Sie malen den Himmel auf dem Boden

Der Himmel liegt auf dem Fußboden. Er ist gelb, rot, grün und auch blau. Vier Künstler laufen darauf herum und gestalten mit langen Pinseln graue Wolkenformationen und weite, karge Landschaften, die auf jedem der vier Hintergründe identisch aussehen sollen. Die riesigen, 16 mal acht Meter großen Leinwände gehören zur Kulisse der Oberammergauer Passionsspiele 2010. Leiter der Bühnenmalerei für das weltbekannte Großereignis ist der Eresinger Künstler Karl Witti, mittlerweile zum dritten Mal.

Begonnen hat die Arbeit bereits im letzten Sommer. Den ganzen Juli über saß Witti mit Bühnenbildner Stefan Hageneier zusammen und erarbeitete die künstlerische Marschrichtung für die Passionsspiele 2010. „Viel Vorgabe und Rauferei präge diese erste Phase des künstlerischen Prozesses“, schmunzelt Witti. Bei der eigentlichen Gestaltung arbeitet er mit dem russischen Künstler Alexander Ewgraf zusammen, der in Eresing sein Nachbar ist, sowie mit den Münchner Kunst- und Theatermalern Annette Standl und Christian Huber. Gemeinsam erschaffen die Vier in einer umgebauten Scheune in Unterschweinbach bei Fürstenfeldbruck die Kulissen für 13 lebende Bilder aus dem Alten Testament und für die Spielszenen der eigentlichen Passion. Die Riesenwerke erfordern ein unglaubliches Maß an Kleinarbeit. Für jedes Bild wird zunächst ein Computerentwurf entstellt, dann auf große zusammengeklebte Packpapierflächen projiziert und mit Kohle abgezeichnet. Mit einem Nährädchen werden die Umrisse abgepaust und mit kleinen Farbbeuteln sämtliche Schattierungen gekennzeichnet, bevor die Motive auf hochwertige Leinwände übertragen werden. 3000 Quadratmeter Kulisse entstehen auf diese Art und Weise. Fehler dürfen dabei nicht passieren, dazu sind die Materialkosten zu hoch. Leinwände und Farben schlagen allein mit rund 30000 Euro zu Buche. Außerdem hat das Team um Karl Witti eine Unmenge an Bühnenplastiken farblich zu gestalten - Löwen und Lämmer, Schlangen, Dornbüsche, Apfelbäume, Getreidebündel, Ölzweige, Zelte. Im März muss das komplette Bühnenbild für Fotoaufnahmen fix und fertig dastehen, damit das Buch zu den Passionsspielen rechtzeitig zum Start im Mai erscheinen kann. Der Kontakt zu dem oberbayerischen Passionsspielort stammt noch aus Wittis Zeit als Zeichenlehrer an der Berufsfachschule für Holzbildhauer und Schnitzer, die in Oberammergau angesiedelt ist. In der Festanstellung hielt es ihn jedoch nicht lange, seit 1982 ist der heute 62-Jährige als Grafiker, Kunst- und Theatermaler selbstständig und hat sich längst einen Namen als einer der herausragenden deutschen Gegenwartskünstler gemacht. „Allerdings“, schmunzelt der Vater zweier erwachsener Söhne, „gehöre ich nicht zu den 0,5 Prozent der Künstler, die vom Verkauf ihrer Bilder leben können.“ Und so arbeitet er auch für Fernsehproduktionen, für Münchner Theater, das Oktoberfest - und eben die Passionsspiele.

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