Geigenbau in der Lechstadt

Himmel voller Geigen

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An diesem Tisch in Landsberg am Georg-Hellmair-Platz entstehen die begehrten Instrumente des Geigenbaumeisters Martin Schleske.

Landsberg – Nach 18 Monaten war‘s endlich soweit: Geigenbaumeister Martin Schleske konnte im Juli seine Werkstatt am Georg-Hellmair-Platz beziehen. Das ganze Haus steht jetzt im Zeichen des Geigenbaus: Im ersten Stock ein kleiner Ausstellungsraum und das Büro, darüber die eigentliche Werkstatt und im dritten Stock das Akkustiklabor inklusive Lackierraum. Doch das eigentliche Juwel findet sich unterm Dach: Dort hat Schleske einen Klangraum eingerichtet, in dem Kunden die Geigen testen und klingen hören können.

In der Mitte der Galerie im Erdgeschoss steht ein großer Arbeitstisch, an den Wänden drei Geigen unter Glas und an der Stirnseite ein Regal voller Holzkeile. Aus diesen Hölzern entstehen die Instrumente des Geigenbaumeisters. „Hier habe ich meine Schätze aus Tirol, Italien und der Schweiz“, erzählt der 50-Jährige und zeigt auf eine Reihe besonders dunkler Exemplare: „Das Holz hier wurde 1882 geschlagen“. Es stamme von einer Geigenbauerdynastie in Bern, sei vom Urgroßvater geschlagen und mit Jahreszahl versehen worden, und dort habe Schleske es dann entdeckt.

Geigenbaumeister Martin Schleske (links) wählt in seiner Landsberger Werkstatt zusammen mit seinen beiden Gesellen Theresa Falkner und Jeremy Maslo das geeignete Holz für die nächste Geige aus.

In der Werkstatt sind gerade seine zwei Gesellen bei der Arbeit: Theresa Falkner und Jeremy Maslo fühlen sich offensichtlich in der entspannten Atmosphäre sehr wohl. Das Haus habe ihm sofort gefallen, erzählt Schleske: „Hier hat 500 Jahre lang auch der Karmeliterorden gelebt – das steht so zumindest in den Büchern über Denkmalschutz.“ Auch er selbst kann im Dachgeschoss seine Ruhe finden: Dort steht eine Holzliege aus Burkina Faso, „bequem genug zum Liegen, aber nicht bequem genug, um darauf einzuschlafen“, lacht der Baumeister.

Die Decken der Geigen würden meistens aus Bergfichte, die Böden aus Ahorn gemacht. Aber Schleske experimentiert auch gerne. So hängt im Treppenhaus eine Geige, deren Rand mit Filz bespannt ist. Boden und Saitenhalter sind mit Rochenhaut überzogen, die Decke mit Klematisblüten verziert „und die Schnecke ist ein 100 Millionen Jahre alter Ammonit“, beschreibt der Geigenbauer. Auch die Lacke für seine Instrumente entwickelt Schleske selbst: mit Schellack, Myrrhe oder auch Drachenblut.

So viele Fragen

Der in Stuttgart geborene Geigenbauer fing im Alter von sieben Jahren an, Geige zu spielen. Nach dem Schulabschluss absolvierte er ein vierjähriges Studium an der Geigenbauschule in Mittenwald. Doch das genügte Schleske noch nicht: „Es gab so viele Fragen, die in der Schule nicht beantwortet wurden, insbesondere zum Thema Akustik.“ Und so absolvierte er noch ein Physikstudium, um die Akustik von der Pike auf zu lernen. Seine Diplomarbeit trug den Titel: „Eigenschwingungen im Werdegang einer Geige.“

„Ich habe das Gefühl, immer noch nicht ausgelernt zu haben“, gibt der Geigenbauer zu. Er experimentiere gerne beim Geigenbau, so zum Beispiel bei der Form der F-Löcher in der Decke: „Jeder Millimeter ändert da den Klang des Instruments.“ Seine Geigen sind heiß begehrt: Schleske hat eine Liste mit Interessenten, die auf „ihre“ Geige warten: „Ich baue eine Geige und überlege mir dann, zu wem ihr Klang gehören könnte“, erklärt er sein Vorgehen. Es sei eine wahre Kunst zu spüren, welches Instrument ideal zu welchem Menschen passe.

Testphase

Die Geigerin und Professorin für Violine Lena Neudauer habe im Moment gerade eine seiner Geigen „in der Testphase“. Auch Ingolf Turban, Solist bei den Philharmonien München und Berlin, spielt auf eine Schleske-Geige: „Diese Geige hat einen sehr dominanten Ton, die hört man gut über einem Orchester heraus“, beschreibt ihr Baumeister. Für eine Geige brauche er ungefähr einen Monat, sagt Schleske. Das koste schon etwas, aber so viel wie eine Stradivari natürlich nicht: „Für Stradivari zahlen Sie so viel wie für ein sehr großes Haus – oder auch ein Schloss.“

Doch Schleskes Vorbild für den Klang seiner Geigen ist nicht eine anderes Instrument, sondern die menschliche Stimme. Deshalb steht im Dachgeschoss auch eine Schallplatte mit Maria Callas, die Schleske als seine Ikone bezeichnet. Auch wenn sie auf dem LP-Cover etwas herablassend schaue, sporne Callas‘ Stimme ihn zu immer neuen Experimenten an, selbst wenn er mit seinen Geigen nie deren Vollkommenheit nachahmen könne, denn: „Die menschliche Stimme ist in ihrer Schönheit unerreichbar.“

Susanne Greiner

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