"Liebe auf dem ersten Blick"

„Es war Liebe auf dem ersten Blick“, sagt Sonja Fischer, wenn sie darüber spricht, warum für die gebürtige Rheinländerin gerade das oberbayerische Landsberg zur Wahlheimat wurde. Es war die alte Geschichte: Den Ehemann führt es beruflich nach München, und die junge Familie sucht ein neues zu Hause, eines, wo man mit Kindern gut leben und auch arbeiten kann – im Neuen Stadtmuseum etwa, das Sonja Fischer ab 1. Oktober leiten wird.

Nein, man habe sich nicht lange um­schauen müssen. Landsberg mit der ausgezeichneten Wohn- und Lebensqualität sei es sofort gewesen, erinnert sich Fischer. Auch der Fluss in der Stadt spiele eine Rolle, der für sie das Prinzip „Leben kommt und zieht weiter“ widerspiegelt. Sie werde an Bonn beiderseits des Rheins erinnert. In Detmold geboren, ist Sonja in der Nähe der heutigen Bundesstadt aufgewachsen, hat dort studiert und die ersten beruflichen Erfahrungen gesammelt. Sonja Fischer schrieb sich an der Universität Bonn für Alte Geschichte, Latein, klassische Archäologie und Politik ein. „Für Politik habe ich mich ohnehin immer interessiert und Alte Geschichte ist dem Heute sehr, sehr viel näher als beispielsweise das Mittelalter“, findet die 40-Jährige. Ihr erster Arbeitsplatz im renommierten Rheinischen Landesmuseum Bonn mit seiner 180-jährigen archäologischen und kunsthistorischen Forschungs- und Publikations­tätigkeit war ganz nach ihrem Geschmack. So kann Sonja Fischer nach dem Wechsel nach Landsberg gleich ein „Gesellenstück“ abliefern. Sie trug maßgeblich dazu bei, dass das Museumsjahr 2006/’07 wohl zu einem der erfolgreichsten in der Geschichte des Neuen Stadtmuseums avancierte. Für die Ausstellung „Im Reich von Krokodil und Jaguar“ mit der einzigartigen Sammlung von über 300 Objekten in Keramik, Stein und Jade aus der vorkolumbischen Zeit Mittelamerikas leistete Fischer wissenschaftliche Unterstützung. Der damalige Museumsleiter Hartfrid Neunzert gerät fast ins Schwärmen. „Sorgfältig und kritisch“ habe Fischer einschlägige Literatur aus Costa Rica und Nicaragua ausgewertet, sodass in Gemeinschaftsarbeit ein wertvolles Begleitbuch zur Ausstellung entstehen konnte. Zudem entwickelte Fischer ein bis dahin einmaliges Begleitpro­­gramm, setzte es erfolgreich um und gewann Sponsoren. Vor allem das Schülerangebot stieß auf eine fulminante Resonanz. „Über 650 Kinder in sechs Wochen“ habe sie durch die Exposition geführt. Das zu keinem Lehrplan gehörende Thema „Ausgrabungen“ weckte einfach Interesse. Und da ist die künftige Leiterin des Neuen Stadtmuseums auch schon bei ihren Intentionen über die Ausstellungspolitik eines Museums, die zusammen mit dem Träger, also der Stadt, gestaltet werden müsse. Ein Fernstudium Kultur­management dürfte Impulse für neue Wege geliefert haben. Nicht aus der Retorte Dass der Spagat zwischen „anspruchsvolleren Besuchern“ und „schmäleren Budgets“ bewältigt werden muss, stehe fest. „Da kann es keine Konzepte aus der Retorte geben“, ist sich die Fachfrau sicher, die auf grundlegende strategische Überlegungen, auf Untersuchungen des Potenzials der Sammlung und auf wirtschaftliches Denken setzt. „Jedem Museum muss ein Profil gegeben werden. Wir müssen wissen, wo wir in zehn Jahren stehen wollen.“ Die designierte Museumsleiterin wird zwei Hebel ansetzen, die im angelsächsischen Raum längst gang und gäbe sind, in Deutschland jedoch bislang von ganz wenigen Museen praktiziert werden. Das gilt für Fundraising, auch Friendraising oder Funraising, für das die Übersetzung „Mittel-, Finanzmittelbeschaffung“ kennt. Im Gegensatz zum Sponsoring werden keine Gegenleistungen erwartet. Man tut Gutes, redet darüber und lädt andere dazu ein, an der guten Sache teilzuhaben, mit Geld- und Sach­- oder auch Zeitspenden, indem man sich selbst einbringt. „Das eröffnet Handlungsspielräume“, sagt Sonja Fischer. Zudem soll schon im Vorfeld einer Ausstellung, noch ehe die konkrete Projektierung beginnt, das Besucherinteresse untersucht werden. Beispielsweise in englischen Museen ist das sogenannte Scoring, ein analytisch statistisches Verfahren für möglichst objektive und zuverlässige Zukunftsprognosen, üblich. Damit dürfte für Museums­leiterin Sonja Fischer das erst­rangige Anliegen des „Vaters“ des Neuen Stadtmuseums, Hartfrid Neunzert, nämlich „die Beachtung der Bedürfnisse der Besucher“, auch ganz oben auf der Liste stehen.

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