Die Knolle der Zukunft

Auf dem Geratshof gedeiht der Knoblauch

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Ludwig Holzapfel mitten im Knoblauchfeld des Geratshofs.

Ellighofen – Irgendwann hat es sich nicht mehr gelohnt. „Wir in Süddeutschland sind nur kleine Player.“ Ludwig Holzapfel ist Landwirt in dritter Generation. Bis vor sechs Jahren bewirtschaftete er den Geratshof klassisch: Weizen, Raps und Mais. „Jetzt ist es sehr, sehr schwierig, eine vernünftige Entlohnung aus der Fläche zu erwirtschaften.“ Schon 2012 nahm Holzapfel deshalb die Süßkartoffel ins Visier. Zum Retter wurde aber ein weitaus geruchsintensiverer Gemüsekollege: der Knoblauch. Inzwischen duften elf der insgesamt 120 Hektar Nutzfläche nach der weißen Knolle. Und machen zwei Drittel von Holzapfels Umsatz aus.

Erntezeit ist riechbar: Ein Hauch von Knob­lauch weht von Anfang Juni bis August um den zwischen Ellighofen und Unterdießen gelegenen Gerats­hof. Mal dezent, mal kräftig. Über eine Bürstenanlage werden die Pflanzen grob gesäubert, der Rest ist Handarbeit: Die Knollen werden von ihren äußeren Schalen befreit, die Wurzeln abgeschnitten. Und schließlich landen sie wie weiße Edelsteine in kleinen Kisten, darauf das Siegel „Geprüfte Qualität Bayern“. Entweder geht’s direkt zum Verkauf oder zum Trocknen in große Holzkisten, die zwei Hallen des Hofs füllen. Auch wenn inzwischen Maschinen helfen: Knoblauchanbau ist Handarbeit.

Knoblauch ist viel Handarbeit

Angefangen hat es mit Holzapfels Opa. Der kaufte den Hof in den 60ern, sanierte, baute die Gebäude aus. Bewirtschaftet wurde damals noch von München aus. Bis dann Holzapfels Vater samt seinen vier Brüdern und der Mutter hierher zog. Ab den 70ern arbeitete Holzapfels Vater schon auf dem Hof mit. Studierte dann aber noch Landwirtschaft und übernahm den Hof schließlich Mitte der 80er. Ludwig ist der mittlere von drei Söhnen. „Und der mit dem meisten Interesse an Landwirtschaft.“ Keine Frage, er will in die Fußstapfen des Vaters treten. Bis 2007 studiert er Landwirtschaft in Freising und arbeitet danach zwei Jahre auf dem Hof mit.

Erst mal Brasilien

Aber warten, bis der Vater ihm den Hof übergibt? „Ich musste erst ein bisschen Abstand bekommen. Überlegen, was ich jetzt genau wollte.“ Also ging der damals 28-Jährige 2009 für ein halbes Jahr nach Brasilien. Arbeitete bei einem Unternehmen für Biomassefeuerungen und bereiste das Land. Als er zurückkommt, ist er sich sicher. Landwirtschaft ja. „Aber ich wollte sofort die Entscheidungen treffen.“ Zum Glück kommt es auch Holzapfel Senior entgegen, dass Ludwig den Hof 2010 übernehmen will. „Das war ein Sprung ins kalte Wasser“, sagt er heute. Denn in die großen Schuhe der „eigentlichen Verantwortung“ – Buchführung, Darlehen, Investitionen, kurzum das Spiel mit den Zahlen – muss er erst hineinwachsen. Aber sein Vater lebt bis heute auf dem Hof und steht immer wieder mit Rat und Tat zur Seite.

Die klassische Landwirtschaft bröckelt. Dank Globalisierung ist die Konkurrenz für das klein­strukturierte Süddeutschland zu groß. Länder wie Russland können mit Preisen dienen, die für Holzapfel illusorisch sind. Also orientiert er sich um. Sein erster Griff ist die Süßkartoffel, ein Projekt, das er mit einem Freund angeht. „Dafür, dass wir keine Ahnung hatten, sind wir im ersten Jahr weit gekommen“, lacht Holzapfel. Die erste Charge Süßkartoffeln fault ihnen unter den Händen weg. Der zweite Versuch läuft besser. Die beiden setzen die Pflanzen in Handarbeit auf einen Kartoffelacker. Aber dann schlagen bei seinem Freund die Wühlmäuse zu, bei ihm frisst der Drahtwurm Löcher in die Knollen.

Hilfe aus der Schweiz

„Ich habe 2013 noch stiefmütterlich mit den Süßkartoffeln weitergemacht.“ Parallel dazu sucht Holzapfel nach Alternativen. „Wie ich auf den Knoblauch letztendlich gekommen bin, weiß ich gar nicht mehr.“ Aber der Boden bietet sich an: sandiger Lehm, keine Staunässe und inzwischen auch recht warm. „Ich hatte keine Ahnung, welche Sorte ich nehmen sollte. Damals gab es noch keinen Knoblauch aus Deutschland.“ Holzapfel macht einen Betrieb in der Schweiz ausfindig. Und der offenbart ihm die Knoblauchweisheiten – im Austausch gegen Ludwigs Wissen über Süßkartoffeln. Ein absoluter Zufall, „das hat perfekt gepasst.“

Aus der Schweiz bekommt Holzapfel 25 Kilo Pflanzgut-­Knollen. Per Hand fieseln sie die Knollen auseinander und stecken die Zehen auf 500 Qua­dratmetern in die Erde. Ein Testballon. Der gar nicht mal so schlecht steigt. „Wir hatten ganz ansehnliche Ware und bekamen zumindest die Kosten wieder rein.“ Ein Problem bleibt der Verkauf über einen Großhändler: „Ohne Abnahmegarantie und zu einem Preis von drei Euro pro Kilo, da zahle ich drauf.“ Kurzentschlossen setzt sich Holzapfel mit einem lokalen Einzelhandelsunternehmen in Verbindung. Und seither sind die heimischen Knollen im heimischen Supermarkt zu finden.

Im Folgejahr ist Holzapfel mutig. Er kauft eine Pflanzmaschine – immerhin eine Investition von 10.000 Euro –, eine Trocknungs- und Lüftungsanlage wird installiert. Der Landwirt baut einen halben Hektar Knoblauch an. Und weil 2014 warm und trocken, aber nicht zu trocken ist, fällt die Ernte gut aus. Ein Jahr später steigt ein zweiter Einzelhandel ein, 2016 ein dritter. Auch wenn 2016 zu feucht ist und viel Ausschuss-Knollen produziert, das Jahr gerade mit Null aufgeht und ihn ein Mitarbeiter mitten in der Ernte sitzenlässt – Holzapfel verfolgt die Knoblauch-Route konsequent. Und wird 2017 mit einem vollen Knob­lauchlager belohnt. Nächstes Jahr kommt eventuell die vierte Einzelhandelskette als Abnehmer mit dazu.

Von Ende Juni bis August ist es soweit: Die Ernte kann beginnen

Heuer ist die Ernte nicht schlecht, selbst wenn es auch für den Trockenheit liebenden Knoblauch etwas zu trocken ist. „Die Knolle ist relativ robust.“ Gute Voraussetzungen für die Zukunft mit weiteren Wetterkapriolen. „Bei einem Semester­treffen kürzlich haben viele der Landwirte gesagt, wenn sie gewusst hätten, wo das hingeht, wären sie nicht Landwirt geworden.“ Viele der jungen Landwirte wie er würden jetzt Nischen suchen. Habe man für Weizen und Raps kaum Wissen benötigt, sei das jetzt anders. „Die Devise ‚Landwirt kannst du immer noch werden‘ gibt es nicht mehr. Wir haben jetzt alle eine gute Ausbildung.“

Der globale Handel sei das Hauptproblem. „Klagen über den schlechten Preis ist keine unternehmerische Tätigkeit“, meint Holzapfel. „In allen Industriebetrieben sucht man nach Alleinstellungsmerkmalen, um im Wettbewerb bestehen zu können.“ Ob er mit Bio-Produkten punkten könne? Die Struktur seines Hofes eigne sich nicht für biologischen Anbau. „Aber ich bin auch nicht davon überzeugt.“ Im Moment beize er das Knoblauch-Pflanzgut. Ohne das sei es schwieriger, da leide das Aussehen und die Qualität. „Auch wenn es Bio ist, der Kunde kauft keinen braunen Knoblauch.“

Es geht auch frisch

Frische Knollen liefert Ludwig inzwischen auch. Für die muss es schnell gehen, „die lagern hier nur zwei Tage.“ Eventuell wird er das in der Zukunft ändern. „Ich denke da an ein Ultra-low-Oxygen-Lager, mit einer künstlichen Atmosphäre. Der Knoblauch wird konserviert. Dann könnte man bis Weihnachten frischen Knoblauch haben.“

Auch sonst sucht Holzapfel nach neuen Wegen. Er reist heuer zum zweiten Mal nach Spanien. Zu einer „Knoblauchfarm“, die ein Vater mit seinen zwei Söhnen bewirtschaftet, „eine sehr nette Familie“, schwärmt er. Es geht um neue Sorten, neue Anbautechniken. „Die machen das seit 30 Jahren und wissen, wie’s geht. Wir sind noch nicht perfekt, aber auf einem guten Weg.“

In Holzapfels Büro stehen alte Modelleisenbahnen. Die gab’s zum Geburtstag oder zu guten Zeugnissen von seinem Großvater, einem großen Sammler. Ludwig Holzapfel war 13, als sein Großvater starb. Damals wollte er Lego oder Playmobil. „Den persönlichen Wert der Eisenbahnen verstehe ich erst heute.“ Gerne würde er mit seinem Großvater nochmal reden. Was der wohl vom Knoblauch halten würde?

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