"Man hätte es bemerken müssen!"

Mit Netzen verhindert man in der JVA bereits seit Jahren, dass Gefangene sich durch einen Sprung in die Tiefe das Leben nehmen. Foto: Archiv

Ihre Stimme klingt fest, wenn Christine B. von ihrem Sohn Michael (beide Namen geändert) erzählt. Nur manchmal gerät sie ins Stocken, und ihre Worte werden leiser. Dann kehrt der Schmerz mit voller Wucht zurück, der Schmerz darüber, dass sie ihren Sohn nie mehr sehen wird. Anfang Februar hatte sich Michael B. in der Justizvollzugsanstalt das Leben genommen. Die Wärter fanden den 28-Jährigen erhängt in seiner Zelle – nur drei Tage, nachdem ein 21-jähriger Türke seinem Leben auf gleiche Weise ein Ende bereitet hatte.

Seit dem tragischen Vorfall ist die Welt für B. aus den Fugen geraten. Sie versucht sich abzulenken, stürzt sich in ihre Arbeit, doch immer wieder kreisen die Gedanken um den Tod ihres Sohnes. Vor allem eine Frage lässt sie nicht los, die Frage, ob die Tat nicht hätte verhindert werden können. Tatsächlich deutet vieles darauf hin, dass der Suizid längst nicht so überraschend kam, wie es Anstaltsleiterin Monika Groß wenige Tage nach den Vorfällen darstellte. Damals erklärte die Regierungsdirektorin gegenüber dem KREISBOTEN, dass beide Opfer in psychiatrischer Behandlung gewesen seien, es jedoch keine Verdachtsmomente gegeben habe. „Man hätte es bemerken müssen“, ist sich B. dagegen sicher. Bitternis klingt aus ihrer Stimme, wenn sie das sagt. Für die Mutter ist klar: Die Justiz hat bei ihrem Sohn kläglich versagt. Alles beginnt am 17. März 2009. Das Münchener Amtsgericht verurteilt Michael B. zu drei Jahren und zwei Monaten Haft. Die Ermittlungsbehörden hatten 13 Gramm Marihuana bei ihm gefunden, eine Zeugenaussage überführt ihn, mit sechs Kilogramm der Droge gehandelt zu haben. Der Richter erklärt im Urteil sein Einverständnis, dass B. nach einem Jahr in eine Entzugseinrichtung verlegt werden könne, sollte die Staatsanwaltschaft dem zustimmen. Ende April tritt der 28-Jährige seine Haftstrafe in Landsberg an. Dort wartet der Keller auf ihn. Gemeinsam mit drei weiteren Insassen ist B. im Untergeschoss des Hauptgebäudes auf einer Zelle untergebracht, nur ein kleines Fenster hoch oben sorgt für ein wenig Sonnenlicht. Der 28-Jährige ist einer der letzten Gefangenen, die im Keller auf eine Verlegung in den oberen, moderneren Bereich der JVA warten. Aus Brandschutzgründen wurde der veraltete Zellentrakt mittlerweile geschlossen. Zwei Monate verbringt B. in seiner Vier-Mann-Zelle. Er entwickelt Angstzu­­- ­stände, gegen die ihm die Psychiaterin erstmals Antidepressiva verschreibt. Der Keller, sagt seine Mutter, sei der Anfang vom Ende gewesen. „Er hat ihn nicht gepackt.“ Als Michael B. in eine Zwei-Mann-Zelle verlegt wird, geht es ihm ein wenig besser. „Er habe sogar arbeiten können“, erzählt Christine B.. Vor allem die Hoffnung auf einen Therapieplatz treibt den 28-Jährigen an. Ende Juni 2010 dann die folgenschwere Nachricht: Seine Verlegung sei abgelehnt worden, teilt man ihm mit. Für die Sprecherin der Staatsanwaltschaft München, Barbara Stockinger, eine absehbare Ent­schei­dung. Die Zurückstellung der Strafe sei nur für solche Täter vorgesehen, die ihre Tat auf Grund einer Betäubungsmittelabhängigkeit begangen hätten. „Das war hier nicht der Fall.“ Für B. ist es der Beginn einer psychischen Talfahrt, aus der der 28-Jährige schließlich keinen anderen Ausweg mehr als den Freitod sieht. Der Gefängnisleitung und insbesondere der Psychologin wirft Christine B. vor, eindeutige Hinweise verkannt zu haben. So ließ sich der 28-Jährige im Oktober freiwillig in Einzelhaft verlegen, eine Maßnahme, die sonst nur bei der Bestrafung von Häftlingen eingesetzt wird. Der Hofgang ist auf eine Stunde am Tag begrenzt, das Essen erhalten die Gefangenen in der Zelle. Besuche steht B. zu dieser Zeit schon längst nicht mehr durch, einzig zu seiner Mutter hält er per Brief Kontakt. Noch dreimal stellt er einen Antrag auf Verlegung in eine Suchttherapie – ohne Erfolg. Statt Hilfe erhält B. laut seiner Mutter mit Cipralex ein weiteres Antidepressivum verschrieben, vor dem das Bundesinstitut für Arzneimittel 2009 warnte, es könne bei Patienten mit Suizidgedanken das „Risiko für Auslösung von Suizidversuchen“ erhöhen. Ein Therapie sollte daher mit einer „engmaschigen Überwachung“ einhergehen. Laut Sterbeurkunde sieht ein Wärter B. letztmals um 16.15 Uhr lebendig in seiner Zelle. Beim nächsten Kontrollgang um 6.15 Uhr ist der 28-Jährige tot – also 14 Stunden später. Noch ermittelt die Staatsanwaltschaft Augsburg, versucht die genauen Umstände zu klären. In „drei bis vier Wochen“ rechne man mit Ergebnissen, teilt Sprecher Matthias Nickolai mit. In der JVA hält man sich bedeckt. Anstaltsleiterin Monika Groß sah sich nicht imstande, innerhalb von fünf Tagen eine Anfrage des KREISBOTEN zu den Vorwürfen zu beantworten. Für Christine B. ist das keine Überraschung. Bis heute wartet sie auf eine Beileidsbekundung der JVA Landsberg.

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