98,80 Euro pro Tag und Häftling

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Vor dem Tor der JVA Landsberg teilte Anstaltsleiterin Monika Groß (2. v. rechts) beim Medieninformationstag die große Menge an Journalisten in drei Gruppen an.

Landsberg – Irgendwann war der Druck wohl zu groß geworden. Seitdem feststand, dass Uli Hoeneß seine Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung in Landsberg verbüssen muss, wurden das bayerische Justizministerium und die JVA Landsberg „mit einer Vielzahl von Anfragen der Medien regelrecht überrannt“, wie Hannes Hedke, Pressesprecher des Ministeriums sagte.

50 bis 60 Wünsche sollen pro Tag von den Journalisten und Kamerateams an eine der beiden Stellen herangetragen worden sein, worauf man sich in München entschloss, „das zu bündeln und zu kanalisieren“. Herausgekommen ist dabei eine Art „Tag der offenen Tür“, für den sich dann prompt fast 160 Vertreter praktisch aller wichtigen Medien aus TV, Radio, Print und Internet akkreditierten.

Dass es im Vorfeld auch Kritik an der einmaligen Veranstaltung gegeben hatte, war den Verantwortlichen durchaus bewusst, Hedke verteidigte die Entscheidung allerdings auf der Pressekonferenz in der Turnhalle der JVA Landsberg. „Es haben nicht nur Offenheit und Transparenz eine Rolle gespielt, wir mussten außerdem bedenken, dass es immerhin auch einen Informationsanspruch der Medien gibt.“ Es sei deshalb „nicht infrage gekommen, Medien teilweise auszuschließen oder die Türen ganz zu schließen“, die Interessenten sollten sich in Ruhe ein Bild von den Umständen in der Justizvollzugsanstalt machen können.

Dass der Name von Uli Hoeneß nicht genannt werden würde, machte Hedke allerdings ebenfalls unmissverständlich klar. „Wir können und werden keine Fragen zu Einzelverfahren beantworten.“ Das war auch nicht nötig, die anwesenden Kamerateams und Pressevertreter wussten schließlich, wegen wem sie aus allen Teilen Deutschlands nach Landsberg gereist waren. Dank des großen Andrangs teilte Anstaltsleiterin Monika Groß die Menge noch am Tor in drei Gruppen, die dann über drei Stunden Zeit hatten, verschiedene Gefängnisbereiche zu begutachten. Dabei durfte gefilmt und fotografiert werden und vor allem die Nachrichtensender machten von diesem Zugeständnis gleich mit ersten Beiträgen regen Gebrauch – sei es aus dem Speisesaal, der Kfz-Werkstatt, der katholischen Kirche oder vom Gefängnishof – „Hier wird Uli Hoeneß dann spazieren gehen“.

Auch mehrere Zellen waren zur Besichtigung freigegeben und die Medienvertreter untersuchten jedes Detail der Einrichtung genaustens – immerhin muss, vor allem im Fern- sehen, das Material von diesem Tag für die nächsten Monate die Berichterstattung über den gestürzten Bayern-Manager unterfüttern. Dabei wird dann offensichtlich jede noch so kleine Banalität wichtig. So ließen sich die Reporter bei der abschließenden Pressekonferenz zunächst Käse- und Wurstsemmeln schmecken und erfragten dann Dinge, von denen nicht immer klar war, wer sich dafür interessieren sollte: Dass „die Gefangenen“ (also Hoeneß) keinen Zugang zum Bezahlfernsehen „Sky“ haben (was bekannt war), dass sie ihr Abendessen bereits um genau 15.40 Uhr auf einem Tablett abholen müssten (was weniger bekannt war), es dann aber zu einem beliebigen Zeitpunkt in der Zelle verzehren könnten und dass die Kosten für den Freistaat für „einen Häftling“ pro Tag bei 98,80 Euro liegen, diese Summe aber nicht in Rechnung gestellt wird.

Auch sonst blieb wenig unerforscht, geduldig beantworteten die Vertreter von Ministe­rium und JVA eine Stunde lang alle Fragen. Ja, die Häftlinge werden für ihre Arbeit bezahlt (in fünf Stufen mit Zu- und Abschlägen, in Stufe 3 gibt es 11,94 Euro pro Tag). Und, nein, dieses Geld müssen sie nicht versteuern. Ja, zwischen den maximal drei Besuchern und dem Insassen gibt es eine deckenhohe Trennscheibe wie im Film, das aber nur, wenn vorher schon einmal etwas geschmuggelt wurde – wer sich nichts zuschulden kommen lässt, der darf dagegen Körperkontakt haben.

Weitere Themen, die eifrig aufgezeichnet wurden: Mögliche Disziplinarmaßnahmen (reichen von Verweis über Fernsehverbot bis Arrest); die Frage, ob Häftlinge, die gute Fußballer sind (also Hoeneß), die anderen auch anleiten dürfen (dürfen sie nicht, dafür sind ausschließlich die „Sportbeamten“ zuständig – die haben auch alle einen Übungsleiterschein) und für wieviele Gefangene momentan Platz ist (wegen Umbauarbeiten nur 554 statt 720).

Als der Wissensdurst endlich gestillt schien, kam sie dann doch noch, die Frage, die von Landsberg-Besuchern seit Jahrzehnten mehr oder weniger verschämt gestellt wird: „Existiert die Hitler-Zelle eigentlich noch?“ (sie tut es bekanntlich schon lange nicht mehr). Als auch das dann geklärt war, räumte das Medienheer zufrieden seine Sachen zusammen, ließ sich am Südportal Schlüssel, Taschen und Handys wieder aushändigen und zerstreute sich nach vier Stunden in alle Himmelsrichtungen – im Gepäck wichtige und weniger wichtige Wahrheiten aus dem Gefängnis in Landsberg.

Christoph Kruse

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