Existenz von den coronabedingten Einnahmeeinbußen bedroht

Das Aus für Landsbergs Stelzer?

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Die Stelzer präsentierten die Jugendprojekte regelmäßig auf dem Hauptplatz – bald ein Bild der Vergangenheit?

Landsberg – Wer kennt es nicht; das Landsberger Theaterensemble „Die Stelzer“? 1983 hatte es sich in Landsberg als „Lechwehrtheater“ gegründet und 1994 mit neuem Namen als „Die Stelzer“ aufgestellt. Seitdem erobert es den öffentlichen Raum: in Landsberg, in Deutschland und in vielen Ländern der Welt. Noch im vergangenen Jahr feierte es sein 25-Jähriges und präsentierte die Bandbreite seines Schaffens. Ob mobiles Theater, internationale Kulturhilfe, Jugendarbeit oder innovatives Schauspiel – all das macht „Die Stelzer“ aus. Doch nun ist alles weggebrochen. Es droht das Aus. Corona macht das Ensemble handlungsunfähig.

Abendfüllende Inszenierungen wie Wagners „Rheingold“ oder Brechts „Arturo Ui“ waren eine Säule des Theaters. „Diese großen Schauspielproduktionen können auf absehbare Zeit nicht mehr gezeigt werden“, sagt Theaterleiter Wolfgang Hauck. Neuproduktionen, die sich der aktuellen Spielsituation anpassen könnten, seien wegen des finanziellen Aufwands nicht zu leisten. Vor wenigen Tagen war Hauck als Theater- und Kultur­experte zu einem Fachgespräch von Ministerpräsident Söder zusammen mit Innenminister Herrmann und Wissenschaftsminister Sibler sowie Vertretern der Filmwirtschaft, Veranstaltern und Verbänden eingeladen, um über Hilfsmaßnahmen und Konzepte zu beraten. Sein Eindruck, wie man auf lange Sicht die Gegebenheiten für Großveranstaltungen derzeit einschätzen muss: „leider nicht sehr gut.“ So gebe es auch für das Stelzer-Ensemble vor Mai 2021 wohl keine realistischen Chancen für Auftritte.

Das Theater „Die Stelzer“ kennt man in Landsberg aber auch noch durch die langjährige Jugendarbeit, in der über 160 Jugendliche beteiligt waren und immer noch 40 aktiv sind. Den Start dazu gab es mit der Produktion des Ruethenfestspiels 2012. „Nun könnten wir 2020 über eine Fördermaßnahme aus der kulturellen Bildung ein kleineres Jugendprojekt umsetzen“, sagt Hauck. Aber die Voraussetzungen für gemeinsame Proben seien voraussichtlich erst im Winter gegeben.

Wegen der Coronakrise gibt es auch keine Möglichkeiten für die mobilen Auftritte. Alle Buchungen wurden abgesagt, große Veranstaltungen oft um ein Jahr verschoben. „Da sind wir nicht die einzigen, die das trifft“, so Hauck, „die erleben müssen, wie sich nach einer möglichen Entspannung die Auswirkungen noch über Monate hinziehen werden.“ Dies umso mehr, als dass die Stelzer-Saison witterungsbedingt Mitte Oktober endet und erst im Mai wieder losgeht. Auch international seien Auftritte nicht mehr möglich. Auch wenn eine Einladung aus Taiwan zu einem großen Festival vorliegt – durch die Corona-bedingten Reiseregulierungen sei das unrealistisch.

Ohne Aktivitäten und damit ohne Einnahmen: Das bedeutet für „Die Stelzer“, dass laufende Kosten – Miete, Infrastruktur und Versicherungen – nicht mehr gedeckt werden können. „Wir reduzieren, wo es geht, sparen jede Kleinigkeit ein,“ sagt Hauck. Vom Arbeits- und Verdienstausfall für die Schauspieler sei da noch gar nicht die Rede. Kurzarbeit – so eine Option gebe es für die freiberuflichen Akteure nicht. Immerhin sei vom Freistaat die Corona-Soforthilfe angekommen. Dadurch könne man bis Ende September die Kosten decken – aber dann? „Die wirtschaftliche Konsequenz ist dann die Insolvenz und die Auflösung des Theaters „Die Stelzer“, so Hauck.

Was einmal weg ist

Auch die internationale traumapädagogische Flüchtlingsarbeit, das „Cultural Relief Program“, das Hauck seit 2014 erfolgreich in Flüchtlingslagern an der türkisch-syrischen Grenze, im Irak und in Afghanistan durchgeführt, ist gefährdet. „Ich habe jede Woche Nachfragen zur Fortsetzung unserer Hilfsprogramme“, sagt er. Damit werde deutlich, welch beeindruckende, nachhaltige Wirkung das Stelzentheater für die traumatisierten Jugendlichen habe. Konkrete Planungen gebe es erst wieder ab Frühjahr 2021. „Aber wir können das nur anbieten, wenn wir unsere Infr­astruktur bis dahin überhaupt unterhalten können“, so Hauck.

„Der Erhalt der Kultur steht auf Landesebene ganz oben und es werden enorme Anstrengungen unternommen“, so Haucks Eindruck. Weil man sich sehr bewusst sei: Was einmal weg ist, kommt nicht mehr wieder – sei es Kino, Galerien oder Theater. Dieses Bewusstsein zum Schutz und Erhalt müsse auch von den Landkreisen und Städten verinnerlicht und mit Maßnahmen begleitet werden. „Ich kenne Kulturreferate, die entwickeln gerade Angebote und verschaffen den Künstlern Corona-gemäße Auftrittsmöglichkeiten – entsprechend auch vergütet.“

Solche Initiativen seien für ihn ein Hoffnungsschimmer. Die Förderung von Kultur müsse gerade in Krisenzeiten intensiviert werden, um einen kulturellen Flurschaden zu vermeiden. Wer hier von Kürzungen oder Sparmaßnahmen im Kulturbereich spreche, bedenke nicht die weitreichenden Folgen, die damit verbunden seien. „Kultur ist die letzte und wichtigste Brücke, um Menschen zusammenzubringen und das Mensch-Sein zu erhalten.“
Andrea Schmelzle

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