Der KREISBOTE ist mitgefahren:

Sind Gigaliner die Zukunft des Gütertransports?

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„Gigaliner“ oder „Monstertruck“? Bislang polarisieren die über 25 Meter langen Laster, die künftig vermehrt auf deutschen Straßen und auch in Landsberg zu sehen sein werden.

Landsberg – Sie sind 25,25 Meter lang und machen die deutschen Autobahnen im wahrsten Sinne „unsicher“– das unterstellen die Gegner den Lang-Lkw, die nach einer fünfjährigen Testphase seit Beginn des Jahres sukzessive in den Regelbetrieb übergehen. Auch im Landkreis werden die Gigaliner künftig unterwegs sein und beispielsweise das Edeka Zen­trallager im Frauenwald ansteuern. Von dort aus durfte auch der KREISBOTE eine Mitfahrt in dem gigantischen Brummi antreten, um diesen unter die Lupe zu nehmen.

Steht man vor dem über 25 Meter langen Gefährt, ist die Größe tatsächlich sehr beeindruckend. Um den Lkw in voller Pracht auf ein Foto zu bekommen, muss man schon einige Meter durch Schnee und Matsch rückwärts gehen. Dennoch muss es schnell gehen, schließlich scharrt Fahrer Karlheinz Häußler bereits mit den Hufen – er hat sämtliche Vorbereitungen bereits abgeschlossen und möchte in Richtung Gaimersheim bei Ingolstadt aufbrechen, wo das Edeka Logistikzentrum auf eine Lieferung wartet. Die Strecke ist für den 50-Jährigen Routine: Täglich pendelt er zwischen den drei Großlagern in Straubing, Gaimersheim und Landsberg.

Nachdem sein Arbeitstag um 3 Uhr angefangen hatte, befindet sich Häußler gegen 8 Uhr schon im Endspurt gen Feierabend, als er den Lang-Lkw im Edeka Zentrallager in Landsberg startet. Gerade erst losgefahren, lauert für ihn schon nach wenigen Metern das erste Hindernis: An der B17-Auffahrt bei Igling, die für Häußlers Geschmack „für Lkw recht eng gebaut ist“, kann der Fahrer seine 24-jährige Erfahrung erstmals ausspielen: Obwohl er den Blinker links setzt, meidet er das Einfädeln zunächst und bleibt auf seiner Fahrbahn. Erst spät schlägt er nach links ein und lenkt seinen Laster in Richtung Auffahrt. Was anspruchsvoll aussieht, ist für den 50-Jährigen ein Kinderspiel, denn „mit einem normalen Lkw wäre das schwieriger gewesen.“ Beim Lang-Lkw werde er beim Abbiegen von den kürzeren Radständen und einer Lenkachse zusätzlich unterstützt.

Gerade auf die neue Bundesstraße aufgefahren, darf Häußler prompt die nächste Eigenheit des überlangen Sattelzuges demonstrieren. Mit Tempo 80 tuckert er dahin, als sein Arbeitsfahrzeug plötzlich verlangsamt – es hat in 100 Metern Entfernung einen tschechischen Sattelzug ausgemacht, der mit 10 oder 20 Stundenkilometer weniger vorausfährt. Der Lang-Lkw denkt mit: Bevor sich der Abstand zwischen den Fahrzeugen zu sehr verringert, bremst der Edeka-Laster selbstständig ab und passt sich der Geschwindigkeit des Tschechen an. Als der Osteuropäer dann auf´s Gas drückt und die Distanz wieder größer wird, beschleunigt auch Häußler wieder – obwohl dessen Füße gar nicht eingreifen. Seine einzige Aufgabe ist, den Lkw mit den Händen in der Spur zu halten. Sogar im Falle eines Staus funktioniere der Bremsassistent reibungslos: „Beim ‚Stop&Go‘ könnte ich mich theoretisch gemütlich zurücklehnen. Der Lkw fährt von selbst an und bremst wieder ab – je nachdem wie es die Autos vor mir zulassen“, schwärmt der Fahrer.

Und selbst zur Spurhaltung haben sich die Macher des Mercedes Actros etwas einfallen lassen: Als die Bahn gerade frei ist, führt der 50-Jährige deshalb das nächste Kunststück vor. Absichtlich zieht er das Gefährt mit dem Lenkrad in Richtung des rechten Fahrbahnrandes. Bevor er diesen überschreiten kann, ertönt ein lauter Brummton, der ihn an seine Spurbegrenzung erinnert. Gleiches passiert auf der linken Seite, obwohl die Linie gestrichelt ist. Häußler ist froh über so viel Technik: „Die Assistenzsysteme machen die Sache für uns Fahrer viel einfacher.“ Das gelte auch für die Ultraschallsensoren, die an den Seiten angebracht sind und beispielsweise vor Fußgängern warnen würden. Besonders in der Innenstadt könnten dadurch viele Unfälle, insbesondere mit Fahrradfahrern, vermieden werden.

Auch mit Kameras ist der ehemalige Zeitsoldat in seinem 2,30 Meter breiten Führerhaus gut bestückt: Insgesamt vier schwarze Monitore, die aussehen wie etwas größere Navis, zieren den Bereich hinter dem Armaturenbrett. Kontrolliert wird dabei alles, was um den Laster herum passiert. Neueste Errungenschaft und erst zwei Tage zuvor eingebaut: Eine Kamera für den „toten Winkel“, die ­Anton Klott, technischer Leiter von Edeka Südbayern, eigens entwickelt hat.

Zurück auf der Strecke: Bevor Häußler nach knapp zweieinhalb Stunden Gaimersheim erreichen wird, muss er nämlich einige Umwege nehmen. Den ersten schon kurz vor Augsburg – die Fuggerstadt ist nämlich nicht Teil des 11.600 Straßenkilometer umfassenden Lang-Lkw-Streckennetzes, das den Fahrern zur Verfügung steht. Über verschiedene Nebenstrecken führt der Weg anschließend auf die B300 und von dort nach Ingolstadt.

Damit Karlheinz Häußler vor einigen Jahren auf den Lang-Lkw wechseln durfte, hatte er einige Auflagen zu erfüllen. Mindestens fünf Jahre Berufserfahrung musste er per Gesetz vorweisen. Und auch Edeka selbst stellte Ansprüche an seine Fahrer: Jeder Fahrzeugführer eines Gigaliners wurde speziell geschult, vor allem in Theorie und Praxisübungen im Rangieren. Ferner darf der Fahrer in Flensburg keine Punkte in seiner Kartei stehen haben.

Mit all den Auflagen und technischen Finessen, die der Laster aufweist, ist Häußler überzeugt: „Der Lang-Lkw ist wesentlich sicherer als die meisten normalen Lkw. Die Angst schüren die Menschen selbst oder die Medien.“

Anders sieht das der ADAC: Er hält die Gigaliner schlichtweg für „ungeeignet“, aber „der Automobilclub vertritt halt die Meinung seiner Autofahrer“, vermutet Häußler. Weitere Gegner der Lang-Lkw sind die Befürworter des Eisenbahngüterverkehrs – beispielsweise die „Allianz pro Schiene“. Sie moniert, die „Monstertrucks“ würden die Sicherheit für Fußgänger und Fahrradfahrer gefährden und auch in Tunneln sei ein Lang-Lkw ein Risikofaktor – wegen einer schnelleren Brand­entwicklung gesetzt den Fall, dass die transportierten Güter Feuer fangen würden.

Spritsparender Gigant

Die Pro-Seite für die 25 Meter-Riesen belegt ihre Meinung anhand verschiedener Zahlen. Edekas technischer Leiter, Anton Klott, erklärt: „Zwei Lang-Lkw ersetzen bei uns nun drei herkömmliche Sattelzüge.“ Dadurch, dass jede dritte Fahrt wegfalle, spare man über 30 Prozent Sprit – bislang schon etwa 1,6 Millionen Liter. Den Kritikpunkt, Lang-Lkw würden den Asphalt einer höheren Belastung aussetzen, weist Klott als „Schein­argument“ zurück. Schließlich dürften die Gigaliner ebenso wie die bis zu 18,75 Meter langen Laster 44 Tonnen nicht überschreiten. Und da sich das Gewicht sogar auf bis zu acht Achsen anstatt der bei kleineren Modellen üblichen fünf Achsen verteile, sei die Bodenbelastung durch die Gigaliner sogar geringer.

Durch die Gewichtsbegrenzung komme die Nutzung der überlangen Gefährte auch nicht in allen Branchen infrage – bislang profitieren primär Automobilzulieferer und die Lebensmittelindustrie. Häußler beispielsweise hatte an seinem Arbeitstag Chips, Zigaretten und Drogerieartikel mit an Bord – summa summarum gerade einmal 34 Tonnen. Diese muss er nach der Ankunft in Gaimersheim noch von der Ladefläche bringen. Damit er Sattelzug und Anhänger nicht separat entladen muss, zeigt er einen letzten technischen Trick. Auf Knopfdruck lassen sich beide Teile zu einer „Tunnelstellung“ verbinden. So kann Häußler seine gesamte Lieferung in einem Aufwasch in die Lagerhalle umladen, bevor er nach neun Stunden auf dem Bock die Heimfahrt antritt.

Anton Klott ist von den Gigalinern begeistert. Zwar stünden für Edeka Südbayern noch letzte Untersuchungen aus, bis auch hier der Regelbetrieb unter Dach und Fach sei. Allerdings blickt der technische Leiter „sehr optimistisch“ auf die nahende Entscheidung. Und dann, so sei der Plan, möchte er zu den bisherigen drei Lang-Lkw, die Edeka bisher im Einsatz hat, in Kürze zwei weitere zukaufen – zum Preis ab etwa 150.000 Euro pro Lkw.

Marco Tobisch

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