„Leben Eduard II“ im Landsberger Stadttheater

Eddis Weib mit dem Bart im Gesicht

Ménage à trois: König Eduard II
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Ménage à trois: König Eduard II (Laurenz Wiegand, rechts) mit Geliebtem Gaveston (Mark Harvey Mühlemann) und Ehefrau Königin Anna (Magdalena Thalmann).
  • Susanne Greiner
    VonSusanne Greiner
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Landsberg – England, Könige, Mord, Intrigen ... und Sex! Berthold Brechts „Leben Eduards des Zweiten von England“ ist derb – und zugleich ergreifend. Es erzählt die Liebe Eduards II zu Gaveston, „des Fleischhauers Sohn“. Aber wenn ein König im tiefsten Hochmittelalter einen Mann liebt, und das ganz offen, ist Leiden vorprogrammiert. Das Neue Globe Theater aus Potsdam, in Landsberg für seine deftigen Inszenierungen bekannt (siehe „König Lear“ vor drei Jahren) schenkte dem Stoff Aktualität, ohne die Geschichte ins Jetzt zu quetschen. Ein intensives Erlebnis, spannend und mitreißend – trotz knapp zweieinhalb Stunden Spieldauer.

„Ich komme!“, schreit Gaveston zweideutig eindeutig. „Ein König reißt sich um meine Freundschaft“. Genauer gesagt, seine Liebe. Und die zelebriert Eduard mit ihm auch gleich unterm weißen Laken, begleitet zu „Nights in White Satin“. Ach ne, wie kitschig, sensationsheischend, platt, ist man versucht zu denken. Aber nein. Des Königs Satz „Ich falle oder leb mit Gaveston“ glaubt man ihm in all seiner Tiefe. Schon von Anfang an überzeugen die Schauspieler mit einer ‚echten‘ Darstellung. Und diese Prägnanz, die nicht auf Effekte, sondern auf Da-Sein zielt, trägt die gesamte Aufführung des siebenköpfigen Ensembles.

Dabei holt die Truppe ihr Publikum schon vor Stückbeginn ins Boot. Während der Zuschauer noch Sekt schlürft, bietet ihm der Erzabt von Coventry wohlfeil ein Programmheft an. Hinter dem Erzabt steckt Andreas Erfurth, Mitbegründer des Neuen Globe. Aber wer verkauft hier jetzt? Erfurth oder der Kirchenmann? Das Durchbrechen der Trennlinie Schauspieler/Figur legt einen Schalter um. Schafft Shakespeares „unteilbare Bühne“, verhindert Beobachtung, lädt zum Eintauchen ein.

Die Geschichte über die Liebe des englischen Königs zu einem Mann und über eine Gesellschaft, die Homosexualität nicht duldet und deshalb das Liebespaar letztendlich tötet, kommt im freien Vers daher. Nicht wirklich Umgangssprache. Regisseur Kai Frederic Schickel flicht nur wenige moderne Zeilen ein. Dennoch wirkt die Sprache nicht schwer, was ebenfalls an den intensiv spielenden Darstellern liegt. Besonders Laurenz Wiegand als Eduard, der vom sorglosen Jüngling zum Rachegott und schließlich zum aufrechten Liebenden wird, überzeugt in seiner Entwicklung.

Bühne ohne Bühnenbild

Brechtsche Verfremdung mit Distanzeffekt gibt es dennoch. Da ist das Bühnenbild (Schrickel), das eigentlich keines ist: ein länglicher Holzaufbau dient als Falltür, Kloake, Fluss oder Saunaliege. Später wird noch Gavestons Galgen aufgebaut. Aber mehr gibt‘s nicht. Kein London im Hintergrund, kein Westminster. Das hilft bei der Konzentration auf das, worauf es ankommt: auf die Menschen und die Worte.

Gesprochen wird meist solo, manchmal aber auch im Chor, durchs Mikro am Bühnenrand stehend. Hintergrund erzeugen die schauspieler mittels Beatboxing. Geräusche werden simuliert, wenn beispielsweise Eduard als ‚Ritter der Kokosnuss‘ auf die Bühne klappert – eine der wenigen Witzeinsprenkelungen.

Neben diverser Popsongs fungiert ein Erzähler mit E-Gitarre (Marius Mik) als sprechender Zwischentitel, ordnet das Geschehen historisch ein, gibt einen Überblick über die Ereignisse. Manchmal überbrückt er Jahrzehnte, manchmal prasseln die Ereignisse im Stundentakt: keine einheitlich strömende Zeit. Uns wird etwas gezeigt, wir erleben es nicht selbst.

Erzählt wird aber aus der Sicht eines Zeitzeugen. Denn Mik ist auch Eduards Sohn, der spätere Eduard III. Dabei trägt er seine Krone, die ihn auch als Erzähler ziert. Schrickel lässt uns durch diese Einheit – im Programmheft ist der Erzähler nicht als eigene Person aufgeführt – mitten ins Geschehen eintauchen.

Zeitgemäß ist das Stück allein durch die Thematik: Homosexualität ist heute in einigen Kulturen und Gesellschaften Tabu oder strafbar. Klischees haben sich in unseren Köpfen festgesetzt, nicht nur in Bezug auf Homosexualität. Sie werden im Stück aufgegriffen, hauptsächlich in der Ausstattung (Hanna Hamburger): Da sitzen Eduard und Gaveston in der Sauna mit goldenen, engen Höschen. Wenn sie in den Krieg ziehen, tragen sie Slips mit Englandfahne. Ebenso aber auch das Klischee der Königin Anna (Magdalena Thalmann), die von der demütigen und gedemütigten Gattin zum Racheengel mutiert – und vom güldenen Gewand zum schwarzen Dessous wechselt. Maxim Aigné zeigt Intrigant Mortimers Potenz, wenn er gleich beim ersten Auftritt vom Erzbischof beim Onanieren erwischt wird – bevor es dann um Machtspielchen geht.

Klischees helfen den Menschen bei der Einordnung. Sie versperren aber auch die Sicht auf das, was hinter ihnen steht. Das war im 14. Jahrhundert so – und ist heute nicht anders. Ein weiterer Aspekt, der das Stück ins Jetzt holt.

Im Zentrum steht der Mensch im Zwiespalt zwischen Wunsch und Rolle. Und so bildet Annas Satz, fast am Ende des Stückes gesprochen, fast die Essenz: „Es gibt nichts Entmenschlichteres als kaltes Urteil und Gerechtigkeit.“ Ein Trost, dass Eduard am Schluss von Auftragsmörder Lightborn zu Tode geküsst wird. Sein realer Tod war bestialisch.

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