Nougat, Zartbitter, Pistazie

Mozartkugeln zum Auftakt der "Kammermusik im Bibliothekssaal"

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„Mozartkugeln“ versüßten den Gästen beim Saisonauftakt der „Kammermusik im Bibliothekssaal“ sowohl real als auch akustisch den Herbstabend. Es spielten (von links) Kumiko Yamauchi, Dorothea Galler, Franz Lichtenstern und Claire Sirjacobs.

Landsberg – Außen herbe Zartbitterschokolde, darunter feinschmelzender Nougat und im Inneren grüne Nuss mit süßem Marzipan: Die ‚Mozart-Bonbons‘, seit 1900 Mozartkugeln genannt, sind ein Genuss. Dass ein Konzert gleichen Namens ebenso genussvoll ist, zeigte sich beim Saison-Eröffnungsabend der Reihe „Kammermusik im Bibliothekssaal“: Organisator und künstlerischer Leiter Franz Lichtenstern hatte nicht nur für jeden Gast eine echte Kugel. Er gestaltete auch ein ‚rundes‘ Programm: Mozart als Anfang und Ende. Und zur Abrundung des Geschmacks den Pistazienkern samt Marzipan in die Mitte: ein Quartett für Englischhorn und Streicher des zeitgenössischen Komponisten Jean Françaix.

Aber beginnen wir mit der Zartbitterhülle: das Oboenquartett in F-Dur von Mozart, von Lichtenstern gar als „Landsberger Nationalhymne“ bezeichnet, war das Stück doch schon mehrmals in der Lechstadt zu hören. Es entstand der Legende nach quasi nebenbei. In München, wo Mozart eigentlich Wichtigeres zu tun hatte. Es galt, den „Idomeneo“ zu proben. Die Musiker, mit denen er dabei zu tun hatte, gehörten zur Mannheimer Hofkapelle, dem damals europaweit führenden Orchester, seit 1777 wegen einer Erbfolgeregelung aus der Kurpfalz nach München gezogen. Unter den exquisiten Musikern war auch Oboist Friedrich Ramm. Und Mozarts Komposition kann als Verbeugung vor diesem Musiker gesehen werden: Denn noch keiner habe sich den „schönen, runden sanften und wahren Ton auf der Oboe, verbunden mit der schmetternden Tiefe im Forte“ so zueigen gemacht wie Ramm. Mozart schenkt seinem Solisten Außergewöhnliches: Im Gegensatz zum konventionellen Streichquartett ersetzt die Oboe nahezu die erste Geige. Der Salzburger lässt sie glänzen wie Kuvertüre: eingängige Melodie, Triller, virtuose Läufe, Sprünge.

Im einleitenden Allegro tönen Seufzer und Echos, ähnlich einem leichten Augenzwinkern. Das Adagio dagegen klingt erhaben: Oboistin Claire Sirjacobs meistert die Sprünge präzise und samtweich – ihre Oboe singt. Im Rondo schenkt Mozart ‚seinem‘ Oboisten aberwitzige Läufe. Samt einem Viervierteltakt, den die Oboe mitten im Satz gegen den Dreiertakt der Streicher einwirft.

Die Quartettkomposition Mozarts rühmte auch Einstein – nicht Albert, sondern Alfred, der Musikwissenschaftler: Es sei ein „Meisterwerk“, nur zu vergleichen mit Mozarts sagenhaftem Klarinettenkonzert.

Spielten die Streicher in diesem ersten Stück nicht gerade die Hauptrolle, durften sie dennoch mit Mozart glänzen: beim Nougat der Mozartkugel, dem Divertimento Es-Dur, das Lichtenstern nach der Pause aufs Programm setzte. Es ist das einzige Streichertrio, das Mozart je aus der Feder floss. Ein Geheimtipp, getarnt im unauffälligen Titel. Denn ein Divertimento, ein leichtes Vergnügen, ist es trotz zweier tänzelnder Menuette nicht. Vielmehr kommt es unglaublich vielschichtig daher. Und ist höllisch schwer zu spielen.

Geiger bezeichnen das Stück als „Achttausender der Kammermusik“ – sowohl eine Herausforderung als auch ein Glücksmoment. Den setzt Kumiko Yamauchi mit unglaublich weichem Klang perfekt um, so auch im zweiten Satz, dem Adagio, das zu As-Dur wechselt. Auch die Bratsche darf hier glänzen: Dorothea Galler spielt ausdrucksstark, Cello und Geige fungieren als Echo des düsteren Themas. Schwierig ist Mozarts Trio allerdings insbesondere für das Cello. Exorbitant schwer oder gar unspielbar, munkelte man, muss doch das Instrument in besonders hohen Lagen spielen. Eine Herausforderung, die Lichtenstern mit Bravour meistert. Bravour, die niemals Mozarts Leichtigkeit vermissen lässt.

Und nun zur Mitte, zur Pistazie. Das I-Tüpfelchen, das Zartbitter und Nougat so berauschend macht. Was Jean Françaix mit seinem Quatuor für Englischhorn und Streicher auftischt, ist Salonmusik mit Anspruch und Witz, geistreiche Unterhaltung, Musik zu einem französischen Film, synkopischer Jazzanklang neben Psychothriller – oder wie eine Zuhörerin sagt: „Da sieht man mal, wie lange es Crossover schon gibt.“ Der Franzose schrieb das Stück 1970, 23 Jahre vor seinem Tod. Erlebt und eingesogen hat er jedoch die ganze Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts, denn geboren wurde er 1912.

Er selbst sagt von sich, seine Lehrerin habe sich „stets vergeblich bemüht, mir Harmonie und Kontrapunkt oder gar das Schreiben von Fugen beizubringen“. Doch diese „schönen Theorien“ seien das Allerletzte, woran der beim Komponieren denke. Er wähle lieber die Feldwege statt der Autobahnen. Dass diese Feldwege so wunderbar tanzen können, in so zuckersüßen Harmonien schwelgen und sofort wieder schräg gebrochen werden, um mit einem Augenzwinkern die Klassik liebevoll ins Bockshorn zu jagen, ist wohl gerade diesem fehlenden Respekt zu verdanken. Ein Ohrenschmaus, der auch den vier Musikern viel Freude bereitet.

Schon das Saisonauftaktkonzert war ausverkauft. Wer die Kammermusik im Bibliothekssaal diese Saison genießen will, muss sich früh um Karten kümmern. Nächster Termin ist der 19. Januar 2020, „Widmungen“, in denen die Zuhörer unter anderem ein Wiedersehen mit dem Feldweg-Françaix erwartet. Am 28. März ergießen „Wundertüten“ ihren Inhalt mit Gesang – natürlich auch mit Mahlers „Des Knaben Wunderhorn“. Am 3. Mai beeindruckt die Magie der „Flötenzauberer“ und abschließend richtet Lichtenstern am 24. Mai mit dem Münchner Streichquartett und Sopranistin Lydia Teuscher die musikalischen „Blicke nach oben“.
Susanne Greiner

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