Herausforderung auf allen Ebenen:

Erster Corona-Fall in Landsberger Flüchtlingsunterkunft

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In der Landsberger Flüchtlingsunterkunft Hermann-Köhl-Straße (Foto) gibt es einen ersten Corona-Fall. Der Infizierte ist isoliert, die anderen Bewohner in Quarantäne. Eine offizielle Bestätigung vom Landratsamt gibt es nicht – Persönlichkeitsschutz.

Landkreis/Landsberg – Was passiert, wenn Covid-19 in einer Gemeinschaftsunterkunft wie einem Flüchtlingsheim ausbricht, mag man sich kaum vorstellen. Prävention ist aber nicht so einfach: Abstand halten, Kontakte vermeiden – in Unterkünften mit Hunderten von Geflüchteten ist das kaum möglich. Aufgrund der beengten Zustände und der oft nicht optimalen hygienischen Bedingungen ist das Virus hier eine besondere Gefahr. Auch im Landkreis Landsberg stellt die Corona-Krise Bewohner und Helfer von Flüchtlingsunterkünften vor besondere Herausforderungen. Denn jeder weiß: Wenn das Virus eintreffen und sich weiter ausbreiten würde, ist die Lage nur schwer unter Kontrolle zu bringen.

Immer mehr Bewohner von Asylunterkünften in Deutschland werden positiv auf Corona getestet. Die Pandemie verunsichert viele Heimbewohner – besonders die, die unter Quarantäne stehen. Die Zahl der infizierten Asylbewerber in Bayern beträgt laut Innenministerium im Moment 106. Das betreffe sowohl Ankereinrichtungen als auch Gemeinschaftsunterkünfte, so Pressesprecher Oliver Platzer. In einer Zeit, in der soziale Kontakte auf das Minimum reduziert werden müssen, selbst kleinere Menschenansammlungen verboten und Schulen geschlossen sind, müssen in Flüchtlingsunterkünften Menschen auf engstem Raum zusammen leben. Das steigert ihr Risiko von Infektionskrankheiten massiv.

Auch aufgrund der meist gemeinschaftlichen Nutzung von Bädern, Küchen und anderen Flächen seien die in den Sammel­unterkünften untergebrachten Menschen besonders gefährdet, sich mit dem Corona-­Virus zu infizieren, gibt eine Erklärung der Flüchtlingsräte zu bedenken. Die durch die enge Belegung fehlende Privatsphäre verstärke die Unsicherheit noch. Damit gebe es enorme Konfliktpotenziale. Oft entstehen Unruhen und Tumulte.

Erster Fall in Landsberg?

Nach Informationen aus zuverlässigen Quellen gibt es einen ersten bestätigten Corona-Fall in einer Landsberger Flüchtlingseinrichtung – in der Hermann-Köhl-Straße. Der Infizierte sei isoliert worden, heißt es, alle anderen Anwohner der Einrichtung bereits in Quarantäne; sie dürften derzeit nicht zur Arbeit. Offiziell bestätigt ist diese Information bislang nicht. Das Landratsamt Landsberg verhalte sich im Falle einer in einer Flüchtlingsunterkunft vorlie­genden Corona-­Infektion wie bei allen anderen positiv getesteten Fällen auch, gibt Behördensprecher Wolfgang Müller auf Anfrage des KREISBOTEN zu verstehen. Und starte die gleichen Prozesse, ohne darüber zu informieren.

Stand Dienstagvormittag gibt es seit Beginn der Corona-Krise 231 positiv getestete Personen im Landkreis. „Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes gibt das Landratsamt weder Gemeinde, schon gar nicht den genauen Wohnort von positiv getesteten Personen oder Kontaktpersonen KP1 bekannt“, so Müller. Das Verfahren der Gesundheitsämter laufe immer gleich ab: Die positiv getesteten Personen werden isoliert, die Kontaktpersonen 1 getestet und gegebenenfalls in Quarantäne beordert. Die genauen Maßnahmen würden sich dabei je nach Größe und Lage der Wohnung, der Firma oder der Unterkünfte unterscheiden.

Wie verhalten?

Eine Gemeinschaftsunterkunft sowie sieben dezentrale Unterkünfte gibt es derzeit in Landsberg. Hier leben circa 250 Asylbewerber und anerkannte Flüchtlinge. Sowohl in der staatlichen Unterkunft als auch in den vom Landratsamt betriebenen dezentralen Unterkünften wird derzeit viel getan, um die Bewohner über das Corona-Virus und die notwendigen Verhaltensweisen in der Ausgangsbeschränkung zu informieren. Entsprechende Aushänge, Informationen, Vorgaben sowie Hygiene-Anleitungen in verschiedensten Sprachen wurden in den Flüchtlingsheimen angebracht und verteilt.

Dies jedoch mit anfänglichen Startproblemen, wie der KREISBOTE jüngst berichtete: Ein Aushang, den die Flüchtlinge zunächst in englischer Sprache vorfanden, klang eher bedrohlich als informierend. Die Informationen müssten jedoch sowohl von der kommunikativen als auch von der inhaltlichen Seite passen, meint Stadtrat Jost Handtrack. Der Referent für ausländische Mitbürger unterbreitete umgehend Verbesserungsvorschläge, die größtenteils aufgenommen worden seien. Nun gebe es einen verbesserten und erweiterten Aushang – aber es fehle immer noch ein wichtiger Punkt: Nämlich der Aufruf, innerhalb des gemeinsamen Hausstandes an die frische Luft zu gehen, draußen Sport zu treiben oder spazieren zu gehen. Das helfe nämlich, einem Lagerkoller vorzubeugen. Meist teilen sich drei Geflüchtete ein Zimmer – diese könne man als gemeinsamen Hausstand deklarieren.

Als zusätzliche Informationsquelle für Geflüchtete dienen die Homepages der beratenden Hilfsstellen. So sind etwa auf der Seite des Bayerischen Roten Kreuzes mit der Veröffentlichung des MiMi-Programms – Gesundheit mit Migranten für Migranten – wesentliche Hinweise zu Schutzmöglichkeiten, Quarantäneregeln und Wissenswertes zum Corona-Virus in 15 verschiedenen Sprachen zusammengefasst. Zudem gebe es von Ehrenamtlichen ins Leben gerufene Internetportale oder Facebook-Seiten, die den Geflüchteten jedoch nach Auffassung von Jost Handtrack nur bedingt nützen würden. „Zu viele Informationen überfordern sie, da sie sich den für sie relevanten Input erst herausfiltern müssen. Die entsprechenden Details sollten besser kurz und bündig aufbereitet und übermittelt werden.“

Bisher hat es offenbar keine massiven Verstöße gegen die Vorgaben gegeben, teilt die Polizei Landsberg mit. Allerdings prüfe die Polizei auch nicht proaktiv das Verhalten der Bewohner in Flüchtlingsunterkünften, sondern müsse bei besonderen Vorkommnissen herbeigerufen werden.

Kontakte vermeiden

Persönliche Besuche, etwa von Mitarbeitern der Flüchtlingsintegrationsberatung des BRK oder der Diakonie, sind derzeit in den Unterkünften aus Sicherheitsgründen nicht mehr erlaubt. Beratungen finden ausschließlich per Telefon, E-Mail oder über soziale Medien statt. „Für die Dauer der Rechtsverordnung ist der Zutritt ausschließlich dem auf dem Gelände regelmäßig tätigen Personal sowie den in der jeweiligen Einrichtung untergebrachten Personen gestattet“, erklärt Wolfgang Müller. Nicht in der Einrichtung regelmäßig beschäftigten Personen – etwa Besucher, Ehrenamtliche, Rechtsberater, Wohlfahrtsverbände – sei der Zutritt laut einer Weisung des Bayerischen Innenministeriums grundsätzlich nicht gestattet, um das Infektionsrisiko zu minimieren. Ausnahmen seien gegebenenfalls Begleitungen bei einem Termin beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Herausforderungen gibt es nicht nur beim Umgang mit den Geflüchteten, sondern auch mit den Behörden. Persönliche Kontakte gilt es möglichst zu vermeiden. „Das Amt für Integration, Ausländerbehörde und Asylangelegenheiten ist telefonisch unter der Hotline-Nummer 08191/129-1252 erreichbar“, so Müllers Hinweis. „Anfragen werden telefonisch und per E-Mail beantwortet. Anträge können auf dem Postweg oder per E-Mail zugesandt werden.“ Eine Terminvereinbarung sei jedoch in wichtigen Angelegenheiten möglich. Der gesamte Prozess wird damit insgesamt langwieriger.

„In diesen Zeiten sind solche bürokratischen Vorgänge eine besondere Herausforderung“, meint Heike Roletscheck, Migrationsberaterin Evangelischer Gemeindeverein Kaufering Diakonie Bayern. „Viele bisherige Vorgehensweisen funktionieren nicht mehr. Man muss kreativ und quer denken, damit wir die Verwaltungsakte so hinbekommen, dass die Menschen hier weiterhin ihre Existenz aufrechterhalten können.“ Auch das Zusammenspiel der Behörden untereinander sei problematisch und etwas zäh. „Ich hoffe, dass sich diese Strukturen nach der Krise verbessern.“

Es zeigt sich: Das Leben in Flüchtlingsunterkünften in Zeiten von Corona birgt Herausfor­derungen auf allen Ebenen. Die zu bewältigen, ist für alle Beteiligten nicht einfach. Ein Miteinander und ein „gemeinsam Helfen“ sind auch hier wichtig. Sollte das Virus in einer Einrichtung angekommen sein, ist es sicher wichtig, Ruhe zu bewahren und besonnen zu handeln, um die Situation in den Griff zu bekommen. Auch hier sollte Information und Kommunikation groß geschrieben werden, um Unsicherheiten und Tumulte zu vermeiden.
Andrea Schmelzle

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