, ist hin und weg.

Skudlik kann nächstes Jahr sein 50-Jähriges als Organist im Dienst der Kirche feiern, davon 43 Jahre in Landsberg. Er verlieh Landsberg den Namen „Orgelstadt“, indem er 2005 den Internationalen Orgel-Wettbewerb „Orgelstadt Landsberg“ in Kooperation mit dem BR ini­tiierte, bei dem Orgelkonzerte in der ganzen Stadt einbezogen waren. Denn auch in der Heilig-Kreuz-Kirche steht ein seltenes Instrument, eine Barockorgel original von 1756. In der Ursulinenklosterkirche findet man eine spätromantische Orgel von Heinrich Koulen, laut Skudlik der beste Orgelbauer des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. In der evangelischen Kirche steht eine Jann-Orgel – der die Tuba mirabilis für die Stadtpfarrkirche nachgebaut hat – und in Heilig Engel ist eine Orgel der bekannten Orgelbauwerkstätte Sandter zu finden. Skudlik veranstaltetet zahlreiche große Konzertereignisse, bei denen die Landsberger Orgel immer prominent vertreten war, beispielsweise die Wiener Nacht 2004, bei der im Wiener Stephansdom und in Mariä Himmelfahrt parallel mittels Videoübertragung zwei Organisten improvisierten. Und seine Landsberger Orgelsommer finden weltweit Zuspruch.

Die Einweihung

Weil Johannes Skudlik den Umbau der Landsberger Orgel eng begleitete, konnte er auch einzelne Bauschritte direkt testen. Ein „erstes Spiel“ auf der vollendeten Orgel gebe es für ihn deshalb nicht, er sei da eher „reingewachsen“. Aber er erinnert sich noch gut an die Gala-Konzertsoirée zur Einweihung des Instrumentes am 20. September 2003. Gespielt wurde Saint Saens, Kodály, Bruckner, mit dabei waren neben diversen Solisten auch das Vocalensemble Landsberg und der Landsberger Oratorienchor. Der Titel des Konzerts? Natürlich „Die Krönung der Königin“.

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