Gewöhnlich ungewöhnlich

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Die JVA in Landsberg beherbergt nicht nur Kriminelle – dort wird auch dafür gesorgt, dass den Häftlingen ein Leben nach dem Vollzug schmackhaft gemacht wird.

Landsberg – Gewöhnlicher Job, mit ungewöhnlichem Arbeitsort. Peter Fuchs und Ludwig Kaiser sind Lehrer, allerdings nicht an einer Schule, sondern in der Justizvollzugsanstalt Landsberg. Damit helfen sie den Häftlingen, so dass aus dem Vollzug zumindest einen Schulabschluss mitnehmen können.

Ruhig geht es auf dem langen, fensterlosen Gang zu, zwei junge Männer tauschen ein paar Worte aus, ein freundliches guten Morgen. Von weitem schon hört man das Klappern der vielen Schlüssel, die der Lehrer, befestigt durch eine silberfarbene Kette, am Hosenbund trägt. Vor dem Klassenzimmer unterhalten sich einige Schüler, ein junger, dunkelhaariger Mann lehnt lässig an der Wand, ein anderer stützt sich mit der rechten Hand am Türrahmen ab, von dem der gelblich gewordene Lack längst abblättert. Alle Schüler tragen die gleiche Kleidung aus dunkelblauen Hosen und dazu entweder ausgewaschen wirkende grüne Hemden, oder blaugraue einfache Baumwollpullover. Es ist kurz nach halb acht Uhr an einem Freitagmorgen – höchste Zeit, den Unterricht zu beginnen. „Herr Fuchs, wissen Sie was? Man hat mir meine Schuhe geklaut“, erzählt der Schüler, der gerade noch an der Wand lehnte. Mathelehrer Peter Fuchs antwortet trocken: „Das müssen Verbrecher gewesen sein, hier geht es ja zu wie im Knast.“ 

Peter Fuchs

Alle jungen Männer lachen, denn sie sind keine normalen Schüler, sondern Inhaftierte in der Justizvollzugsanstalt Landsberg am Lech. Und sie wohnen auch keinem normalen Schulunterricht bei, sondern bereiten sich mit dem Kurs im Gefängnis auf die Prüfung zum Qualifizierten Hauptschulabschluss vor. Der Kurs wird jedes Jahr angeboten sagt Fuchs, das Interesse sei groß. Zunächst bewerben sich die Häftlinge, dann müssen sie einen Einstellungstest machen und sich in einem persönlichen Gespräch mit Lehrern und Psychologen bewähren, um einen der höchstens zwölf Kursplätze zu bekommen.

Mit viel Geduld

Fuchs schreibt auf die verschmierte Tafel ein Beispiel zur Zinseszinsrechnung und die dazugehörige Formel. Die acht Schüler hören aufmerksam zu, alle haben den Blick konzentriert nach vorn gerichtet, anschließend schreiben sie die Aufgabe eifrig in ihr Heft. Gerechnet wird dann am Computer, der Bildschirm des Lehrer-PCs ist mittels Beamer an die Wand projiziert. Fuchs kann die Tabellen jedes Schülers auf seinem Computer öffnen und kontrolliert die Rechenwege. Der Gefangene am vordersten Computer ist sich unsicher, er runzelt die Stirn und meldet sich zögerlich. Mit viel Geduld erklärt der Lehrer die Aufgabe und den Rechenweg noch einmal, seine Stimme bleibt dabei ruhig und sachlich. Der Schüler nickt mit hochgezogener Augenbraue über den wachen, braunen Augen und macht sich wieder ans Werk. „Das Unterrichten fordert hier noch viel mehr Fingerspitzengefühl als draußen“, erklärt Fuchs. Man merke allerdings auch, dass man es mit erwachsenen Menschen zu tun habe, die freiwillig lernen. Drei Lehrer unterrichten in der Landsberger JVA, der dienstälteste ist Ludwig Kaiser. Seit 20 Jahren hilft er den Gefangenen in Geschichte, Sozialkunde und Erdkunde auf die Sprünge. Aus dem gewöhnlichen Lehrer-Job wird im „Zuchthaus“, wie Kaiser gerne sagt, aber rasch ein ganz ungewöhnlicher Beruf. Jeder Lehrer kümmert sich um viel Organisatorisches, etwa um Fortbildungsangebote, Schulungen oder IHK-Weiterbildungen für die Insassen. Kaiser und seine Kollegen unterstützen die Häftlinge beim Beantragen von Büchern und Lernmaterial. Außerdem beschaffen die Lehrer den Insassen Ausbildungsplätze in der gefängniseigenen Lehrwerkstatt. Diese befindet sich in Rothenfeld und dort können junge Männer während ihrer Haftstrafe den Beruf des Zerspanungsmechanikers lernen. Teilweise können die Gefangenen auch einen Ausbildungsplatz in externen Einrichtungen bekommen. Durch die vielen verschiedenen Aufgaben „ist mir hier nie langweilig“ versichert Kaiser fröhlich, seine Augen sind dabei von vielen Lachfalten umrahmt.

In das kleine Zimmer, weit ab vom langen kahlen Gang, auf dem sich die Zellen befinden, kommt ein Gefangener. Der große junge Mann setzt sich auf den Stuhl gegenüber von Ludwig Kaiser, legt vorsichtig eine durchsichtige Mappe mit einer handvoll Papieren auf den alten, ansonsten leeren, Schreibtisch und faltet die Hände vor seiner Brust. Er sagt zu Kaiser, dass er gerne Koch werden möchte, er habe einen Abschluss und arbeite auch schon in der Gefängnisküche. Ein- bis zweimal pro Woche trifft sich Kaiser zur Sprechstunde mit Häftlingen und bespricht mit ihnen, welche Fortbildungsmöglichkeiten sie hinter Gittern haben. Während der Mann sein Anliegen vorträgt, sieht Kaiser ihm aufmerksam in die Augen, die Brille sitzt ganz vorn auf der Nase, er macht sich Notizen. Der Gefangene hat ein sattes Vorstrafenregister, er sitzt wegen eines Raubüberfalls. „Mein Bruder hat sich das Leben genommen“, erklärt er mit zitternder Stimme. „Dann bin ich abgestürzt.“ Dass er Koch werden will, wusste er bereits seit Längerem: vor der Haft arbeitete er in einer Wirtschaft und hat daher auch ein Arbeitszeugnis dabei. „Ich lerne jeden Tag auf meiner Zelle selbständig für die Berufsschule.“ Kaiser schlägt vor, einen Beratungstermin mit der Agentur für Arbeit zu vereinbaren. „Einer Ausbildung steht aber grundsätzlich nichts im Wege“, erklärt der Lehrer. Kaiser arbeitete, bevor er im Landsberger Gefängnis anfing, 18 Jahre lang an einer Hauptschule. „Ich war sehr gern an der Schule tätig, aber ich habe die Zeit hier nie bedauert.“ Er gehe gerne zur Arbeit, auch wenn sie hinter Gittern selbstverständlich ganz anders sei als an einer normalen Schule. Von dort habe er die Sorgen der Schüler und Eltern oft mit nach Hause genommen und darüber gegrübelt. „Jetzt lasse ich die Arbeit hinter mir, wenn ich abends durch die Sicherheitsschleuse nach draußen gehe.“ Seine Schützlinge seien zwar alle Straftäter, aber Kaiser sehe auch den Menschen in ihnen. Er versuche mit den Gefangenen, auch wenn es Verbrecher sind, auf Augenhöhe zu bleiben. „Die Insassen werden immer von mir gesiezt und mit Herr angesprochen.“

"Das hat mir gut getan"

Schlechte oder gar schlimme Erfahrungen machte Kaiser als Lehrer im Knast nicht häufig, die schönen Erlebnisse überwiegen. Einmal etwa gab es einen Gefangenen, der wegen versuchten Mordes einsaß. Der Häftling wollte im Gefängnis eine Ausbildung beginnen, hatte aber keinen Schulabschluss. „Nach ein paar Tests mit ihm haben wir festgestellt, dass er gar nicht dumm ist.“ Kaiser half dem Mann in Mathematik und gab ihm Einzelunterricht. Die Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker in Rothenfeld bestand der Gefangene dann in allen Fächern – sogar mit ausgezeichneten Noten. „Jemand, der von sich selber glaubt er sei dumm, schafft es dann die Ausbildung mit 'sehr gut' abzuschließen “, sagt Ludwig Kaiser. „Das hat mir als Lehrer gut getan.“

Janina Bauch

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