Alles neu macht der Mai

Jedes Jahr ein frischer Maibaum in Ludenhausen

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Bis der Maibaum steht braucht es einiges an Vorbereitung.
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Bis der Maibaum steht braucht es einiges an Vorbereitung.

Ludenhausen – Die Schnur ist zu Ende – Zwangspause für Stefan Leyer. Der 36-Jährige muss einen Moment warten, bis er eine neue Rolle bekommt. Liegt aber bereits griffbereit, die Mädels wickeln seit einer Stunde emsig Schnur um Schnur auf Stöckchen. Denn direkt vom Knäuel kann Leyer schlecht wickeln: Beim Kranzwinden braucht man gute Spannung auf der Schnur. Die Fichtenzweige sollen schließlich sicher bei Wind und Wetter am Kranz in 30 Metern Höhe halten – selbst wenn der Maibaum kaum ein Jahr steht.

Richtig gelesen: ein Maibaum, der keine 365 Tage steht. Eigentlich sogar kürzer, in die Grube kommt an Weihnachten der Christbaum. Recht kurz für den Zeitaufwand, eine hohe Fichte zu schmücken und aufzustellen – der Holzpreis allein macht ein paar hundert Euro aus. In Bayern stehen Maibäume meist fünf Jahre – so lange das Holz nicht morsch wird. In dem kleinen Dorf Ludenhausen jedoch stellt man jedes Jahr am 1. Mai einen frischen Baum auf. Meist sogar den längsten weit und breit.

Federführend bei der Brauchtumsaktion: der „Jugendclub Ludenhausen“. Während sich andernorts Burschenverein oder Landjugend ums Aufstellen kümmert, macht es in dem 600 Einwohner-Dorf seit Jahrzehnten dieser etwas eigenwillige Verein: 140 Mitglieder, männlich wie weiblich. Konfession? Egal. Alter: zwischen 14 und 50 Jahre alt. Früher schied man per Heirat oder mit dem 26. Geburtstag aus – diese Regel gilt heute nicht mehr.

1965 wurde der Jugendclub Ludenhausen gegründet, 1984 bekam er offiziellen Vereinsstatus. Der Erste Vorsitzende Magnus Stork erklärt: „Man gründete damals keine Landjugend, da man gegenüber der Kirche keine Verpflichtungen eingehen wollte. Und die Gründer wollten keinen Burschenverein, um die Mädchen nicht fern zu halten“, sagt der 25-jährige Fachinformatiker. Eine Prise Säkularisierung und Emanzipation im Voralpenland.

Neben Skifreizeit, Kickerturnier, Herbstfete und Faschingsspektakel lautet die Hauptaufgabe des Clubs seit 54 Jahren einmal pro Jahr: der Maibaum. Was seinen Mitgliedern durchaus Zeit und Mühe abfordert. Fichtenzweige, die man hier „Dox“ nennt, werden aus dem Wald geholt und zurechtgeschnitten. Ein Baum wird gefällt und ins Dorf transportiert. Aufgestellt wird er per Hand mit Schwalben – da bringen sich die älteren Mitglieder ein. Auch die Zunfttafeln aus Holz und Blech müssen von Zeit zu Zeit erneuert werden.

Mühselig vor allem: das Winden der zwei Kränze und die Herstellung der rund 50 Meter langen Girlande mit Fichtenzweigen. „Zwei Wochen sind wir da beschäftigt“, schätzt der Zweite Vorstand Manuel Leppelt.

Am Ostermontag bei einem Feldstadel am Dorfrand: Zahlreiche Mopeds und Autos stehen herum, ein Dutzend Helfer sind gekommen. Fünf Burschen bereiten gerade viele hundert „Dox“ in der Scheune vor. Sie legen sie bereit, dass Phillip van Halsema sie mit einem Handgriff nehmen kann. Der 29-Jährige assistiert Leyer, der die Zweige an den großen Eisenring mit der Schnur umwickelt.

Seit einer Stunde steht er in dem Ring mit rund zweieinhalb Metern Durchmessern. Das wird noch einige Zeit so bleiben. „Du kannst beim Winden nicht abwechseln“, sagt Leyer. „Sieht man sonst später, weil jeder einen anderen Zug drauf hat.“ Anstrengend? Leyer winkt ab. Er ist als gelernter Zimmerer Arbeit mit den Händen gewöhnt.

Jedes Jahr die selbe Prozedur. Warum man in Ludenhausen jährlich einen Maibaum aufstellt, weiß keiner unter den jungen Leuten. „Weil wir es können!“, verkündet einer und erntet Gelächter. „Aus Tradition“, vermutet eine junge Frau. Richtig, aber welche? „Vielleicht, weil unser Baum nicht bemalt wird“, sagt der 20-jährige Leppelt. „Durch die Witterung ist er ab Herbst nicht mehr so schön.“ In Ludenhausen ist man stolz auf den Naturbaum – die Vereinschronik spricht von einem „schönen Gegensatz zu den vielen kitschig angemalten Bäumen der Umgebung.“

Der Jahresrhythmus bringt auch Vorteile. Ein Maibaum verlangt – wie viele Brauchtumsveranstaltungen – Veranstaltern in Sachen Haftung viel ab. Stork und Leppelt sind verantwortlich, dass nichts passiert – weder beim Aufstellen noch danach. Steht ein Baum länger als ein Jahr, muss ihn ein Holz-Sachverständiger prüfen. Ab dem dritten Jahr sogar ein öffentlich bestellter Fachmann. Das schafft Kosten – und Risiken, die man hier nicht hat.

Kein Glück beim Klauen

Ein weiteres Risiko bleibt beim Ludenhausener System auch niedrig: dass der Baum geklaut wird. Wer seinen Baum kunstvoll bemalt, muss ihn über Wochen bewachen. In der Phase kommt mancher abhanden. In Ludenhausen schneidet man jedoch den rund 40 Meter hohen Stamm eine Woche vor dem Aufstellen. Und holt ihn erst kurz vor dem 1. Mai ins Dorf. „Im Wald darf er nach den Regeln nicht gestohlen werden“, sagt Stork. Die letzten zwei Nächte liegt der Maibaum direkt an der Hauptstraße neben dem Kulturzentrum Happerger. „Die können es schon probieren“, sagt Leyer grinsend, während er unermüdlich den Kranz windet.

Seine Selbstsicherheit hat ihren Grund. Es ist noch nie jemandem gelungen, den Ludenhausener Maibaum zu stehlen. Legendär der Versuch der Thaininger: Sie wurden bei der Diebesaktion vom Mengle-Bauer überrascht. Der stimmte lautes Geschrei an, hängte sich kühn an die Baumspitze – und brachte so die Diebe aus dem Gleichgewicht. Ein Sieg, den die Baumbesitzer in einem Spottlied verewigten.

1950 scheiterten die Nachbarn aus Rott, die es mit einem Lkw versuchten. Sie wurden überrascht, wollten aber die Niederlage nicht akzeptieren. „Ein klarer Regelverstoß“, urteilt Stork heute. Der Kampf um den Baum entwickelte sich zur Schlägerei, die „lange dunkle Schatten auf das Verhältnis zwischen den Ludenhausener und Rotter Bürgern“ warf, wie man sich in der Festschrift zur Maibaumfeier 1976 erinnerte.

Auch 35 Mann aus der Gemeinde Reichling, die das kleine Ludenhausen heute mitverwaltet, wagten es. Zwar ließen sie den Traktor am Dorfrand stehen – wurden jedoch entdeckt. Die Flucht muss sich recht hastig gestaltet haben: Ein Spottlied mit dem Vers „Bei uns liegt nun manche Mütz“ erzählt, dass etliche Reichlinger Kopfbedeckungen auf Ludenhausener Flur verblieben. Schon klar: Das Verhältnis zu Reichling ist emotional.

Im selben Lied heißt es auch: „Gratis holen wir den Baum, aus des dunklen Forstes Raum.“ Ja tatsächlich, bestätigt Vorstand Stork: Ganz früher haben die Ludenhausener ihren Baum selbst nachts aus dem Abtsrieder Forst geklaut. Gern mal einen zweiten, mit dem man das Freibier bezahlte. Doch das ist lange her, der Jugendclub hält sich stets ans Gesetz. „Wir fragen bei der Bürgermeisterin in Reichling nach, ob die Gemeinde ihn uns bezahlt“, sagt Stork. Und so spendieren den Maibaum heute die Reichlinger – ausgerechnet.

Der darf aber nicht mickrig sein. In den vergangenen Jahren waren die Maibäume zwischen 36 und 42 Metern lang. Zwar oben mit einem Stahlring angestückelt. „Die Krone bricht oft beim Fällen“, erklärt Leppelt. Für die offizielle Länge zählt das dennoch – Ludenhausen hat schon viele hundert Liter Freibier bei Wettbewerben à la „Wer hat den Längsten“ gewonnen.

Mit knapp 40 gut dabei

Eine Woche vor dem 1. Mai, im Wald bei Reichlingsried folgt die Stunde der Wahrheit: Forstwirt Bernhard Pössinger, mit 48 Jahren einer der Senioren im Jugendclub, setzt die Motorsäge an. Das Fichtenmoped jault, nach fünf Minuten liegt der Baum. Stork legt das Maßband an und läuft über den Stamm. Ergebnis: 38 bis 39 Meter. „Damit brauchen wir uns nicht zu verstecken“, sagt er.

Bleibt nur zu hoffen, dass das gute Stück nicht zu schwer ist. 2018 überforderte der Baum mit etwa 3,5 Tonnen den Lkw-Kran. Denn: Zum händischen Aufstellen per Schwalbe muss er per Kran erst in den richtigen Winkel gebracht werden. „Aus der Patsche half uns damals Thomas Rauschmair mit seinem Manitou-Teleskoplader“, erinnert sich Leppelt. Besagter Mann ist ein Zimmerer aus Reichling – ausgerechnet.

Klaus Mergel

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