"Lehrer sind keine Allzweckwaffen"

Nicht erst seit der umstrittenen Einführung des achtstufigen Gymnasiums ist das Thema Bildung in aller Munde. Für die Veranstalter des neuen Diskussionsforums „Zukunft gestalten“ war dies Grund genug, bei ihrer Auftaktveranstaltung nach Visionen und Konzepten für die Zukunft des Rohstoffes Bildung zu suchen. Rund 30 Interessierte verfolgten in der vergangenen Woche im Sitzungssaal des Landsberger Rathauses, wie Thomas Aigner, Schulleiter des Landheims Schondorf, German Denneborg, Ministerialdirigent im bayerischen Kultusministerium, und Unternehmer Günter Veit angeregt über aktuelle und zukünftige Entwicklungen und Problemstellungen diskutierten.

So forderte Aigner, den Bildungsbegriff um den Erziehungsbegriff zu erweitern. Denn ein Abitur mit dem Notenschnitt 1,0 qualifiziere allein noch lange nicht für die Herausforderungen in der Wirtschaft. Vielmehr müsse die Persönlichkeitsentwicklung in den Mittelpunkt gerückt werden, erklärte Aigner, der damit auf Zustimmung bei Veit traf. Der Inhaber eines weltweit operierenden Unternehmens mit Haupt­sitz in Landsberg berichtete von seinen Erfahrungen mit Auszubildenden, die teils grund­legende Tugenden wie Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit oder Höflichkeit nicht mehr mitbringen würden. Unzufrieden zeigte sich Veith auch mit dem deutschen Bildungssystem, das je­- dem Bundesland sein eigenes Schulsystem zugestehe und so den Wohnortwechsel erschwere. „Von mir aus könnte man alle Kultusministerien bis auf eines in Berlin abschaffen.“ Zu wenig investiert Dies sah German Denneborg freilich anders, denn in diesem Fall würde das hohe bayerische Bildungsniveau auf den bun­des­deutschen Durchschnitt absinken, gab der Ministerialdirigent zu bedenken. Überhaupt sieht Denneborg das bayerische Bildungswesen auf einem guten Weg. Man habe ein stabiles Schulsystem mit verbindlichen Lehrplänen. Nur 6,5 Prozent der Schüler verließen die Schule ohne Abschluss. Zugleich werde in Bayern seit 15 Jahren überproportional in die Bildung investiert. Dass jedoch selbst das nicht ausreiche, gab auch der Ministerialdirigent zu. Besonders was die Ausbildung der Lehrer angeht, sieht Aigner Nachholbedarf. Noch immer sei diese bei Gymnasiallehrern zu wissenschaftlich orientiert. Viele Kompetenzen, wie man beispielsweise mit unterschiedlichen Leistungsständen in einer Klasse umgehe, würden erst im Laufe der Praxis vermittelt. Vor allem mit Blick auf die zunehmende Zahl von Schülern mit Migrationshintergrund müsse zukünftig viel kräftiger in die Lehrerweiterbildung investiert werden als bisher, forderte Veit. Denn immer mehr müsse die Schule Aufgaben übernehmen, die früher den Familien oblag. Für Denneborg geht das zu weit: „Lehrer sind keine All­zweckwaffen und auch keine Therapeuten“, stellte er fest. Gerade was die Integration von Migrationskindern angeht, muss sich laut Aigner der Fokus auf die Kindergärten richten. Dort biete sich eine große Chance, das Problem zu lösen. „Dort muss investiert werden.“ G8 ist Dauerthema Dass den Eltern das Vertrauen in das Schulsystem fehlt, wie der Ministerialdirigent bedauernd feststellte, machte sich auch in der offenen Diskussion bemerkbar. Vor allem das achtstufige Gymnasium erregt auch sechs Jahre nach seiner Einführung die Gemüter. Ein ehemaliger Gymnasiallehrer sprach von einem „bildungspädagogischen Amoklauf“ des damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber. Andere klagten über die Überforderung der Schüler und zu hohen Stundenausfall. Ginge es nach Veit, wäre das staatliche Schulmodell ohnehin bald passé: Er schlug vor, den Staat in Sachen Bildung gleich ganz zu entmachten und so den Wettbewerb der Schulen untereinander wie in der freien Wirtschaft zu fördern.

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