"Mit Kunst hat’s rein gar nichts zu tun!"

"Invader"-Mosaikfliesen einfach abgeschlagen

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Auch diese "Invader“-Mosaikfliesen an der Mühlbach-Mauer in Landsberg ist inzwischen Geschichte.

Landsberg – Neben „Banksy“ ist er wohl der bekannteste Straßenkünstler der Welt: Die Mosaikfliesen von „Invader“ hängen neben dem Eiffelturm, am King’s Court in London und sogar auf dem „Hollywood“-Schriftzug. In 77 weiteren Städten finden sich die kleinen Kunstwerke an sorgfältig ausgesuchten Stellen im öffentlichen Stadtbild – in Landsberg nicht mehr.

Die Landsberger Mosaikfliesen sind dagegen zum großen Teil Geschichte. Oberbürgermeister Mathias Neuner (CSU) ließ sie durch den Bauhof entfernen. Das bestätigte Neuner auf Anfrage von Henrik Lüßmann. Der Grünen-Rat hatte beobachtet, wie eines der knapp 20 (in Landsberg komplett schwarz-weiß gehaltenen) Kunstwerke von einem Arbeiter von einer Wand abgeschlagen wurde und fragte nach: „Die sind zwar vermutlich widerrechtlich angebracht worden, aber hingen jetzt drei Jahre da, warum hat man sie jetzt entfernt, gab es da eine Anweisung?“

Verkannte Fliesenkunst

Die Initiative sei von ihm ausgegangen, bestätigte Neuner, ohne zu begründen, warum man ausgerechnet jetzt tätig wurde. Er habe bei seinen Mitarbeitern nachgefragt; nach den Informationen, die man ihm gegeben habe, habe es sich bei den Mosaikfliesen „um einen Spaß aus dem Internet, so eine Art Suchspiel“ gehandelt, ließ er Lüßmann wissen und stellte weiter fest: „Mit Kunst hat das ja mal rein gar nichts zu tun“.

1,5 Millionen Fliesen

Da liegen Neuner und seine Berater allerdings nachweislich falsch. Die Geschichte der weltbekannten „Invader“-Fliesen begann 1998 in Paris, wo der anonym lebende Künstler geboren wurde. Seither zog er mit Stadtplänen, Fliesen und Zement „bewaffnet“ durch Städte in 30 Ländern und brachte seine Kunstwerke an, fast immer nachts. Dabei folgt der „Invader“ einer klaren Philosophie: Gut sichtbar soll die Stelle sein, in einer besonderen Blickachse liegen, gerne auch schwer erreichbar. Er sieht seine, teilweise sehr aufwendigen, Arbeiten als „Geschenk für die Öffentlichkeit“ und „für alle, die nicht ständig in Museen gehen können oder wollen“. Geschätzte 1,5 Millionen Mini-Fliesen hat er weltweit verbaut, sein 1000. Werk wurde in Paris mit einer großen Ausstellung gefeiert.

Es darf getrost davon ausgegangen werden, dass in Landsberg nicht der 44-jährige Fran­- zose selbst vor drei Jahren loszog. Sein Nachahmer hielt sich allerdings nicht nur in der Gestaltung und Art der Anbringung genau an das Original, die Plätze für die Kunstwerke waren gut ausgewählt und teilweise ungewöhnlich. Die erste Fliese tauchte an einem Randstein am Holzmarkt auf, schnell fanden sich weitere Exemplare am Mühlbacheinlass und in der Streugutnische in der Neuen Bergstraße. Die Mühlbachauskehr nutzte der Unbekannte, um gleich zwei „Invader“ an den Begrenzungsmauern anzubringen, bald überstieg ihre Zahl ein Dutzend. Zuletzt kam nur noch alle paar Monate eine neue Fliese hinzu.

Jedes neue Exemplar sprach sich unter den Bürgern schnell herum und wurde begutachtet, viele Landsberger suchten regelmäßig beim Sonntagsspaziergang nach den Fliesen, zwischenzeitlich entwickelte sich gar eine Art „Alternativer Stadtrundgang“. Davon, dass die kleinen Quadrate jemand gestört hätten, ist offiziell nichts bekannt. Auch in den seltenen Fällen, in denen private Wände beklebt wurden, ließen die Eigentümer bislang die „Street Art“ hängen. Nicht so die Stadtverwaltung, die jetzt einschritt. „Das ist widerrechtlich an städtischem Eigentum angebracht und dann lasse ich das halt entfernen“, sagt der Oberbürgermeister.

Reagieren muss nun unter anderem die Facebook-Gruppe „1000 Dinge, die du in Landsberg tun kannst“ – den Punkt „Alle Landsberger Mosaik-Fliesen suchen“ kann sie streichen. Wer die Kleinkunstwerke im Stil der 8-Bit-Videospiele aus den 70er Jahren sehen will, muss jetzt wieder nach Antwerpen, Bern, Rom, Genf, New York oder Tokio. Im gut sortierten Landsberger Buchhandel kann man sich allerdings auch einen der zahlreichen Fotobände über das Schaffen des Künstlers besorgen. 15 Prozent der Arbeiten würden irgendwann wieder entfernt, hat „Invader“ einmal geschätzt; sei es durch Hauseigentümer, vor allem aber durch Fans, Diebe – und kommunale Verwaltungen.

In Landsberg liegt die Quote deutlich höher…

Christoph Kruse

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